Susanne Weinhöppel
Liebes-Sekunde
Notizen

Seit vielen Jahren bin ich mit einem Mann befreundet, der jede Frau anbaggert, das ist der Georg. Er sieht nicht besonders gut aus, hat soviel Geist wie ein Autoreifen, ist aber ausgesprochen liebenswürdig und fröhlich. Nur was außer seiner Beharrlichkeit erotisch für ihn spricht, wüsste ich nicht zu sagen.

Er hat meine Freundin Hanni angemacht, als sie schwanger war, meine Schwester, als sie frisch verliebt war, was er aber wusste. Bei der 70-jährigen Mutter von Hanni hat er es ebenso probiert und mich wollte er flachlegen, da war ich gerade 2 Wochen in den Wechseljahren und habe geschwitzt wie ein Holzfäller.

Meine Kollegin Ruth hat ihre Mutter beerdigt, noch auf dem Friedhof hat er sie betätschelt. Als es mit ihr nichts zu werden drohte, begann er beim Leichenschmaus ihrer Schwester schlüpfrige Angebote zu machen.

Er hat es bei fast allen Frauen probiert, die ich kenne, und letztens habe ich ihn gefragt, warum er sich pausenlos Körbe holt, wo das in den meisten Fällen doch schon vorher absehbar ist. Darauf hat er energisch widersprochen und mir seine Theorie dargelegt:

Alle Frauen haben einmal am Tag einen Moment, in dem sie mit jedem Mann ins Bett gehen würden, und zwar in ihrer Liebes-Sekunde. Und er spekuliert jedesmal darauf, sie genau dann zu erwischen.

Ich habe kurz überlegt und musste ihm rechtgeben, die Liebessekunde existiert wirklich. Sie entgeht uns aber oft, weil wir mit irgendetwas anderem beschäftigt sind und nicht genau in diesem Moment Männern begegnen.

Aber, geschätzte Leserin, haben Sie denn noch nie erlebt, dass Ihnen beim Semmelholen Ihr alter Bäcker, bei dem sie schon seit 20 Jahren einkaufen, plötzlich im Glorienschein seiner Männlichkeit erstrahlte? Genauso der Paketbote mit seinem sexy-ausländischen Akzent, der für alle im Haus die Päckchen bei mir abgab. Er ist halt meist sehr in Eile.
Und neulich kam abends um Sechs endlich, nachdem ich 10 Stunden gewartet hatte, der Elektriker völlig verschwitzt bei mir an. Und ich dachte: Was riecht dieser Mann gut!

Letzte Woche erschien mir eines Abends der Busfahrer vom 54er unglaublich begehrenswert. Wenn der nicht an seine Route gebunden gewesen wäre, hätte ich ihn angemacht. Ehrlich gesagt, ich habe ihn angemacht.

Außer mir waren nur noch fünf Leute im Bus. Als wir durch den Englischen Garten fuhren, bin ich zum Fahrer gegangen und habe ihm auf die Schulter getippt. Man soll ja während der Fahrt nicht mit ihm sprechen, und das wollte ich auch nicht. Ich habe nur gesagt: Fahren Sie doch da vorne rechts ´ran und geben Sie den anderen Fahrgästen über den Lautsprecher bekannt, der Bus hätte eine Panne, sie müssten leider alle aussteigen.

Der Mann hat mich angesehen als wäre ich eine Terroristin, die seinen Bus entführen will. An der nächsten Haltestelle habe ich, schamrot, den Bus verlassen.

Mein Scheitern gab mir dann doch zu denken. Zuerst meinte ich, mein Vorhaben wäre erfolgreicher gewesen, wenn ich ihn geduzt hätte, aber dann wurde mir klar, dass ich ungefähr 25 Jahre älter bin als dieser Busfahrer. Und offensichtlich war es nicht seine Liebes-Sekunde.

Beim Elektriker hätte ich es probieren sollen.

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Susanne Weinhöppel

Susanne Weinhöppel, Münchnerin, studierte Konzertharfenistin, spielt Klassik, Neue Musik, macht eigene Bühnenprogramme mit Texten und Chansons zur Harfe und schreibt Glossen und Geschichten. Ihre derzeitigen Soloprogramme sind: Die Liebe gibt es. Die Liebe gibt es. Ein Abend... Passt nicht ins Programm - Jüdische Lieder Susanne Weinhöppel wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schwabinger Kunstpreis für “künstlerische Unangepasstheit und kreativen Freigeist“. Es entstanden 5 CDs bei kip-records. "Susanne Weinhöppel, Kabarettistin, Harfenistin, Melancholikerin und Kratzbürste, ist zweifellos ein Glücksfall für die Welt der großen kleinen Kunst. Eine Rampensau mit profunder musikalischer Ausbildung, weiß sie um die Abgründe des Lebens – und weil sie so oft in ihnen wandelt, hat sie die Waffen dagegen immer dabei, den Humor und die Liebe. Beides verteilt sie großzügig. Wenn sie singt, greift sie zur Harfe, fest entschlossen, zu bewegen und zu berühren. Ihre Geschichten sind bedingungslos ehrlich, abgrundtief komisch und wenn’s sein muss auch mal sehr banal – warum nicht, wenn es der Wahrheitsfindung dient." (Tina Teubner)

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Erich Hörtnagl

    Liebe Frau Weinhöppel,

    äusserst unterhaltsam und ironisch auf höchstem Niveau – gratuliere zu diesem Essay, das neben seinem Unterhaltungswert auch „wissenschaftlich“ höchst informativ ist. Bitte weiter so!
    Ganz lieben Gruß aus Schweden – wo solche wissenswerte „Bekenntnisse“ immer mehr unter den (Ikea-)Stuhl gekehrt werden.
    Erich Hörtnagl

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