Susanne Preglau bespricht:
Das totale Lied statt des totalen Kriegs
Zarah 47
Ein Musikalischer Monolog von Peter Lund
Der deutsche Regisseur und Autor Peter Lund (geb.1965, Künstlerischer Leiter der Neuköllner Oper in Berlin und Studiengangsleiter am Studiengang Musical/Show an der Universität der Künste in Berlin) hat bereits 25 Musicals für seine Studenten geschrieben und brachte 1992 Zarah 47 (oder auch: Wollt ihr das totale Lied) zur Uraufführung.
Das Stück handelt von Zarah Leander, die an ihrem 40.Geburtstag im Jahr 1947 in ihrem schwedischen Landgut Lönö (südlich von Stockholm, auf einer Insel in den Schären gelegen) einsam und vergeblich auf Gratulationen und Telefonanrufe wartet.
Die schwedische Schauspielerin und Sängerin Zarah Leander, geb. 1907, begann ihre Karriere mit ihrer prägnanten Kontra-Alt-Stimme 1936 in Wien mit Ralph Benatzky im Theater an der Wien, wo sie in einer Rolle als Persiflage auf Greta Garbo sogar ein Lob von Franz Lehar erhielt. 1936 bis 1943 wurde sie bei der deutschen Filmproduktionsfirma UFA zum höchstbezahlten weiblichen Filmstar im nationalsozialistischen Deutschland. Sie wurde persönlich sowohl von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels als auch von Adolf Hitler gefördert.
Als ihre Berliner Villa Anfang 1943 von alliierten Bombern getroffen wurde, kehrte sie endgültig nach Schweden zurück. Nun aber wandten sich die schwedischen Veranstalter und Journalisten von der Nazi-Sirene ab und verhinderten jegliches Engagement.

Zarah wartet an ihrem 40.Geburtstag 1947 auf Anrufe und Anerkennung. Sie muss sich ihrer Vergangenheit stellen, den Fragen nach Verantwortung und mangelnder Distanzierung vom Nazi-Regime. Sie habe versucht, sich aus allem herauszuhalten – eine politische Idiotin, eine totale Sängerin, die ihre Moral verkauft, um galant eine Revuetreppe hinuntersteigen zu können. Scheinbar ganz und gar unpolitisch. Sie galt dem NS-Regime als Aushängeschild und profitierte davon. Als Schwedin hielt sie bequemen Abstand. Politisch abstinent zu sein bedeutet, sich gewisse Fragen nicht zu stellen. schreibt Biografin Jutta Jakobi.
Das ist die Ausgangssituation auf der Bühne der Kammerspiele des Tiroler Landestheaters am 29.11.2025. Und es wurde ein beeindruckender, überzeugender und fulminanter Abend. Getragen von 2 Protagonisten: Brigitte Jaufenthaler (Zarah) und Christian Wegscheider (Pianist).
Brigitte Jaufenthaler (geb. 1961 in Innsbruck, Schauspielerin an Theatern, im Film und Fernsehen, Gesangsausbildung am Tiroler Landeskonservatorium, Spezialausbildung für Schauspieler in der Fachrichtung Musical am Tiroler Landestheater) stand in der Zeit der Intendanz von Dominique Mentha in den 1990erJahren am Landestheater im Dauereinsatz und war zuletzt in Tirol in Das Wintermärchen 2007 zu sehen. In Film und Fernsehen arbeitete sie von der Piefke-Saga über den Bullen von Tölz bis zu Vier Frauen und ein Todesfall. Jetzt kehrt sie als Zarah Leander ans Tiroler Landestheater zurück.
Christian Wegscheider (geb. 1965, Jazzpianist, -organist und Komponist) absolvierte die Musikhochschule Graz mit dem Konzertdiplom Jazzklavier, lebte in New York, arbeitete mit Willi Resetarits zusammen und trat als Mitglied der Pepe Linhard Band mit Udo Jürgens auf. 2014 wurde sein Konzert für Jazztrio und Orchester mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck uraufgeführt. Er unterrichtet Jazzklavier am Mozarteum Salzburg und an der Musikschule Innsbruck. Brigitte Jaufenthaler hat mit Christian Wegscheider bereits eine Jazz-CD mit Eigenkompositionen aufgenommen.

Den Hintergrund der Bühne dominiert ein immer gleiches Video, das die Meeresbrandung beim Landgut Lönö zeigt – hier herrscht Ruhe, nicht einmal das Meer rauscht. Zarah, allein, denkt an ihren Ruhm, ihre Anerkennung und ihre Förderung durch Hitler und Goebbels (auf seine Frage, ob der Name Zarah nicht doch mit der jüdischen Sarah zu tun habe, antwortet sie, dass schließlich auch Joseph ein jüdischer Name sei….). Zarah Leander sagt im Stück: Entweder man ist politisch oder man ist professionell.
Brigitte Jaufenthaler verkörpert diese umstrittene und gescheiterte Persönlichkeit in ihrer Unfähigkeit zur Selbstreflexion grandios. Während des Monologs der Erinnerung erklingen die Lieder, die Zarah Leander unvergesslich gemacht haben, aus den alten UFA-Filmen, Musicals und Operetten, und die Brigitte Jaufenthaler, am Klavier begleitet von Christian Wegscheider, auch von Timbre, Akzent und Stimme unvergleichlich überzeugend darbietet.
So beispielsweise
– Kann denn Liebe Sünde sein?
– Eine Frau mit Vergangenheit
– Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?
– Davon geht die Welt nicht unter!
– Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n
Jeder, der zuhört (und auch jüngeren Semestern sind diese alten Schlager noch bekannt), spürt in erschütternder Weise die ablenkende, propagandistische Wirkung, die diese Lieder in der Zeit der schrecklichen Nazi-Herrschaft gehabt haben müssen, was auch Zarah Leander selbst bewusst gewesen sein muss und von ihr verleugnet wurde.
Am Ende kommt der erwartete, erlösende Telefonanruf dann doch: es ist Ralph Benatzky, mit dem ihre Karriere in Wien 1936 ihren Ausgang genommen hat und die jetzt ihre Fortsetzung mit der Aufnahme ihrer ersten Nachkriegs-Platte in Genf erfährt. Dieser Moment bietet zum Abschluss auch das Lied: Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n.
Das Stück begeisterte das Publikum in den Kammerspielen und endete mit frenetischem Jubel und Standing Ovations.
Ihre Nachkriegskarriere führte Zarah Leander ab 1958 auch wieder nach Wien zurück: am Raimundtheater spielte sie unter der Regie von Karl Farkas in der Operette Eine Frau, die weiß, was sie will von Oscar Straus. Sie verstarb nach mehreren Schlaganfällen 1981 in Schweden. Doch das hat mit dem Stück Zarah 47 nichts mehr zu tun.
Fotorechte: Cordula Treml
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