Susanne Weinhöppel
Wahre Welt
Die großartige Fernsehwerbung und
mein kleines Leben
Essay
Als ich sieben war, bekamen wir einen Fernseher. Alle anderen hatten schon längst einen. Jetzt sollte man meinen, ich hätte ab da nur noch glotzen wollen. Komischerweise war ich aber gar nicht so scharf aufs Fernsehen. Nur eines hat mich total fasziniert, und das war die Werbung.
Die Welt, in der das Glück zuhause ist und die Autos sauber sind. Die Welt, in der das Essen immer schmeckt, sogar die Unox-Suppe nach Gutsherrenart. Wo die Mütter liebevoll sind und ihren Kindern richtige Medizin geben, nicht irgendwelche homöopathischen Kügelchen, die nicht einmal gut schmecken.
Die Väter sind zuhause und haben Zeit, mit den Kindern Fußball zu spielen. Die schwarzen Sklaven sitzen vor dem Herrenhaus und mampfen glücklich ihren Reis am festlich gedeckten Tisch. Und glücklich waren sie alle, das konnte man sehen. Sie waren immer gut drauf, auch beim Putzen.

Ich habe jedes Wort geglaubt.
Die Reinigungskraft von Meister Proper, oder vom General war für mich unbestritten, genauso der Vitamingehalt von Bounty: Zarte Vitamine von einem Schokoladenhauch umhüllt. Sie erinnern sich vielleicht noch.
Aber in mir stellte sich mehr und mehr das Gefühl ein, vom Leben ausgeschlossen zu sein. Wir waren offensichtlich die einzige Familie, in der immer nur gestritten wurde. In meiner Familie stimmte Jacobs Krönung garantiert nicht versöhnlich, ausserdem gab es bei uns vorwiegend Kräutertee.
Des weiteren glänzten unsere Fußböden nicht, dass man sich drin spiegeln kann, weil es bei uns wegen der vielen Bücher so staubig war. Hinzu kam der Gesundheitswahn meiner Mutter, der dafür sorgte, dass ich als einziges von allen Kindern weit und breit nie die Freuden eines Milky Ways erfahren habe.
Unsere Unterhaltungen kreisten um Kriege, Hungersnöte, die vielleicht die Kochkünste meiner Mutter relativieren sollten, Äthiopien und Biafra, Intendantenwechsel und Svjatoslav Richters Hörsturz. Nie so nette harmlose Sätze wie: Na, wie schmeckt die Suppe, Schatz? Oder: Ist die Wäsche diesmal weich genug? Meine Mutter benutzte kein Lenor, weil das nicht gesund war.
Es wurde schon manchmal etwas Lustiges erzählt, z.B.der Beinbruch einer bekannten Ballerina, aber die Mittellage fehlte.
Für unsere geistigen Bedürfnisse gab es auch nur Vollwertkost: Wahlverwandschaften, Krieg und Frieden, Madame Bovary, Schuld und Sühne, usw. Ich muss zugeben, dass mir die literarische Qualität dieser Bücher nicht auffiel.
Was mich an ihnen fesselte, war die Tatsache, dass ich zum ersten Mal Leute kennenlernte, bei denen auch alles schiefging, sogar wenn sie von Adel waren. Das Dumme war nur, dass ich solche Leute in meinem wirklichen Leben damals nie kennengelernt habe.
Aber die Werbung konnte ich überall im Leben wiederfinden, allerdings nur im Leben der Anderen.
Meine Schulfreundinnen hatten Eltern, die waren jung, zum Teil jedenfalls, und sie waren nett zu ihren Kindern, zumindest in meiner Anwesenheit. Das Essen schmeckte dort, die Wohnung war sauber, und gestritten wurde sowieso nicht.
Wenn die eine oder andere Mutter mal ein geschwollenes Auge hatte, war sie halt gegen den Türknauf gefallen. Sowas kann vorkommen. Bei einer Freundin war der Vater plötzlich weg, es hieß, er sei auf einer Bohrinsel. Meine Freundinnen durften auch massenweise Schokolade essen, wurden obendrein nicht dick und kriegten nicht einmal Pickel.
Ich war allein auf meiner Probleminsel und fühlte mich ausgeschlossen vom wahren Leben. Da konnten mir die vielen Bücher auch nicht heraushelfen. Die Frau von 30 Jahren, mit 14! Ich habe mich angestrengt, so zu sein wie die Anderen, und mein Leben so zu leben wie die Leute in der Glotze. Weil die Typen in der Stuyvesant-Werbung so gut drauf waren, habe ich zu rauchen angefangen. Ich rauche heute noch, aber die Wirkung will und will sich nicht einstellen.
Oder die Amselfelder-Reklame: Weil die atmosphärisch so schön und harmonisch gestaltet war, habe ich mich mit einer Flasche französischen Rotweins und einem sehr hübschen Glas in den Garten gesetzt. Das Wetter war herrlich, es sah eigentlich alles so gut aus wie im Fernsehen.
Aber wie ich da so gesessen bin in meinem Gartenmöbel mit dem Rotweinglas in der Hand, wußte ich irgendwie nicht mehr weiter. Eigentlich war mir langweilig. Der Wein hat mir auch nicht geschmeckt. Ich habe ihn aber fertig getrunken, so leicht wollte ich dann doch nicht aufgeben. Irgendwann wurde mir schlecht, und ich mußte mich übergeben. Seitdem habe ich nie mehr Alkohol getrunken. Ich war sehr enttäuscht.
Irgendwann habe ich erkannt, daß ich mit meinen Eltern auf keinen grünen Zweig komme und bin von zuhause ausgezogen, als letzter Versuch zur Normalität. Und dann lebte ich viele Jahre ganz ohne Fernseher. Das ging gut. Ich habe sehr viele Freundschaften geschlossen mit Menschen, die so ähnliche Probleme hatten wie ich und genauso viele. Einige hatten sogar Probleme, die nicht einmal ich hatte.
Ich habe ganz gut gelebt, studiert und das gemacht, was meine Freunde auch gemacht haben und an die Werbung und deren betörende Lebensdarstellung nicht mehr gedacht. Durchs Zeitunglesen bemerkte ich Randbezirke, eine Realität mit Armut, Kriegen und Schmerzen, die sich nicht nur von den Werbespots, sondern auch von meiner kleinen Welt unterschied. Mit diesem dritten, wohl größten Bereich hatte ich kaum Berührung, auch dann nicht, als ich mein Kind großzog und das Leben komplizierter wurde.
Ich hatte draußen mit Berufskollegen zu tun, mit Bundesbahnschaffnern, bei Elternabenden mit Lehrern, und anderen Eltern, die mich an die früheren Eltern meiner Kindheitsgefährtinnen erinnerten. Daneben gab es das Eigene, den Freundeskreis, in dem es manchmal harmonisch war, manchmal schwierig oder auch lustig, und das war meine eigene gute Welt.
Dann habe ich bei meiner besten Freundin, als sie mit Grippe darniederlag, genau die homöopathischen Tropfen und Kügelchen entdeckt, die mir meine Mutter immer eingeflößt hatte. Natürlich war mir klar, dass meine Freundin nicht im Mainstream der Gesellschaft mitschwimmt. Aber dass ich mein Elternhaus bei ihr wiederfand, war eine Ernüchterung.
Seit drei Jahren habe ich wieder einen Fernseher.
Ich kontrolliere eifrig die Reklame, wie auch die amerikanischen Serien, die dazwischen kommen. Die unterscheiden sich optisch kaum von den Werbespots. Da nur noch alte Leute fernsehen, hat man das Altersniveau der Darsteller in einigen Spots angehoben und die Inhalte korrigiert. Es gibt keine glücklichen schwarzen Putzfrauen mehr, dafür hübsche, gepflegte ältere Menschen, die nach dem Auftragen der Rheuma-Salbe so schmerzfrei mit ihren Enkeln spielen, dass sogar deren Katze beleidigt ist.
Bei mir wirken diese Produkte nicht, ich bin wohl anders. Bei den Frauen gibt es ca. 5 verschiedene Frisuren in etlichen Farben, kombiniert zu vielleicht 7 unterschiedlichen Outfits. Sie sind alle wahnsinnig schlank, viel schlanker als ich, nur die Größe ist nicht gleich. Da kann man, glaube ich, noch nichts machen.
Und die essen auch nur, was man sieht: das Stückchen Pizza von Dr.Oetker, oder ein Mon Cherie. Die denken nie ans Essen, sonst könnten sie dieses Traumgewicht gar nicht halten. Ich kämpfe Tag und Nacht gegen meinen Hunger an und scheitere. Aber einige meiner Freundinnen haben damit noch größeren Ärger als ich.
Nun sind wir in einem Alter, in dem ein paar Kilos mehr, rein ästhetisch, wurscht sind. Es gibt sogar Studien, die besagen, dass Frauen, die ein bisschen molliger sind, älter werden. Dieses Wissen hat mein Unbewusstes aber nicht erreicht, sehr wohl dagegen die herrlichen Körper von 25-jährigen aus der Werbung, mit denen auch Jane Fonda nicht mithalten kann, trotz ihres lebenslänglichen Körpertrainings. Und das, was sie im letzten Jahr gegessen hat, passt wahrscheinlich auf meinen Küchentisch.
Angesichts des Welthungers und all der furchtbaren Ereignisse, die draußen passieren, ist das lächerlich. Man sollte genießen, was man genießen kann, besonders im Alter.
Wie kann es nur sein, dass Bilder, von denen ich weiß, dass sie falsch sind, in mir immer noch eine Gültigkeit haben?
Ich hatte doch Sinn und Freude in meinem Leben! Und trotzdem gibt es diese Stimme aus einer Ecke meines Gehirns, die mir sagt, ich hätte es nicht geschafft, das ganz normale Glücklichsein.
Illustration: KI-generiert
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