Susanne Weinhöppel
Das Kind
In Gedenken an Itzik Manger

Ein Lichtstrahl blendet mich und mit einem Schwung und einem Wasserschwall lande ich auf schwieligen Händen. Ich höre meine Mutter weinen. Ihre Stimme ist mir vertraut, sie klingt so grell hier und es ist kalt. Ich sehe nichts, weil so viele Riesen herumstehen.

Gerade eben war ich noch oben beim Wächter-Engel und wollte gar nicht herunter. Ich habe mit meinem Freund Simon gekartelt und war am Gewinnen. Da kam der Wächter und sagte, ich müsse hinunter, meine Seele sei jetzt soweit, und ich hätte eine ganz besondere Aufgabe.

Und hier bin ich nun, unter lauter durcheinander redenden Riesen. Dazwischen Schmerzenslaute, weil sie sich gegenseitig stoßen oder auf die Kleineren drauftreten. Die Kleinen, das sind die Kinder, sie sahen einmal so aus wie ich, und ich werde bald aussehen wie sie, dann werden sie aber wieder größer sein. Oben bleiben wir immer gleich, wir sind schon fertig.

Ich höre die Menschen etwas von Erlöser und schlimmen Römern reden. Eigentlich sollte ich gar nichts verstehen und auch nichts wissen. Glücklicherweise hatten wir dem Wächter, bevor ich hierher geschickt wurde, heimlich Schnaps unter seinen Himbeersaft gemischt. Deswegen hat er vergessen, mir den Nasenstüber zu geben.

Dieser Nasenstüber bewirkt nämlich, dass wir alles vergessen und nicht einmal mehr die Sprachen verstehen. Wer hier ankommt, kann gar nichts, muss alles neu lernen, wird aber auch bei größter Anstrengung nie so sein wie wir.
Mir gefällt es hier nicht, ich kann nicht einmal meine Beine und Arme benutzen, und es wird lange dauern, bis ich wieder karteln kann.

Immer wenn die Tür aufgeht, kommt eiskalte Luft herein. Das Frieren ist für mich eine neue, unschöne Empfindung. Ein kantiger breiter Mann scheint das zu spüren. Er hantiert an sich herum, leert seine Taschen und gibt mir seinen Mantel. Josef, das ist der, der mich mit seinen Händen aufgefangen hat, wickelt mich in den kratzigen Stoff ein und bettet mich auf ein hartes Lager.

Maria, meine Mutter, schimpft mit ihm, will sich selbst um mich kümmern, aber schon beim Aufrichten zuckt sie schmerzvoll zusammen, mit dem Gesichtsausdruck, der in der Nachwelt untrennbar mit ihr verbunden sein wird.
In ihrem Fall wäre ein Dammschnitt besser gewesen.

Ich fühle mich schuldig, weil es meine Geburt war, die ihr diese Pein verursacht, und ich weiss jetzt schon, dass ich ihr irgendwann noch größeren Schmerz zufügen werde. Es ist sehr unangenehm, sich seiner jüdischen Mutter gegenüber schuldig zu fühlen, deswegen wird eines Tages ein Jude die Psychoanalyse erfinden.

Meine Mutter kann nichts für mich tun und ist unzufrieden mit Josef, weil er alles falsch macht und zulässt, dass ein Rindvieh mir übers Gesicht leckt. Dabei fühlt sich diese feucht-warme, raue Berührung gut an.

Plötzlich schwingt die Tür auf, noch mehr Riesen drängen herein, aber zartere, Frauen. Ich fühle ihre Angst vor den vielen Männern, und einige haben Schmerzen. Mit ihnen kommen auch ein paar Schafe. Es riecht streng, wird aber wärmer.

Einige knien nieder, dazwischen drängt sich ein Schafhirte durch zu mir und beginnt von seiner kranken Frau daheim zu erzählen. Seine kleine Tochter zieht an seinem Arm, ihr ist langweilig, sie weiß nicht, dass ich der Erlöser bin. Ihr Vater gibt ihr einen Schlag in das kleine Gesicht und spricht weiterhin über seine Frau, die jetzt zuhause liegt, weil sie nicht aufstehen kann, ausserdem ist sein Haus ziemlich weit weg und jetzt muss er sich auch noch um seine Tochter kümmern. 

Ein anderer Riese zieht ihn weg und beginnt selbst mit einer Litanei seiner Leiden, die von Rückenschmerz über Armut bis zur Bitte um eine bessere Frau reichen. Wenn ich könnte, würde ich ihm eine neue schenken, aber was passiert dann mit der alten? Leider kann ich auch seine Gedanken hören. Er hat zu seiner Frau nie mehr als Guten Morgen und Gute Nacht gesagt, sie dagegen gab eine ganze Menge Wörter von sich, Schimpfworte, die ich noch gar nicht kannte. Die Männer scheinen eine andere Sprache zu sprechen als die Frauen.

Wenn ich das meinem Freund Simon erzählen könnte, der würde das nicht glauben. Er wird sich noch wundern! Dann drängelt sich eine Frau durch zu mir. Sie streichelt mich und flüstert mir ins Ohr, dass sie alle schon so lange auf mich gewartet hätten. Ihr Mann sei von den Römern ins Gefängnis geworfen worden, weil er sich geweigert habe, den Kaiser anzubeten. Und jetzt sei sie alleine mit ihren 5 Kindern und habe nicht genug zu essen für sie.

Ein grober Mann stößt sie beiseite und bemerkt gar nicht, dass sie stürzt. Er braucht Geld, deswegen hat er auch den Mann der armen Frau, die jetzt am Boden liegt, an die Römer verraten. Er hat aber nichts dafür bekommen und jetzt tut es ihm leid, weil er die Römer gar nicht mag. Seine Not war so groß und ich spüre, wie einsam er ist. Offenbar hat er niemanden, der ihn gerne hat. Sogar ich tue mir, ehrlich gesagt, schwer.

Zu mir sind alle sehr liebevoll, aber miteinander sind sie so ungut. Alle wollen einen Erlöser, dabei können sie sich doch nur selbst erlösen. Kaum sind sie da, verwerfen sie sich gegenseitig. Wie soll das ein einzelner Mensch richten, noch dazu in meinem Alter?

Da wo ich herkomme, vertreiben wir uns die lange Zeit oft mit Witzen über die Menschen. Ich hatte mal einen gehört, der genau zu meiner Situation passt, und der geht so:

Ein jüdisches Kind ist gestorben, die Gemeinde steht noch am Grab. Alle Gebete sind gesagt, die Totengräber wollen ihre Arbeit tun und das Grab zuschaufeln. Aber die Mutter der Verstorbenen hört nicht auf zu Jammern:
Oy wey, meine Kleine, wenn du schon jetzt schon vor den Allmächtigen treten musst, dann bitte ihn, dass er deinem Bruder Jakob eine gute Frau schenkt, und dass deine Schwester bald schwanger wird, und dass dein Tate endlich wieder Arbeit findet, und vergiss nicht, ihn zu erinnern, er soll deiner Tante helfen, dass sie nicht all ihre Haare verliert, und ganz besonders wichtig noch….
Da unterbricht sie einer der Totengräber:
Gute Frau, wenn man so viele Anliegen an den Allmächtigen hat, da schickt man kein kleines Kind. Da geht man selber!

https://de.wikipedia.org/wiki/Itzik_Manger<
Zu Itzik Manger: Itzik Manger (1901 – 1969) war einer der bedeutendsten Poeten der modernen jiddischen Literatur.

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Susanne Weinhöppel

Susanne Weinhöppel, Münchnerin, studierte Konzertharfenistin, spielt Klassik, Neue Musik, macht eigene Bühnenprogramme mit Texten und Chansons zur Harfe und schreibt Glossen und Geschichten. Ihre derzeitigen Soloprogramme sind: Die Liebe gibt es. Die Liebe gibt es. Ein Abend... Passt nicht ins Programm - Jüdische Lieder Susanne Weinhöppel wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schwabinger Kunstpreis für “künstlerische Unangepasstheit und kreativen Freigeist“. Es entstanden 5 CDs bei kip-records. "Susanne Weinhöppel, Kabarettistin, Harfenistin, Melancholikerin und Kratzbürste, ist zweifellos ein Glücksfall für die Welt der großen kleinen Kunst. Eine Rampensau mit profunder musikalischer Ausbildung, weiß sie um die Abgründe des Lebens – und weil sie so oft in ihnen wandelt, hat sie die Waffen dagegen immer dabei, den Humor und die Liebe. Beides verteilt sie großzügig. Wenn sie singt, greift sie zur Harfe, fest entschlossen, zu bewegen und zu berühren. Ihre Geschichten sind bedingungslos ehrlich, abgrundtief komisch und wenn’s sein muss auch mal sehr banal – warum nicht, wenn es der Wahrheitsfindung dient." (Tina Teubner)

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