Literarische Korrespondenz:
Susanne Preglau an Dietger Lather
Betrifft:
Antiquierte Sexualmoral und
antiquiertes Frauenbild

Vorinformation zur Forumsdebatte:
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Sehr geehrter Herr Lather!

In Ihrem Text geht es unter anderem um die Interpretation des von Frauen muslimischen Glaubens getragenen Kopftuches. Dort steht im Zusammenhang zwischen Scham und Verhüllung Folgendes im Koran. 

Zitat aus dem Koran: Sag zu den gläubigen Männern, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten… Und sag zu den gläubigen Frauen…sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten.

Ihr Kommentar: Strenggläubige interpretieren obige Verse als Pflicht, ein Kopftuch zu tragen. Viele andere nicht. Dass in Saudi-Arabien in der von diesem Staat gebilligten Übersetzung vom Kopftuch gesprochen wird, ist angesichts der sehr konservativen Auslegung des Koran durch die Wahhabiten zu erwarten. Persönlich schließe ich mich der Auffassung an, aus dem Vers 31 sei kein Gebot zu erkennen, ein Kopftuch zu tragen. Das Gebot in diesem Vers richtet sich an die Frauen, Schmuck und Brüste zu verdecken und erlaubt das Zeigen ihrer Scham nur im persönlichen und sozialen Umfeld.

Ich habe zu diesem Thema in Wikipedia unter dem Schlagwort Schamgefühl nachgeschlagen und zitiere daraus:

Für Abrahamitische Religionen (Judentum, Christentum, Islam) führt das Bewusstsein, gegen göttliche Weisung verstoßen zu haben, zu Scham. So empfanden Adam und Eva ihr Nacktsein plötzlich als unangemessen.
Ein typisches Beispiel der Körperscham ist die empfundene Nacktheit bei der Unterschreitung einer Mindestgrenze an körperlicher Bedeckung. Für die am meisten schambehafteten Zonen des Körpers, die entblößten Genitalien, werden bezeichnenderweise Begriffe wie Schamgegend oder die weibliche Scham synonym verwendet.
In einer Zeit, die Sexualität unterdrückte …, wurden junge Mädchen dazu erzogen, sich für und durch ihren Körper zu schämen, ihn zu verhüllen und vor männlichen Blicken zu verbergen. Beginnend mit dem Urchristentum ist weibliche Sexualität von obsessiver Angst begleitet.

Zusammenfassend wird im selben Wikipediaeintrag auch die Unterscheidung von Scham- und Schuldkultur bei der Kulturanthropologin Margaret Mead beschrieben:

Bei der Schamkultur geht es um die Unterlassung von unerwünschtem, unerlaubten Verhalten aus Furcht vor Liebesentzug oder Strafe.
Bei der Schuldkultur geht es darum, dass das eigene Gewissen bestimmt, etwas zu unterlassen.

Während das Konzept der Schuld auf eine innere Instanz – das Gewissen – verweist, ist der Maßstab der schamorientierten Kultur nach Mead die Gesellschaft, in der Ehre eine wichtige Rolle spielt.
Regelverletzungen führen zu einer Beschämung – und wenn der Zustand andauert, zur Schande.
Schuld entsteht in der Übertretung von Verboten, Scham im Verfehlen eigener Ideale.

In allen Gemeinschaften sind Formen der Demütigung, die ein gezieltes Auslösen von Schamgefühlen in erzieherischer Absicht darstellen, eine scharfe soziale Sanktion.

Vor diesem Hintergrund frage ich mich:

Das Christentum und der Islam, offenbar beide von einer obsessiven Angst vor der weiblichen Sexualität begleitet, haben sich bis heute in unserer europäischen Kultur unterschiedlich entwickelt.

Während die europäische Aufklärung bis hin zu den jüngsten Entwicklungen seit den 1960er/70er Jahren doch eine Befreiung von archaischen Zwängen der (christlichen) Religion gebracht hat, ist mit der Welle der Immigration der letzten Jahrzehnte auch und vor allem muslimischer Menschen eine Kultur in Europa wichtig geworden, die die Emanzipationsansprüche der Frauen missachtet und von ihren Frauen verlangt, sogar ihr Haar zu verhüllen, um ihre Sexualität zu verleugnen.

Die Körperscham der empfundenen Nacktheit bei der Unterschreitung einer Mindestgrenze an körperlicher Bedeckung ist nicht nur bei kleinen Mädchen, sondern auch bei erwachsenen Frauen – sowohl was das sogenannte Kopftuch als auch die schwarze Ganz-Körper-Verhüllung betrifft – eine unfassbare Herabwürdigung und Zumutung und keinesfalls eine freie Entscheidung aus Glaubensgründen.


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Susanne Preglau

Susanne Preglau, geboren 1955 in Wien, Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien, lebt seit 1977 in Tirol. Nach einem Doktoratsstudium bei Prof. Anton Pelinka am Institut für Politikwissenschaft Lehrbeauftragte an der Universität Innsbruck. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen 2013 Veröffentlichung einer Migrationsgeschichte „Ani – Essay eines Lebens“, Verlag Limbus. Ehemalige Korrespondentin von "Blickpunkt Musical", Berlin.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Reinhard Kocznar

    Vor drei Jahren, im September 2022, kam in Teheran Jina Amini im Gewahrsam der iranischen Sittenpolizei gewaltsam zu Tode. Sie hatte eine Kleidungsvorschrift verletzt.
    Versuche, solche Vorschriften fremdverstehen zu wollen, sind peinlich.

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