Susanne Weinhöppel
Peinlich, peinlich!
Über die Scham
Notizen
Eine Freundin bewohnte vor Jahren eine Altbauwohnung mit Blick auf einen reizenden Hof. Im Hinterhaus hatte ein gutaussehender Restaurator sein Atelier. Oft arbeitete er im Hof, und wir konnten ihm vom Fenster aus zusehen.
Vivian war in ihn verknallt, ohne je ein Wort mit ihm gewechselt zu haben.
Eines Morgens empfing sie mich in einem Hemdchen. Trotz unserer Verabredung war sie gerade erst aufgestanden.
Während ich das Frühstück vorbereitete, stand sie auf dem Fensterbrett, um ihre Vorhänge abzunehmen. Plötzlich kreischte sie auf und begann laut zu wehklagen.
Was war geschehen? Der Restaurator war über den Hof gegangen, hatte zu ihr heraufgeschaut, und ihr war bewusst geworden, dass sie keine Unterhose anhatte. Sie glühte vor Scham und war gar nicht mehr zu beruhigen. Ich sagte ihr, dass das alles einfach nur ein blödes Zusammentreffen gewesen sei und er bestimmt nicht davon ausging, dass sie sich ihm absichtlich so habe zeigen wollen.
Und was hatte er denn schon gesehen?
Das weibliche Genital bekommt man in einschlägigen Filmen und Medien deutlicher präsentiert. Die Hälfte der Menschheit ist mit ihm versehen. Es ist so allgemein, dass er einen viel persönlicheren und entlarvenderen Einblick gehabt hätte, wenn er die Cremetöpfchen im Bad oder gar das bestickte Deckchen auf ihrer Ablage im Flur gesehen hätte.
Aber Scham folgt nicht der Vernunft. Der vermeintlich verurteilende Blick des Anderen löst dieses brennende Gefühl aus, mit dem wir dann verzweifelt allein sind.
Davon hätte ich Vivian ein Lied singen können, weil ich eine peinliche Mutter hatte, der als Amerikanerin deutsche Konventionen nicht vertraut waren. Sie verstand nicht, warum ein Kind darunter leidet, in Shorts und T-Shirt am Turnunterricht teilnehmen zu müssen, wenn alle anderen Mädchen Turnanzüge tragen.
Gelegentlich kam sie unangekündigt, noch während des Unterrichts, in die Schule, um uns für irgendein Ereignis abzuholen, manchmal war es nur der Ausverkauf. Schon am Klopfen erkannte ich sie, weil es so laut war, dass die ganze Klasse erschrak.

Die Tür wurde geöffnet und schon schoß unser weißer Königspudel Moxi herein, auf direktem Weg zur Nonne, um dann zwischen ihren Beinen zu verschwinden. Man sah nur noch seinen weiß wedelnden Schwanz zwischen den schwarzen Rockschößen. Er liebte Nonnen.
Schwester Barbara versuchte mit der einen Hand Moxi von sich wegzuschieben, und mit der anderen hielt sie ihren schwarzen Rock vorne zusammen, um Moxi von ihrer wohlriechenden Stelle so weit wie möglich entfernt zu halten, was nicht gelang. Seine Schnauze war so schnell über, unter und neben ihrer Hand, die er zwischendurch abschleckte, als würde er von allen Seiten gleichzeitig schnüffeln. Diese Situation dauerte eine ganze Weile, bis meine Mutter sich auf den Weg machte und den Hund wegzog.
Schwester Barbara muss das sehr unangenehm gewesen sein. Der Hund stellte genau die Körperregion von ihr aus, die in ihrem Leben keine Rolle zu spielen, eigentlich gar nicht zu existieren hatte. Ich war die einzige, die sich zusätzlich zur eigenen Scham, nämlich die eine solche Mutter zu haben, auch noch fremdschämte. Bei den anderen überwogen der Spaß und die Schadenfreude. Das für mich schlimmste Ende der Situation war, dass meine Mutter laut zu Schwester Barbara sagte, wir müssten jetzt zum Psychologen. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden Psychologen bei uns noch Irrenärzte genannt.
Es war unmöglich, mit den Klassenkameradinnen darüber zu sprechen, jedes Wort hätte es nur schlimmer gemacht und in mir blieb zusätzlich zur Scham noch das Gefühl einer Schuld zurück: es war doch meine Mutter und unser Hund, die für die Aufregung gesorgt hatten.
Zum Thema Scham sind nach Schätzung der KI bis zu zwei Millionen Seiten geschrieben worden, von christlicher Moraltheologie, Soziologie, Philosophie bis zu psychoanalytischen Schriften.
Zur Scham gehören oft Schuld und Schande. Die Allermeisten kennen dieses Dreiergespann, das in der Kindheit beginnt und ins weitere Leben mitgenommen wird. Wir brauchen nicht einmal andere dafür, weil wir deren Blick längst verinnerlicht haben.
Wir schämen uns, weil uns der Mann betrügt, weil wir schnarchen, weil wir statt dem ersten nur den zweiten Platz erreicht haben, alt sind, schwitzen, stolpern etc. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen und es sind meistens Zustände oder Begebenheiten, für die wir wenig bis gar nichts können.
Heute schäme ich mich manchmal für die Politik Israels, obwohl ich noch nicht einmal Israelin bin und dort gewählt habe. Aber als Jüdin fühle ich mich diesem Staat verbunden. Auch meiner Mutter fühlte ich mich immer verbunden, selbst als ihre Unterhose am Münchner Marienplatz zu Boden rutschte, sie sie dann aufhob und in ihre Handtasche steckte. Meine Schuld liegt möglicherweise in dieser Verbundenheit, die manche als Schande empfinden würden.
Unsere geheimsten Gefühle könnten zur Schande werden.
Denken Sie nur an die Frauen, die Heiratsschwindlern zum Opfer fielen. Sicherlich ist der Umstand peinlich, blöd genug gewesen zu sein, einem Betrüger auf den Leim zu gehen, aber das Schlimmste ist das, was dahintersteckt: Man war so bedürftig nach Liebe, dass man dafür sogar sein letztes Erspartes zusammengekratzt hat.
Für so einen Betrug kann man nichts, er widerfährt einem. Und es ist höchst bedauerlich, dass die betrogenen Frauen sich dafür schämen und das Erlebnis obendrein als Schande empfinden, so dass sie oft nicht zur Polizei gehen.
An dieser Stelle könnte man auf die Genderfrage kommen, wenn ich an all die Frauen denke, die sich ihres Busens schämen, und zwar, weil er ihnen zu groß erscheint. Einige Bekannte von mir haben sich, ohne medizinische Not, einer Brustverkleinerung unterzogen. Aber noch nie hat man einen Mann sagen hören: Ich konnte es nicht mehr ertragen, wir haben in der Mitte etwas herausnehmen müssen.
Gelegentlich schämte ich mich über vergangene Taten, die mir erst nach Jahren ins Gedächtnis kommen. Zum Beispiel unnötig herzlos gewesen zu sein. Interessanterweise war mir das, während ich so handelte, nie klar, erst viel später. Die Scham dafür war gerechtfertigt und dann kam das Gefühl der Schuld hinzu, denn ich war schuld am Schmerz eines anderen. Aber es führte dazu, mich in ähnlichen Situationen besser zu verhalten. In zwei Fällen konnte ich mich sogar entschuldigen, das hat zumindest mich erleichtert.
Schuld ist ein westliches Konzept; der Dalai Lama sagte, die Tibeter kennen es nicht, sie kennen aber durchaus die Verpflichtung, Verantwortung für schädliche Handlungen zu übernehmen. Schuldgefühle führen nämlich nicht zwangsläufig dazu, dass man Verantwortung übernimmt, doch wäre man bei manchen Tätern über Schuldgefühle schon froh.
Oder haben Sie schon einmal ein hochrangiges Mitglied der NSDAP sagen hören: Ich bin an schlimmen Taten beteiligt gewesen. Auch wenn ich es damals nicht gesehen habe, schäme ich mich heute sehr dafür...?
Auch die Epstein-Affäre würde völlig anders verlaufen, wenn sich auch nur ein Täter zu seiner Schuld bekannt hätte.
Es wird für Personen des öffentlichen Lebens und Angehörige des Hochadels vor allem als Schande empfunden, mit so schweren Vorwürfen in Verbindung gebracht zu werden. Und genau das interessiert die Öffentlichkeit, der Scheinwerfer ist auf die Täter gerichtet, die verletzten Opfer bleiben auch noch in ihrer Scham allein.
Seit 2009 gibt es den Begriff Fremdschämen, obwohl es das Gefühl vermutlich schon immer gab. Aber plötzlich schämten sich alle fremd, und bei manchen Menschen hatte ich das Gefühl, sie hielten sich für besonders zart besaitet und irgendwie geistig hochstehend, wenn sie sich für jemanden schämten, der einen schlüpfrigen Witz erzählte. Fremdschämen ist Eigenschämen, man identifiziert sich mit einer anderen Person und stülpt ihr das eigene Wertesystem über.
Ist es nicht ein wenig hochmütig, sich für jemand anderen zu schämen, der dies offenbar nicht selbst tut, weil er keinen Grund dafür sieht? Vielleicht schämt er sich in 20 Jahren dafür, sollte er es dann genauso empfinden wie der Fremdschämer. Menschen benehmen sich manchmal eigenartig oder reden Unsinn. Was habe ich schon für Schmarrn von mir gegeben, und das im Brustton der Überzeugung. Erst Jahrzehnte später fiel mir das wieder ein und dann wurde mir ganz heiß vor Peinlichkeit.
Aber die anderen haben es bestimmt längst vergessen und ich habe mich letztlich nur in die lange Schlange der Unsinnsredner eingereiht.
Es ist nicht anzunehmen, dass ich gänzlich damit aufhören werde, manchmal etwas Dummes zu erzählen (oder zu schreiben), dessen ich mich später irgendwann schämen werde. Aber wenn es so lange dauert wie früher, bis mir meine Untaten klar werden, werde ich es nicht mehr erleben müssen.
Denn ich will das nicht, ich habe mir Scham verboten. Ich empfinde sie als masochistisches, selbstzerstörerisches Gefühl. Und trotzdem überfällt sie mich immer wieder völlig unvorbereitet.
Aber wenn mir das passiert, schaue ich mir die Situation kurz an, bedaure mich sehr, um mir dann erneut zu verbieten, mich je wieder zu schämen. Und da diskutiere ich nicht mit mir.
Illustration: Reinhard Walcher
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen
