Susanne Preglau
Ein Abend mit Erika Pluhar in Innsbruck
Besprechung
Am Donnerstag, den 9. April, kam die vielseitige Künstlerin – Schauspielerin und Autorin – Erika Pluhar zu einem Benefizabend in die Villa Blanka, veranstaltet von der 2020 vom Kapuzinerorden gegründeten Seraphiner Stiftung mit Sitz in Axams in Tirol, die Menschen mit Behinderungen und Kindern in Notlagen langfristig ein gutes Leben ermöglichen will.
Erika Pluhar, geboren 1939 in Wien, wurde nach Abschluss des Gymnasiums und der Schauspielschule Max-Reinhardt-Seminar an das Wiener Burgtheater engagiert, wo sie von 1960 bis 1999 Ensemblemitglied war. Sie war in Film und Fernsehen tätig und begann ab den 70er-Jahren auch musikalisch zu arbeiten – und wurde Interpretin von selbstverfassten Texten.
Seit 1981 hat sie über 30 Bücher veröffentlicht. An diesem Abend las sie vor allem aus den beiden Büchern: Die Stimme erheben und Spät aber doch.

Musikalisch begleitet wurde sie vom Pianisten Roland Guggenbichler aus Wien, dessen musikalische Reise ihn vom Brucknerkonservatorium Linz bis zu vielfältigen Projekten zwischen Jazz, Volksmusik, Klassik und Weltmusik führte. Er hat neben Erika Pluhar auch mit Künstlern wie Kurt Ostbahn, Jose Feliciano und Hans Theessink zusammengearbeitet.
Erika Pluhar hat mir in einem anschließenden Gespräch persönlich erlaubt, Textauszüge des Abends im schoepfblog zu zitieren (copyright aller Texte Erika Pluhar). Und das ist der Text, mit dem Erika Pluhar den Abend eingeleitet hat:
Dann nehm ich den Augenblick
Dreh den Kopf nicht zurück
Sag nicht: da vorn ist das Leben
Was ich jetzt tu, das zählt
Was ich jetzt lasse, fehlt
Und wird die Summe ergeben
Nehm ich das Jetzt nicht wahr
Brauch ich kein nächstes Jahr
Zeit lässt sich nicht reservieren
Hier und im Augenblick
Spielt doch das ganze Stück
Pluhar spricht von Liebe als Wahrnehmen und Freigeben (Wahrheit und Freiheit), sie spricht immer wieder vom Trotzdem, insbesondere im Zusammenhang mit dem Tod ihrer Tochter Anna (1961-1999), die mit 38 Jahren an einem Asthmaanfall verstarb.
Dazu ein weiterer Text:
Das TROTZDEM in sich entstehen zu lassen, bedeutet kein Entrinnen,
keine Schmerzminderung, kein neues oder anderes Lebensbild.
Kein helles, heilendes, tröstendes Ziel wird dadurch prognostiziert.
TROTZDEM bedeutet nur, standzuhalten. Das Weiterleben auf sich zu nehmen.
Den nächsten Schritt zu tun. Und dieses „nur“ ist letztlich alles.
Weil es uns das Wissen von Leben und
Die Befähigung für das Leben zurückgibt.

Das Lied „Trotzdem“ befand sich auf einer Schallplatte, der ich den Titel „Narben“ gegeben hatte, und auf dem Cover standen, von meiner Hand geschrieben, folgende Zeilen:
Die Angst vor dem Verlust ist es
Nicht vor dem Verlorenen
Die Angst vor dem Sterben ist es
Nicht vor dem Tod
Der Schnitt schmerzt
Die Wunde ist zu ertragen
Wird Narbe –
Unverlierbar
Ein Schriftzug
(aus: Die Stimme erheben, S. 150 und S.152)
Die Texte, die Gedanken – und die Lieder – von Wien über Portugal bis Brasilien, virtuos begleitet von Roland Guggenbichler, faszinierten mich und das zahlreiche Publikum in der Villa Blanka an diesem Abend und wurden frenetisch beklatscht.
Zu einem Boogie Woogie erklingt: Was heißt das nur, ich werde alt?
Damit kommt ein weiteres Faszinosum ins Spiel: Erika Pluhar ist unglaubliche 87 Jahre alt und wirkt so aktiv, lebendig, schön und strahlend, dass manche um Jahrzehnte jüngere Menschen sich nur ein Vorbild an ihr nehmen können.
Dazu ein letzter Text:
Schönheit im Alter
(aus: Die Stimme erheben, S. 187)

Schönheit ist ein oft missbrauchtes Wort, für mich ebenso behutsam zu nutzen wie das Wort Glück.
Wenn nun im Alter Schönheit zu finden ist, dann sicher nicht auf die uns medial und konsumhörig aufgezwungene Weise.
Schön ist, wenn man im Alter gesund sein darf, sowohl körperlich als auch geistig.
Schön ist, wenn man im Alter Gelassenheit gefunden hat und sich am Gegenwärtigen erfreuen kann.
Schön ist vor allem, wenn man sein Alter bejahen kann und es nicht nur beklagt.
Und wenn man bereit ist, Abschiede zu akzeptieren. Auch den eigenen, der immer absehbarer wird.
Wenn man mit seinem erreichten Lebensalter übereinstimmt, ist Alter schön.
Schön ist immer das, was stimmt.
Die Stimme erheben, Über Kultur, Politik und Leben, Reden und Essays, Residenz-Verlag, Salzburg 2019, ISBN 978-3-7017-3495-5
Spät aber doch, Roman, Residenz-Verlag, Salzburg 2025, ISBN 978-3-7017-1802-3
Fotorechte: Susanne Preglau
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen
