Susanne Preglau
„Der Talisman“
von Johann Nestroy
am Tiroler Landestheater
Besprechung
Ein Talisman ist ein kleiner, oft tragbarer Gegenstand, der Unheil abwenden und Glück bringen soll, dem magische oder glückbringende Kräfte zugeschrieben werden, um den Besitzer zu schützen (Wortbedeutung KI).
In unserem Fall handelt es sich um eine Schwarzhaar-Perücke, die den rothaarigen Außenseiter Titus Feuerfuchs gegen Vorurteile und Ausgrenzung schützen und ihm zu Anerkennung verhelfen soll.
Dieser Titus wurde von Johann Nestroy (1801-1862) ersonnen und Der Talisman wurde seit der Uraufführung im Theater an der Wien 1840, in der der Autor selbst den Titus verkörperte, zu einem seiner erfolgreichsten und meistgespielten Stücke. Sein Werk ist der literarische Höhepunkt des Alt-Wiener Volkstheaters.
Bevor Nestroy zum Dramatiker und Schauspieler wurde, debütierte er im Alter von 21 Jahren als Opernsänger (Bass) am Kärntnertortheater und an der Wiener Hofoper als Sarastro in Mozarts Zauberflöte. Seit seinem Wechsel von der Opern- zur Theaterbühne hatte er Schwierigkeiten mit der Zensur in der Zeit des Vormärz bzw. Biedermeier zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der Revolution 1848 und dem Rückzug des Bürgertums ins Private in Zeiten der politischen Restauration, die sich auch nach 1848 im Neoabsolutismus fortsetzte.

Gruppenbild mit Kronleuchter
Als Bühnenautor wandte er sich mit Satire und derbem Realismus gegen Tragik und Sentimentalität der Romantik. Wichtiger Teil seiner Stücke waren die Unterbrechungen der Handlung durch Gesangsstücke, sog. Couplets oder Gstanzln mit markantem Refrain. Es wurden zwei bis drei Strophen niedergeschrieben und mit dem Text des Stückes bei der Zensurbehörde eingereicht. Darüber hinaus erfolgten weitere Improvisationen mit aktuellen und satirischen Inhalten, mit Kritik an Spießbürgertum und Heuchelei – sehr zum Missfallen der stets anwesenden Zensurspitzel. Im Jahr 1836 erhielt Nestroy dafür eine Haftstrafe wegen Extemporierens, die er vom 16. bis zum 21.Jänner verbüßte.

Titus und Salome
Der Talisman, eine Posse mit Gesang, feierte nun am Samstag, den 25. April am Tiroler Landestheater Premiere. (Das Stück wurde hier zuletzt 2002/03 aufgeführt).
Die Gänsehüterin Salome Pockerl (Julia Posch) wird im Dorf wegen ihrer roten Haare verspottet und ausgegrenzt: Rot ist doch g’wiss a schöne Farb, die schönsten Blumen sein die Rosen, und die Rosen sein rot. … Drum sag ich: wer gegen die rote Farb‘ was hat, der weiß nit, was schön is.
Durch den Gärtnergehilfen Plutzerkern (Philipp Rudig) erfährt der ebenfalls rothaarige Titus Feuerfuchs (Florian Granzner), dass die verwitwete Gärtnerin Flora Baumscheer (Ulrike Lasta) einen weiteren Gehilfen sucht: Gehilfe der Witwe? Wie g’sagt, ich qualifizier‘ mich zu allem.
Als Titus das scheuende Pferd einer Kutsche bändigt, schenkt ihm der gerettete Friseur, Monsieur Marquis (Tommy Fischnaller-Wachtler), der zwar Marquis heißt, aber kein Marquis ist, obwohl er eine ihn als hochrangigen Adeligen ausweisende Perücke trägt, zum Dank einen Talisman, eine schwarze Perücke.
Diese schwarze Haarpracht verhilft Titus zur Gunst dreier Witwen, zunächst der Gärtnerin Flora Baumscheer, dann der Kammerfrau Constantia (Marion Reiser) und zuletzt sogar der Frau von Cypressenburg (Marie-Therese Futterknecht), die ihm jeweils die Garderobe ihres verstorbenen Mannes überlassen, wodurch er sich in der sozialen Hierarchie auch im äußerlichen Erscheinungsbild immer weiter nach oben arbeitet.
Dazwischen entreißt ihm jedoch der Friseur Monsieur Marquis, der eifersüchtige Geliebte Constantias, die schwarze Perücke, worauf er mit einer goldblonden Perücke Frau von Cypressenburg betört, die ihn zu ihrem Sekretär macht.
Schließlich wird er aber doch als verachtenswerter Rothaariger enttarnt und hinausgeworfen.
Wieder auf der Straße trifft er auf seinen reichen Onkel, den Bierversilberer Spund (Kristoffer Novak), der Titus zu seinem Universalerben macht, nachdem ihn die – durch eine nunmehr graue Perücke untermauerte – Geschichte, die Verzweiflung über dessen Lieblosigkeit habe Titus ergrauen lassen, so gerührt hat.
Als wohlhabender künftiger Geschäftsmann scheint Titus plötzlich Gärtnerin und Kammerfrau trotz seiner roten Haare als gute Partie. Aber Titus wird klar, wie sehr ihm die ebenfalls rothaarige Salome als Einzige stets zugetan war und das happy end ist besiegelt.
Kluge Regie führt der ausgewiesene Nestroy-Spezialist Dominique Schnizer, der eine Gesellschaft der Diskriminierung und der Vorurteile, der Ausgrenzung und des Opportunismus anhand scharfzüngiger, satirischer, sich zwar banal gebärdender, in Wahrheit jedoch geistvoller Dialoge Nestroys darstellt.

Zwei Musikerinnen
Die Kritik an den Verhältnissen – damals am biedermeierlichen Stillstand während der Metternich-Ära – hat sich in den letzten knapp 200 Jahren in ihrer Brisanz nicht wesentlich verändert. Die Rothaarigkeit zeigt als Metapher die Absurdität jeglicher Vorurteile und Diskriminierungen und kann damit ganz leicht und mit Humor nachvollzogen werden.
Damit wird auch klar, warum das Stück eine Posse, also etwas ganz anderes als eine Komödie ist.
Eine Posse mit Gesang: Die Couplets Nestroys – mehrstrophige, witzige, zeitkritische Lieder – kommentieren die Handlung und haben ab der zweiten oder dritten Strophe kabarettistisches Format und parodieren tagesaktuelle Ereignisse. Auf Basis der Originalkompositionen von Adolf Müller (Salome Pockerl: Die Männer hams guat – naja; Titus Feuerfuchs: Ja, die Zeit ändert viel – aber eigentlich geht es darum, dass die Zeit gar nichts ändert) transferieren Bernhard Neumaier, der von Klassik und Jazz herkommt, (Musik und Arrangements) und Nenda Neururer, die Hip-Hop und Rap vertritt (Musik und Songtexte) die Nestroy-Couplets in die Gegenwart.
Nenda Neururer, geb. 1994 in Wien, ist im Ötztal aufgewachsen und hat als Kind eines schwarzen und eines weißen Elternteils früh ihr Anderssein erlebt. Mit dem Song Mixed feelings gelangte sie an die Spitze der FM4-Jahrescharts 2021 und bekam den FM4-Award bei der Amadeus Verleihung 2026:
Aber checkst du Tirol, dass i des Land verlassen hab,
weil mi zu viele Leit fragen, ob i Deitsch sprechen kann?
Weil mi die Leite fragen, wo meine Wurzeln sein.
Unds ma dann nid glaben, wenn i sag im Ötztal drein.

Titus, Frau von Cypressenburg, Constantia
Der sog. Biedermeier-Hip-Hop mit neuen Texten von Nenda Neururer wird von den Musikerinnen Eleonora Golubkowa und Medina Rekic mit Geige und Gitarre auf die Bühne gebracht.
Für die Ausstattung – Bühne und Kostüme – ist Christin Treunert verantwortlich: Eine Drehbühne, die mit der Musik viel in Bewegung ist. Räume – vom Dorfplatz über das Haus der Gärtnerin bis zum Salon im Schloss mit Kronleuchter – und Kostüme, die die individuellen Facetten ihrer Träger mit und ohne Perücken stilvoll und passend zu Nestroys Zeit zeigen und perfekt zu dem Bild passen, das man sich von einer Biedermeier-Persiflage machen mag.
So war bis jetzt noch gar nicht von der Leistung der Schauspieler die Rede: Von Florian Granzner als Titus Feuerfuchs, einstmals von Nestroy selbst dargestellt, bis zu allen verschiedenen schrägen Typen, die mit einem Rothaarigen so gar nichts zu tun haben wollen, bis zur tapferen Gänsehüterin Salome Pockerl, die am Ende doch ihr Glück findet, tragen alle mit Exzellenz zum wunderbaren, satirischen Gesamtbild eines Theaterabends bei, der vom Publikum mit Szenenapplaus von Anfang an und mit Standing Ovations belohnt wurde.
Fotorechte: Marcella Ruiz Cruz
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