Susanne Weinhöppel
Die Lebensträume
der Sandwichgeneration
Essay
Meine Generation wurde von Eltern erzogen, die in ihrer Kindheit und Jugend Krieg, KZ oder Flucht erlebt hatten.
Es ging ihnen bei der Erziehung ihrer Kinder nicht um schöne Gefühle, sondern ums Funktionieren in einer oft feindlichen Gesellschaft. Man hatte in der Schule seine Leistung zu erbringen, Geld für Nachhilfe war oft einfach nicht vorhanden. Es hieß: Was du im Kopf hast, kann dir keiner nehmen.
Nun waren meine Eltern auch noch sehr kunstinteressiert. Meine Mutter wäre eigentlich gern Musikerin geworden. Zeitlebens nahm sie es ihren Eltern übel, sie nicht zum Klavierüben angehalten zu haben. Gleichzeitig wusste sie, dass so etwas zu damaliger Zeit aus verschiedenen Gründen nicht möglich gewesen wäre und ihre Eltern zurecht auf anderes geschaut hatten.
Bei mir wollte sie deshalb die Sache gleich richtig angehen und mir, neben der Vermittlung bildungsbürgerlichen Wissens in einem humanistischen Gymnasium, auch die Musik nahebringen. Kaum konnte ich Hänschenklein fehlerfrei singen, begann auch schon der Klavierunterricht.
Schon bald übte ich morgens von Halbsechs bis Sieben Etüden, nachmittags spielte ich die schöne Literatur. Einmal wöchentlich erhielt ich Unterricht in Musiktheorie und Harmonielehre.
Und auch der Körper musste ausgebildet werden. Während meine Freundin sich ihre Ballettstunden bei ihren Eltern erkämpfen musste, hatte ich jeden Freitag inmitten einer Elfenschar als Babyelefant herumzustapfen. Montags wurde ich in den Schwimmverein gezwungen, weil mein Vater insgeheim gern eine Sportlerkarriere gemacht hätte. Meine breiten Schultern wiesen mich, seiner Meinung nach, als Schwimmbegabung aus.
Ich gehe bis heute nicht ins Wasser, auch nicht an heißesten Sommertagen, wie mir überhaupt alle Bewegungsarten verhasst sind.
Meine Ausbildung war so teuer, dass meine Eltern kaum Taschengeld für mich erübrigen konnten. Und wann hätte ich es auch ausgeben sollen? Da ich gar keine Betätigungen kannte, die Spaß machten, entschied ich mich für das Vertraute und studierte Musik. An Geldmangel war ich gewöhnt.
Meine Berufsfindung war nicht die Erfüllung eines Lebenstraums, aber mit diesem Schicksal war ich beileibe nicht die einzige. Bis zum 20. Jahrhundert war den meisten Menschen die Berufswahl sogar vorgegeben. Für Mädchen gab es, neben einigen dienenden Tätigkeiten, die Möglichkeit ins Kloster zu gehen oder zu heiraten. Buben erlernten den väterlichen Beruf oder ein damit verwandtes Handwerk. Immerhin hatte das den Vorteil, dass man nicht bis fünfunddreißig mit seiner Selbstfindung beschäftigt war.
Selbst der Komponist Antonin Dvořák musste eine Metzgerlehre machen, weil sein Vater ein Wirtshaus hatte. Da er aber von Kindesbeinen an Bratsche spielte und später auch noch Orgel, durfte er, nachdem er mit sechzehn Metzgergeselle war, auf die Orgelschule.
Aus ihm ist ein großer Komponist geworden, dessen Musik ein Geschenk an die Menschheit ist, was man von meinem Klavierspiel nicht behaupten kann. Immerhin wird es vom mehrheitlich unmusikalischen Publikum unserer Pfarreikonzerte wohlwollend aufgenommen. Hauptsächlich unterrichte ich zahlungswillige, jedoch meist unbegabte Schüler.
Die wichtigste Aufgabe in meinem Leben war die Erziehung meiner Tochter. Myriels Glück war mein höchstes Ziel. Fünf Barbiepuppen hatte sie, dazu einen Ken und das ganze Zubehör bis hin zur Barbie-Beauty-Farm. Sie musste mir nie bei der Hausarbeit helfen, dafür ging sie, im Gegensatz zu mir, gern in den Ballettunterricht, natürlich nur wegen ihrer Freundinnen.
Genau wie ich war sie das Nilpferd zwischen den Elflein, aber ihr fiel das nicht auf, genauso wenig bemerkte sie später, dass sich die Nachbarn über ihr Geigenspiel beschwerten. Das fand einmal die Woche vor ihrer Geigenstunde statt.
Sie liebte jede Art von Freizeitbeschäftigungen, allerdings klang ihre Begeisterung rasch ab. Ein halbes Jahr lang spielte sie Klarinette, dann Tennis, irgendwann nahm sie vier Wochen Malstunden, um dann einen Selbstverteidigungskurs zu machen. Ich hätte jede ihrer Leidenschaften gerne unterstützt, aber sie hatte keine, die über drei Monate hinausging.
Am meisten interessierte sie sich für Mode, darum wollte sie abnehmen. Zusätzlich zu ihren Kuchen- und Eismahlzeiten kochte ich ihr daher zweimal täglich kalorienarme Menüs. Funktioniert hat es nicht, sie sprach vom Jojo-Effekt. Ich hatte immer gedacht, für den Jojo-Effekt müsse man schon einmal abgenommen haben. Aber so lernen wir durch unsere Kinder.
Ihre Privatschule kostete mich Unsummen, doch es lohnte sich, auch wenn ich mir jahrelang nichts Neues zum Anziehen kaufen konnte. Sie hat letztlich ihr Abitur gemacht. Dann fuhr sie 3 Jahre in der Welt herum und jobbte, dies aber nicht ausreichend. Alle paar Monate musste ich ihr Geld überweisen.
Irgendwann begann sie zu studieren, jedes Semester etwas anderes. An ihrem 31.Geburtstag, meinte ich, es könne so nicht weitergehen. Sie bekam von mir keine finanzielle Unterstützung mehr, nichts, was über die Grundversorgung hinausging. Dann hat sie endlich eine Ausbildung fertiggemacht, nämlich die zur Steuerfachangestellten.
Eigentlich könnte ich mich jetzt zurücklehnen, sie steht in Lohn und Brot und kann so gut nähen, dass sie sich ihre Garderobe selbst schneidern kann. Nur bei den Männern kann sie sich noch nicht entscheiden. Seit einiger Zeit macht sie mir Vorwürfe, ich hätte strenger sein müssen. Wegen mir stünde sie heute beruflich und finanziell so schlecht da.
Da ist etwas dran. Ich sehe es ein, aber ich kann es nicht mehr ändern. Ich habe es nicht besser hingekriegt, genauso wenig wie die früheren Elterngenerationen, die meine Feindbilder waren. Die wurden von ihren Eltern unterdrückt und haben diesen Druck dann an die eigenen Kinder weitergegeben. Das war der Lauf der Welt.
Nur wir, meine Generation, auf die die KZ-, Verfolgungs- und Kriegstraumata der Eltern eingeprasselt sind, wollten all das unserer Nachkommenschaft ersparen. Und jetzt werden wir von unseren Kindern gezwiebelt.
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