Susanne Weinhöppel
Wer bin ich?
Essay
Eines Tages, da war ich ungefähr 7 Jahre alt, hat meine Mutter die Reformhaus-Ernährung entdeckt. Das ganze stand unter der Prämisse: Der Mensch ist, was er isst. Ich aber war von da an einfach nur ein Kind, dem sein Essen nicht schmeckte. Und weil man als Kind abhängig ist von dem, was einem zuhause vorgesetzt wird, hatte ich einen Mangel, der mich auf bestimmte Weise geprägt hat.
Der nächste Spruch, der aufkam war: Du bist was du tust. Damit sollten wir Kinder zum Fleiß angeregt werden. Das Gegenteil war der Fall. Ich war eine schlechte Schülerin und eine renitente Tochter, die in einer guten Gegend lebte.
Was davon war prägend, was hat meine Identität bestimmt? Lag es an der guten Gegend in der ich mich, wie unter Zwang, daneben benehmen musste, oder an meiner Mutter, die unbedingt wollte, dass ich Einser anstatt Fünfer heimbringe, dass ich aufsässig war?
Renitenz war eine Eigenschaft, die mir als Jugendliche viele zugeschrieben haben, ich fühlte mich aber als Opfer. Wie geht das zusammen? Wer bestimmt eigentlich, was unsere Identität ist: wir oder die anderen? Geht es darum, wie ich mich fühle, oder wie die anderen mich wahrnehmen, oder beides?
Die anderen reagieren auf uns, nämlich auf den Aufprall unserer Persönlichkeit auf die ihre. Diese Reaktion wirkt dann wieder auf uns zurück, bestimmt unser Verhalten und unser Selbstbild. Und so ist unser wer bin ich etwas fließendes, abhängig von Personen und jeweiligenThemen. Ich erlebe mich in meiner Yogagruppe anders als auf der Geburtstagsfeier meiner ägyptischen Freundin.
Wer die Identität bestimmt, ist auch eine Frage von oben und unten. Eltern geben ihren Kindern eine Vorstellung von sich selbst durch Spiegelung. Sie gebrauchen Worte, die den Kindern die Sicherheit geben, sich als ein gutes, schönes, kluges oder dummes Kind wahrzunehmen.

Bis ins 20.Jahrhundert hinein wurden Frauen von Männern beschrieben und bewertet. Wie sie die Männer definiert haben, das war eher etwas für den Kaffeeklatsch. Die Identität der Inder haben Engländer beschrieben, auch Kant, Schelling, Marx und Hegel. Letzterer hat sich besonders böse über sie ausgelassen, war niemals in Indien und ist dann in Berlin an der indischen Hydra, der Cholera, gestorben. Gott ist gerecht!
Bei Wikipedia liest man, Identität sei die Gesamtheit der Eigenschaften einer Gruppe. Heute reicht für eine Identität manchmal schon eine Eigenschaft aus, z.B. übergewichtig, hochbegabt oder depressiv.
Früher hatten einzelne Menschen diese Eigenschaften, litten darunter und vereinsamten oft. Das Internet ermöglicht diesen Individuen, sich zu einer Gruppe zusammenzufinden und ihre Leidensgeschichte zu teilen.
Nur bei der Geschlechteridentität ist die gemeinsame Geschichte nicht mehr notwendig, seitdem man sein Geschlecht jederzeit selbst bestimmen kann, ohne Vorbereitung, wie sie bei Transsexuellen vor der finalen Operation immer noch sein muss.

Ich selbst empfand die Frauenrolle oft als Bürde, sie war aber alternativlos. Eine Freundin von mir, bis vor 15 Jahren ein Mann, erzählte, sie habe sich als Mann immer schlechter gefühlt, fing dann an, mit der Frauenrolle zu experimentieren, bis sie dabei geblieben sei. Ich respektiere das und spreche sie mit dem weiblichen Namen an. Nun möchte sie aber, dass ich mit ihr von Frau zu Frau rede, sie als Frau erlebe.
Wir teilen weder die Geschichte unserer Körper, noch ermöglicht sie mir einen Umgang wie ich ihn mit anderen nahen Freundinnen habe. Allein ihre körperliche Unnahbarkeit, während meine Freundinnen und ich uns anfassen, in den Arm nehmen oder uns über die Wange streichen, steht nicht für einen Kontakt zwischen Busenfreundinnen. Wir Mädels ziehen uns oft gegenseitig auf, mit den Zellulite-Dellen, Falten, Hängebusen, es wird laut gelacht, und das nicht nur über die Probleme mit Einsteins Relativitätstheorie.
Aber meine Freundin ist nicht albern und sie kann sich nicht über ihren Körper lustig machen, es sei denn, sie könnte mit uns darüber lachen, dass sie sich in ihrem Männerkörper als Frau sieht. Unter dem Druck der Kolonial- und Frauen-Geschichte wage ich nicht, ihr das Frau-Sein abzusprechen. Sie fühlt sich so und ich fühle sie eben anders und ich bin nicht die einzige. Sie spürt das und sieht sich als Opfer.
Es scheint, als spiele dieser Opferaspekt in den modernen Identitätskonflikten eine große Rolle. Opfer wollen allerdings nur Gruppen sein. Wenn man einen einzelnen so bezeichnet, ist es ein Schimpfwort.
Wir möchten gesehen sein in unserer Gruppenzugehörigkeit und in unserer Einzigartigkeit, die sich in Gedanken, Gefühlen, in der Sprache und in allem möglichen ausdrückt, auch in unserer Kleidung. Obwohl wir seit den 60er Jahren vielfach eine Uniform tragen, nämlich Jeans. Eine Schulkameradin, die immer noch eine beneidenswert gute Figur hat und stets Jeans mit hübschen, gut besuchten Blusen oder T-Shirts trug, wollte mir gegenüber ihren individuellen Stil betonen und sagte: So ziehe halt ich mich an.
Seit den 2000er Jahren seien die Kunden so schwierig geworden, erzählte meine Friseurin. Wenn man ihnen einen Kaffee bringt, sagen manche Damen ganz aufgebracht: ‚Ich nehme keinen Zucker, ich nehme niemals Zucker in den Kaffee‘. Früher hätten sie das Zuckertütchen einfach liegen gelassen und wären froh gewesen, dass es überhaupt Kaffee gibt. Es scheint wichtig, auszudrücken, die zu sein, die keinen Zucker nimmt oder den Schweinsbraten nur mit Knödeln isst.
Wir sind doch mehr als nur Zuckerverweigerer oder Raucher. Gibt es uns nur, wenn man uns ein Label anhängt?
Was bin ich nicht schon alles gewesen: Harfenistin, Feministin, Geliebte, Kratzbürste, Jüdin, Mutter und manchmal alles gleichzeitig. Ich war ein Kabarettprogramm, das meine Freundin, die Kabarettistin Tina Teubner, immer ihrer Zeit voraus, schon 1998 aufgeführt hat.
Ob schwarz, weiß, muslimisch, reich oder hässlich, die Erfahrungen, die wir aufgrund unserer Eigenschaften und Attribute gemacht haben, prägen und unterscheiden uns. Aber was fangen wir damit an, wie wichtig ist das für unser Leben?
Für Buddhisten sind das alles Konzepte unseres Egos, das es aufzulösen gilt, was mir eher vernünftig erscheint, weil das Ego oft so schmerzt. Buddhisten beschreiten, um diese Auflösung zu vollbringen, einen langen Weg. Aber auch ohne Buddhismus ist unser Leben ein Weg, der uns an Orte, in Zustände und zu Erlebnissen führt, die wir nicht vorhergesehen haben und die uns verändern.
Es wäre hinderlich bei irgendeiner von außen oder innen bestimmten Zuschreibung stehen zubleiben. Ich z.B. bin immer noch Mutter, aber das Kind ist längst aus dem Haus, also sollte ich am besten mehr sein als das, sonst würde ich sehr unglücklich.
Der totale Identitätsverweigerer war Lohengrin. Nie sollst du mich befragen sagte er zu Elsa, seiner Geliebten, sie tat es aber doch, und deshalb entschwand er wie viele Männer vor und nach ihm. Allerdings hatte er als Sohn des Gralshüters Parsifal, also von göttlichem Adel, eine Mission zu erfüllen, zu der die Geheimhaltung seiner Herkunft gehörte. Das Ganze ging schlecht aus für alle, deshalb interessiert mich sein Vater mehr, und zwar nicht in der versimpelten Wagner-Geschichte, sondern in den mittelalterlichen Quellen.
Parsifal verlässt die Mutter, zieht in die Welt hinaus, macht ziemlich viel Mist, ist nicht korrekt im Umgang mit Frauen, tötet den Roten Ritter, der ein Guter ist. Dann sucht er den Gral, einen Stein, der Nahrung hervorbringt. Der befindet sich bei seinem schwer leidenden, am Hoden verwundeten Onkel Anfortas, worüber nicht gesprochen wird.
Beim ersten Treffen schweigt Parsifal, weil ihm beigebracht wurde, nichts zu fragen. Erst beim zweiten Treffen sagt er die erlösenden Worte: Onkel, was fehlt dir? Sein Weg führte ihn zum Mitgefühl, zur Wahrnehmung des anderen. Ich kenne Menschen, die auch mit Identität nicht soweit gekommen sind. Parsifal, erst naiver Sohn, dann Haudegen, Ritter, Suchender, wurde Gralshüter. Damit ist seine Geschichte zu Ende, unsere aber nicht.
Wir können uns weiterentwickeln und noch alles mögliche werden.
In meinem Fall ist aus dem Kind, dem sein Essen nicht schmeckte, eine gute Köchin geworden. Dem Sohn dieses Kindes haben die mütterlichen Gerichte immer hervorragend gemundet, und er ist heute ein guter Koch. Erstaunlicherweise können gegenteilige Voraussetzungen manchmal zum gleichen Ergebnis führen. Und bei den zahllosen Küchenschlachten- und Wer-macht-das-beste-Dinner- Sendungen, die heute ausgestrahlt werden, ist das Gut-Kochen vielleicht auch eine Identität.
Das führt mich zu der Frage, die ich schon am Anfang hätte stellen sollen: Was genau ist Identität eigentlich?
Bilder: KI-generiert
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