Susanne Weinhöppel
Was ist nur aus uns geworden!
Essay

Als Jugendliche befand ich mich in einer Peer-Group, die hochfliegende Pläne hatte. Wir waren links, Nach-68er, und meinten, die Welt zu einer besseren und gerechteren verändern zu können.

Was taten wir dazu? Wir kritisierten die Ungerechten und Mächtigen: unsere Eltern, die Regierung, die Kapitalisten, die Schule und dann die Unis.

Ich war oft ratlos, wenn ich die Belehrungen der ein bis zwei Jahre älteren Jungs über mich ergehen lassen musste, den Ausdruck mansplaining gab es damals noch nicht. Zum Beispiel dachte ich in meiner Naivität, man müsse großzügig sein und sein Geld teilen. Das galt aber nur für Kapitalisten. Persönlich hatten wir nichts mit dem allgemeinen Unrecht auf der Welt zu tun, wir befanden uns zwar im Klassenkampf, aber nicht untereinander.

Es war völlig in Ordnung, Bücher zu stehlen, man nahm es ja von den Reichen. Wir waren zu blöd, um den Überlebenskampf von Buchhandlungen beurteilen zu können.

Dafür machten wir an Feiertagen Ausflüge zum Starnbergersee, um verbotenerweise Privatgrundstücke zu betreten. In der bairischen Verfassung steht nämlich geschrieben, dass der Zugang zu den Naturschönheiten an jeder Stelle der Allgemeinheit offenstehen muss, so auch einige Meter an den Seeufern.

Es war ein kühler Maitag und durch ein sagenhaftes Glück waren die Eigentümer dort, wo wir einbrachen, nicht da. Ich mochte Ärger noch nie, aber das behielt ich für mich und tat so, als sei ich sehr enttäuscht, nicht mit Kapitalisten um mein Grundrecht streiten zu können.

Wir demonstrierten gegen unsere Politiker, für Frauenrechte demonstrierten nur Frauen, dieses Unrecht war nicht so wichtig, erst kam der Klassenkampf.

Und dann machten wir unsere Ausbildungen, wir waren alle privilegiert und studierten. Während ich mich an der damals komplett unpolitischen Musikhochschule abplagte, tobten in Afrika Bürgerkriege und Hungerkatastrophen, um die ich mich nicht kümmerte. Ich musste üben. 

Es war nicht so, wie bei meinen Freunden, die Jura, Archäologie, Philosophie oder Soziologie studierten. Die lernten immer erst vor den Prüfungen, zweimal im Jahr etwa 4 Wochen.

Aber ich hatte Glück, denn ich war in einer äußerst schwierigen Beziehung. Mein Freund wollte sich nicht über das Unrecht in der Welt unterhalten. Deswegen fühlte ich mich sehr unverstanden und übte noch mehr, so dass mein Freund auch am Wochenende allein zum Wandern gehen musste.

Sehr oft fühlte ich mich ungerecht behandelt, weil meine schroffe, kratzbürstige Art so manchen Mitmenschen verprellte. In den wenigen Fällen, wo es zu einem Gespräch darüber kam, beteuerte ich immer, dass meine Worte doch ganz anders gemeint gewesen seien, während mein Gegenüber von deren kränkender Wirkung sprach. Mir war nicht klar, dass unsere Wirkung nur die anderen beurteilen können.

Politisch gab es zwischen mir und meinen Freunden kaum noch Streit, man hatte meist die gleiche Meinung. Aber eines Tages kam ein alter Bekannter meiner Mitbewohnerin aus Südafrika zu Besuch und äußerte die Ansicht, die Schwarzen würden sich ohne das Eingreifen der Weißen nur die Köpfe einschlagen.

Das war ein gefundenes Fressen für uns, endlich konnten wir wieder so richtig loslegen für die gerechte Sache. Wir prügelten mit Worten auf den Mann ein, nahmen die Europäische Geschichte zu Hilfe, in der man sich schließlich auch die Köpfe eingeschlagen hatte. Unsere Art mit ihm umzugehen, war, ohne, dass es uns bewusst war, geradezu ein Nachstellen dieser Geschichte. 

Er war Koch und verstand unseren Standpunkt überhaupt nicht, denn er war uns an Bildung unterlegen. Darauf nahmen wir aber keine Rücksicht, obwohl uns die Arbeiterklasse so am Herzen lag. Wenn uns die gerechte Sache nicht über alles gegangen wäre, hätten wir von ihm etwas über Südafrika erfahren können.

Heute frage ich mich, wo sie in meinem Leben geblieben ist, die gerechte Sache?

Ich habe versucht, meinen harmlosen Beruf ordentlich auszuüben, mein Kind einigermaßen anständig zu erziehen, meinen Mann nicht zu oft zu schlagen und ansonsten ein einigermaßen netter Mensch zu sein, was mir nicht immer gelungen ist. 

Für die großen Belange fehlten mir Zeit, Kraft und Gelegenheit. Ich bin immer noch so naiv zu denken, dass es gut ist, seine Mittel zu teilen, auch wenn ich es nicht immer gern tue. Darüber hinaus trage ich zur Gerechtigkeit in der Welt bei, indem ich schöne Meinungen absondere, genau wie als Jugendliche.

Ein Freund von mir wollte Schriftsteller werden, schrieb zwar kaum Erzählungen oder Romane, arbeitete aber intensiv an seiner Ablehnungsrede des Nobelpreises, weil, seiner Meinung nach, diese Preise nach völlig falschen und unrechtmäßigen Kriterien vergeben wurden.

Der Nobelpreis wurde ihm nie angeboten, er ist heute aber ein renommierter Anwalt und man kann mit ihm eine gute Zeit haben.

Eine andere Freundin, von adliger Herkunft, hat mit über Dreißig eine Lehre gemacht und führt seit langem einen bodenständigen Handwerksbetrieb.

Der Lieblingsfeind aus der Schulzeit, damals bei der Jungen Union, heute Journalist, ist ein überaus verständiger feiner Mensch geworden, mit dem ich interessante Gespräche führe. Heute ist er bei den Grünen, ich würde aber auch mit ihm reden, wenn er immer noch bei der CSU wäre. Ich bin toleranter geworden.

Wir sind alle mehr oder weniger gesettelt und versuchen wenigstens durch Spenden moralisch auf der richtigen Seite zu stehen.

Nur eine Freundin ist Marxistin geblieben und schimpft ständig über die ungerechte Verteilung des Kapitals, was mir ziemlich auf die Nerven geht. Neulich versuchte ich ihr das Problem mit dem sich ändernden Gesundheitssystem nahezubringen. 

Meine engste Freundin ist Psychotherapeutin und hat Zukunftsängste. Aber soweit kam ich nicht, weil sie mir vollkommen im Ernst erklärte, dass sie sich über die von der Regierung verfügte Honorarverringerung von Ärzten und Therapeuten freue, denn schließlich würden die Kassiererinnen im Supermarkt nochviel weniger verdienen.

Ich habe mir vorgestellt, wie jede Gehaltskürzung eines Therapeuten oder Arztes direkt auf das Konto einer Kassiererin überwiesen würde. Wenn es um Gleichheit geht, dann war nur der Stalinismus wirklich gerecht, da hat jeder vor Angst gezittert.

Menschen haben unterschiedliche Werte und Wünsche und unterschiedliche Glücksgüter, wie Schönheit, Gesundheit, Intelligenz, Charme, nette Eltern usw., die sind naturgemäß nicht gleichmäßig verteilt. Beim Geld wäre es theoretisch möglich, aber da ich nicht notleidend bin, habe ich mich an den Zustand der finanziellen Ungleichheit gewöhnt.
Immerhin können wir uns gegen Unrecht einsetzen und genau das tat meine, mir damals so verhasste, kapitalistische Mutter.

Eines Tages kam meine große Schwester völlig verstört von der Schule nach Hause. Ihre Grundschullehrerin hatte ein Mädchen in ihrer Klasse verprügelt, und zwar so heftig, dass die ganze Klasse vor Schreck erstarrt war.

Meine Mutter hörte sich das ruhig an und fragte dann nach der Adresse des geschundenen Mädchens. Noch am selben Nachmittag schlug sie dort auf, redete mit der Mutter des Kindes und versuchte sie dazu zu bewegen, sich zu beschweren, weil man Kinder so nicht behandeln dürfe. 

Diese andere Mutter war eine einfache Frau, hatte Angst vor Autoritäten und wollte um jeden Preis die Sache auf sich beruhen lassen, obwohl meine Mutter ihr versicherte, gemeinsam mit ihr ins Ministerium zu gehen und es mit ihr durchzustehen. Und das hätte sie getan, denn sie marschierte in Ministerien, wenn sie es für nötig hielt, ohne sich von Titeln und Uniformen beeindrucken zu lassen.

Die Lehrerin meiner Schwester hätte unter Garantie ihren Job verloren, wenn auch vielleicht nur, um den Kultusminister vor meiner Mutter zu schützen, denn sie war eine gnadenlose Nervensäge.

Heute kann ich nicht mehr verstehen, woher ich als Jugendliche die Sicherheit nahm, über Gerechtigkeit und Menschenglück zu urteilen.

Ich verstehe nämlich gar nichts von Gerechtigkeit und noch weniger von den Menschen und ihren Wünschen. Die Kaufkräftigen stürzen sich im Moment auf SpaceX-Aktien von Elon Musks Weltraumfirma. Mit dem Geld, das eine Rakete, die ins Universum geschossen wird, kostet, könnte man vermutlich Afrika retten.

Aber auch die Studenten, die Free Palestine rufen, sind mir ein Rätsel. Wenn ich die Welt retten will, dann suche ich mir doch nicht ein so winziges Gebiet aus!

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Susanne Weinhöppel

Susanne Weinhöppel, Münchnerin, studierte Konzertharfenistin, spielt Klassik, Neue Musik, macht eigene Bühnenprogramme mit Texten und Chansons zur Harfe und schreibt Glossen und Geschichten. Ihre derzeitigen Soloprogramme sind: Die Liebe gibt es. Die Liebe gibt es. Ein Abend... Passt nicht ins Programm - Jüdische Lieder Susanne Weinhöppel wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schwabinger Kunstpreis für “künstlerische Unangepasstheit und kreativen Freigeist“. Es entstanden 5 CDs bei kip-records. "Susanne Weinhöppel, Kabarettistin, Harfenistin, Melancholikerin und Kratzbürste, ist zweifellos ein Glücksfall für die Welt der großen kleinen Kunst. Eine Rampensau mit profunder musikalischer Ausbildung, weiß sie um die Abgründe des Lebens – und weil sie so oft in ihnen wandelt, hat sie die Waffen dagegen immer dabei, den Humor und die Liebe. Beides verteilt sie großzügig. Wenn sie singt, greift sie zur Harfe, fest entschlossen, zu bewegen und zu berühren. Ihre Geschichten sind bedingungslos ehrlich, abgrundtief komisch und wenn’s sein muss auch mal sehr banal – warum nicht, wenn es der Wahrheitsfindung dient." (Tina Teubner)

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Lothar Losig

    Mit Verlaub, aber ein Essay ist das nicht, sondern eine inkonsistente Aneinanderreihung von Wehklagen einer Person, die offensichtlich erst im Alter anfängt, ihre Privilegien und ihre Idée fixe zu hinterfragen. So sehr man sich für jeden Mensch freuen kann, der von seiner Vernunft Gebrauch macht, künstlerischen Wert sehe ich in diesem Fall leider nicht.

  2. c. h. huber

    ich freue mich immer über ihre artikel, bin oft ihrer meinung und staune über ihre persönliche entwicklung, die eigentlich eine ganz natürliche ist, denke ich. dennoch gut, sie hier zu kolportieren, so können auch wir angeregt werden und die unsere überdenken.

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