Susanne Weinhöppel
Schon in der Früh so glücklich
Über die Bitternis grünen Tees
Notizen
Ich bin Teetrinkerin und als solche habe ich da meine persönlichen Vorlieben. Kaffee schmeckt mir nicht, deshalb ist die Gastronomie für mich eine Katastrophe, vor allem mit diesen neuen Gepflogenheiten, den Teebeutel auf einem Extrateller zu bringen. Wenn ich den Beutel in die Tasse werfe und feststelle, dass das Wasser gerade einmal lauwarm ist, möchte ich sofort eine Bombe schmeißen.
Mein Mann trinkt eigentlich Kaffee, von einer Tasse Tee am Morgen abgesehen. Nun besteht er darauf, diesen Morgentee selbst zuzubereiten, er ist Perfektionist und behauptet, ich lasse den Tee nicht lange genug ziehen.
Was dann kommt schmeckt sehr bitter, aber er hat so viel Freude daran, mir diesen morgendlichen Liebesdienst zu erweisen.
Und dann ist da noch etwas anderes: Ich habe bzw. hatte ein kleines Wutproblem, das ich jetzt nicht in allen unschönen Einzelheiten erörtern möchte. Aber wer so etwas hat, muss lernen, damit umzugehen, Anti-Aggressionstraining sozusagen. Für mich war hier der Buddhismus sehr heilsam. Ich konnte ihm etwas liebevollen Gleichmut abringen.
Und den übe ich jetzt jeden Morgen an meinem Mann.
Äußerst zugewandt bringt er mir die erste Tasse Tee ans Bett. Ich nehme dann einen Schluck in seinem Beisein, und obwohl meine Geschmacksknospen in der Früh noch taub sind, schmeckt’s mir schon nicht. Ich lächle aber dankbar, es ist doch so lieb von ihm! Immerhin treibt mich der bittere Geschmack aus dem Bett.
Im Bad trinke ich zum zweiten Mal und spucke alles gleich ins Waschbecken. Vorm Klo kommt noch die Zeitung. Die tröstet mich gar nicht, es steht ja nichts drin, was mich aufbauen könnte. Krisen, Geld, Krankheiten und wo es gerade kracht. Da kann ich auch meinen Tee trinken, der ist wenigstens gesund. Im Übrigen ist Zeitunglesen bis auf die Todesanzeigen sehr schlecht für den buddhistischen Gleichmut. Ich bin einfach noch nicht so weit.
Schon die Wissenschaftsseite könnte einen wütend machen, wenn wieder neue Medikamente für unsere Krankheiten, Krebs, Parkinson und ähnliches gefunden werden, während die Infektionskrankheiten der Dritten Welt forschungsmäßig auf der Strecke bleiben. Die Menschen dort kriegen viel seltener Krebs, weil sie schon vorher sterben.
Allerdings ist hier Corona ein gewisser Ausgleich gewesen. Ich bin mir aber unsicher, ob meine Zufriedenheit darüber wirklich buddhistisch ist.
Zum Trost nippe ich an der Tasse und kriege jetzt doch schlechte Laune. Ich schau in die Küche, mein Mann ist immer noch da, so dass ich mir keinen neuen Tee machen kann. In einer Art Übersprungshandlung lobe ich aber den Tee und trinke wieder. Ich muntere mich damit auf, dass zumindest das Teein sehr stark ist. Dann denke ich an den Ukraine-Krieg, wie froh wären da manche, wenn sie solch herrliches Gebräu zu trinken kriegten. Aber mir wird sofort klar, dass kein Mensch, außer er ist im Koma oder am Verdursten, über so etwas froh sein kann.
Beim nächsten Schluck zieht es mir schon den ganzen Mund zusammen und mein Magen reagiert auch. Ich denke an die vielen Diabeteskranken, die bei uns verfrüht sterben müssen. Dagegen soll ja der grüne Tee so gut sein. Bis jetzt habe ich allerdings noch kein Diabetes, vielleicht wegen des Tees.
Zur Ablenkung schalte ich den Fernseher ein und sehe Putin. Über den ärgere ich mich wenigstens nicht, mehr über seine einstigen Wähler und die, die ihn gut finden. Die allerdings könnten mich wirklich aufregen. Gegen Putin allein könnte man ja vielleicht etwas machen. Bomben, Scharfschützen, was auch immer, hier hat mein Buddhismus Grenzen. Wobei Diktatoren oft ein unglaubliches Überlebenspotential haben. Hitler, von immerhin 39 Prozent der Deutschen gewählt, hat 44 Anschläge überlebt. Vielleicht hätte man ihn beim 45. Anschlag erwischt. Aber wie kriegt man die Wähler weg?
Während ich wieder trinke, wird mir klar, dass ich an meinem Leben grundsätzlich etwas ändern muss, zumindest das mit dem Tee. Und mein Mann fragt gutgelaunt, ob er mir nachschenken soll. Wie kann ich denn diese liebevolle Fröhlichkeit einfach so zerstören? Was habe ich denn dafür anzubieten? Nichts, also trinke ich wieder und gieße den Rest unbemerkt in die Blumen.
Und mein Mann geht einfach nicht, im Gegenteil, er nähert sich wieder mit der Kanne und schenkt mir nach. Da kann ich einfach nicht mehr und brülle los: Ich kann diese Ehe keinen Tag länger mehr ertragen, entweder du stirbst sofort oder ich will die Scheidung!
Dann gebe ich ihm einen solchen Tritt, dass er zum Fenster hinausfliegt mitsamt der Teekanne. Die zerbricht sofort und ihr Inhalt fließt übers Trottoir. Endlich kann ich mir einen neuen Tee machen. Die alte Kanne mochte ich sowieso nie.
Nein, nein, das war nur ein kleiner Scherz.
Mein Mann schenkt mir nach und ich sage: Vielen Dank, Liebling.
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