Susanne Weinhöppel
Die Schwierigkeit mit der Wahrheit
und der Lüge
Essay

In meiner Kindheit war Lügen etwas Schlimmes, zumindest, wenn es Kinder taten. Ich wurde oft bestraft, weil ich Untaten abstritt, die nicht ich, sondern meine Schwestern begangen hatten. Sie meinten wahrscheinlich, mir, als Jüngster, würde schon nicht so viel passieren.

Es wäre alles harmlos gewesen, wenn mich die Verhöre, denen ich unterzogen wurde, nicht derart verunsichert hätten, dass ich zum Schluss selber nicht mehr wusste, wie es wirklich gewesen war, und etwas zugab, dass ich gar nicht getan hatte. Es ging dabei um Banalitäten wie etwa: Wer hat den Schokopudding aufgegessen?
Ich hätte es ja gerne getan, aber meine Schwestern waren schneller.

Vielleicht hat mein Gehirn unter dem Stress der väterlichen Befragung den Wunsch mit der Tat verwechselt.

So etwas passiert nicht nur Kindern, manchmal brechen auch erwachsene Beschuldigte bei harten Verhören zusammen und gestehen Verbrechen, die sie nicht begangen haben. Psychologen haben dazu viele Theorien, und obwohl man mittlerweile gut in den Kopf hineinschauen kann, sieht man nicht die Stelle, an der die Wahrheit gespeichert wird.

Wahrheit ist bei uns ein philosophischer Begriff, der sich für manche nicht mit dem der Realität deckt. Dabei fällt mir Wolf Biermann ein, der in einem Konzert, noch in seiner kommunistischen Phase, sagte: Man könne mit bestimmten Wahrheiten (damit meinte er Verbrechen der damals noch bestehenden DDR) auch die große Wahrheit des Kommunismus verleugnen.

Deshalb spreche ich hier vom indischen Wahrheitsbegriff satya, von sat – sein, das, was ist, und das war es auch, was die Eltern damals meinten, von uns hören zu wollen.

Sie selbst und die anderen Erwachsenen in meinem Umfeld logen, was das Zeug hielt: Nein, der Papa war nicht betrunken, es war ihm nur schlecht, deshalb hat er so gewackelt beim Gehen. Nein, das war doch nicht der Herr Dr. Mohnkettler, der in der Früh aus dem Haus von Frau Miller gekommen ist, sondern ihr Bruder.

Ich war nie kurzsichtig und meine Mutter auch nicht, die das gleiche beobachtet hatte. Herr Dr. Mohnkettler war ein Freund meines Vaters und oft bei uns zu Gast, und genau zu dieser Zeit war Herr Miller, der Mann der Nachbarin, verreist. Ich wusste das, weil ich fast täglich ihr Dienstmädchen besuchte. Die hat allerdings die Behauptung meiner Mutter bestätigt. Da Sexualität in meinem Hirn noch nicht existierte, konnte ich mir keinen Reim darauf machen.

Und so wurde schon früh die Schwierigkeit mit Wahrheit und Lüge angelegt. Kinder sollten die Wahrheit sagen, aber damit war nicht gemeint, dass wir unserer Mutter mitteilen sollten, wie abscheulich das Mittagessen geschmeckt hat, oder dem Vater unsere Angst vor seinem Gebrüll und vor seinen Schlägen.

Bei kleinen Kindern wurde noch geduldet, wenn sie etwas Entlarvendes äußerten. Kinder haben durch ihren Konkretismus die Fähigkeit, Doppelmoral aufzudecken. Ich erinnere, dass ein unverheiratetes Paar in unserem Haus zur Untermiete wohnte, der Herr Klotz und das Fräulein Leiber, eigentlich illegal, es gab noch den Kuppeleiparagraphen. Meine Eltern waren in diesem Punkt sehr liberal, aber nicht einmal das wurde thematisiert.

Ich war 3 Jahre alt und mochte unsere Untermieter sehr, in Herrn Klotz war ich sogar verliebt. Eines Tages sagte ich vor versammelter Runde: Wenn ich groß bin, heirate ich Herrn Klotz und dann heiße ich Fräulein Leiber. Sie lief rot an, dennoch wurde sehr gelacht. Immerhin hatte ich verstanden, dass Frauen mit der Eheschließung einen anderen Namen annehmen müssen. Das blieb in Deutschland so bis 1975.

Später ahnte ich, dass es mehrere Wahrheiten nebeneinander gibt. Frau Miller trug, wenn ihr Mann zuhause war, gelegentlich eine Sonnenbrille. Es hieß, sie habe Bindehautentzündung. Obwohl ich ihr blaues Auge gesehen hatte und im Sommer manchmal rote Druckstellen an ihrem Arm, waren die Millers nach außen ein normales, sich liebendes Ehepaar.

Das war die Oberfläche der Wahrheit. Dann gab es noch innere Wahrheiten und die hatten etwas mit Frau Millers blauen Flecken und den nächtlichen Besuchen des Herrn Dr. Mohnkettler zu tun. Das alles konnte nebeneinander existieren, wobei man die inneren Wahrheiten niemals aussprechen durfte.

Und trotz dieses Wissens bin ich in der 4.Grundschulklasse auf einen katholischen Religionslehrer hereingefallen. Dieser junge Kaplan erzählte uns als einziger von der Unterdrückung der Juden durch die Römer, und wie sehr die Juden damals den Messias herbeigesehnt haben, damit er sie von diesem Joch befreie. Deswegen habe es in dieser Zeit sehr viele gegeben, die sich als Messias ausgegeben haben und einige Menschen wären ihnen auch fälschlicherweise gefolgt.

Die Hausaufgabe war dann, sich das alles vorzustellen und ins Religionsheft zu schreiben, ob wir an Jesus geglaubt hätten oder nicht. Ich bin zuhause tief in mich gegangen.

Zu der Zeit klingelten oft noch Hausierer an der Tür und boten Waren an, die fast nie von unserer Mutter gekauft wurden. Und ich habe mir vorgestellt, wie all diese falschen Messiasse vorbeikämen, anklopften und sagten: Grüß Gott, ich bin der Messias. Spätestens beim dritten Messias hätte ich jeden Glauben verloren. Und so schrieb ich, dass ich unter diesen Umständen nicht an Jesus geglaubt hätte. Ich war die einzige von 40 Mädchen.

Eine innere Wahrheit muss mir entgangen sein.

Von da an hatte ich eine tiefe Abneigung gegen innere Wahrheiten und beschloss, in meinem Leben keine Geheimnisse zu haben und Situationen zu vermeiden, in denen man sich durchmogeln muss.

Wenn mich in der Schule die sadistische Geschichtslehrerin, Schwester Margarete, abfragen wollte, sagte ich gleich, ich hätte nicht gelernt und kassierte ein Nichtgenügend. Andere ließen sich von ihr quälen, bis bittere Tränen flossen, um dann knapp durchzukommen.

Mit dieser Methode bin ich weitgehend gut gefahren, nur dass die wenigen Affären, die ich während meiner langen Ehe hatte, sehr kurz waren, weil ich auf Nachfragen meines Mannes sofort eingeknickt bin. Im Lügen bin ich eine komplette Versagerin, und das hat sicher mit den väterlichen Verhören meiner Kindheit zu tun.

Vertrauen Sie mir deshalb bitte nichts an!

Durch eine Freundin, eine große Geheimnisträgerin, weiß ich, dass die häufigsten Geheimnisse von der Art sind, wie: Wer schläft mit Frau Bluntschli? Oder Welche Krankheit hat Herr Moser. Mit so etwas möchte ich mich nicht belasten.

Studien besagen, dass die meisten Menschen etwa 2 Mal am Tag lügen. Meist sind es soziale Höflichkeitslügen wie ja, dein Kleid ist schön, oder alles gut wenn es einem so richtig mies geht. Man will den anderen nicht belasten, und wenn das Kleid schon gekauft ist, warum dann die Freundin kränken.

Sicher gibt es krankhafte Lügner und Kriminelle, die vom Lügen leben. Wenn es das einzige ist, was sie können, ist das verständlich, der Mensch muss ja essen.

Manchmal erleben Menschen Schlimmes, wenn sie merken, dass ihr Partner ein Verhältnis hat, der das aber abstreitet. Der Betrogene, der dem Partner ja glauben möchte, muss dann eine innere Wahrheit, die er spürt, verleugnen. Aber unsere unbewussten Sensoren lassen sich nicht täuschen. So etwas kann tatsächlich verrückt machen und ist der eigentliche Betrug.

Die meisten Menschen brauchen Gewissheiten, an denen sie sich festhalten können. Manchmal haben sie diese von vertrauenseinflößenden Leuten übernommen, und es sind eigentlich Lügen. Damit hatten wir es während der Corona-Zeit allzu oft zu tun und auf Social Media ist es gang und gäbe.

Unsere Gesellschaft ist mit Phänomenen konfrontiert, die meiner Generation neu sind. Wir dachten, was in der Zeitung steht, oder auf bestimmten Sendern ausgestrahlt wird, ist Fakt. Interessant war, was nicht in der Zeitung zu finden war und warum. Manchmal logen auch Zeitungen, aber wenn das aufkam, dann verlor jemand seinen Posten.

Viele glauben aber heute, dass genau diese Medien lügen und vertrauen nur noch den Informationen ihrer Blase auf Social Media. Auf Social Media teilen sich auch einige Staatsoberhäupter mit und auf öffentlich-rechtlichen Kanälen konfabulieren sie mittlerweile genauso. Man weiß nicht mehr, ob sie es selbst wissen, wenn sie lügen.

Diese Entwicklung begann für mich mit der ersten Antrittsrede Donald Trumps, als man sogar über den Bildschirm den Glanz leerer Stühle sah. Hinterher hörte man ihn sagen, noch nie sei eine Antrittsrede so gut besucht gewesen. Mittlerweile gibt die höchste Stelle der westlichen Welt, das Weiße Haus, bearbeitete Fotos heraus und steht zu ihrem Fake.

Wir werden offiziell getäuscht und es bedeutet nichts mehr.

Was macht das mit uns Menschen, was mit unseren Gewissheiten? Ist die Wahrheit jetzt das Weiße Haus selbst, so wie 1976 der Kommunismus für Wolf Biermann?
Können sich Menschen damit begnügen, bloß zu wissen, wo das nächste Wurstbrot herkommt, und daraus ihre großen Wahrheiten ableiten?

Ich hoffe nur, dass die Anhänger dieses Weißen Hauses niemals ihre Kinder bestrafen, wenn die über ihre kleinen Verfehlungen Lügen erzählen.

Die väterlichen Verhöre meiner Kindheit wünsche ich keinem, und doch wäre es interessant, wie sich Donald Trump in solch einem Verhör schlagen würde. Aber wahrscheinlich wäre mein Vater einem so bösen Kind gar nicht beigekommen.


Susanne Weinhöppel
Kabarettistin, Harfenistin, Melancholikerin und Kratzbürste
Kontakt: https://www.susanne-weinhoeppel.com/





Fotonachweis: 1. Foto KI- generiertt / 2. Foto: Florian Schneider

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Susanne Weinhöppel

Susanne Weinhöppel, Münchnerin, studierte Konzertharfenistin, spielt Klassik, Neue Musik, macht eigene Bühnenprogramme mit Texten und Chansons zur Harfe und schreibt Glossen und Geschichten. Ihre derzeitigen Soloprogramme sind: Die Liebe gibt es. Die Liebe gibt es. Ein Abend... Passt nicht ins Programm - Jüdische Lieder Susanne Weinhöppel wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schwabinger Kunstpreis für “künstlerische Unangepasstheit und kreativen Freigeist“. Es entstanden 5 CDs bei kip-records. "Susanne Weinhöppel, Kabarettistin, Harfenistin, Melancholikerin und Kratzbürste, ist zweifellos ein Glücksfall für die Welt der großen kleinen Kunst. Eine Rampensau mit profunder musikalischer Ausbildung, weiß sie um die Abgründe des Lebens – und weil sie so oft in ihnen wandelt, hat sie die Waffen dagegen immer dabei, den Humor und die Liebe. Beides verteilt sie großzügig. Wenn sie singt, greift sie zur Harfe, fest entschlossen, zu bewegen und zu berühren. Ihre Geschichten sind bedingungslos ehrlich, abgrundtief komisch und wenn’s sein muss auch mal sehr banal – warum nicht, wenn es der Wahrheitsfindung dient." (Tina Teubner)

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