Ronald Weinberger
Von grauen Nebeln im Tal
zu bunten Nebeln im Weltall
Betrachtung

Es wäre mir zuwider, Nebelkerzen zu werfen. Ich bin schließlich kein Politiker, Wirtschaftslage-Beschöniger, Klatschspalten-Erzeuger oder Ähnliches. Eines ist uns allen, falls von Nebeln die Rede ist, freilich klar: Der Ausdruck Nebel ist mit einem Stigma behaftet. Diejenigen, die das in Abrede stellen wollen, dürften leicht benebelt sein.

Kaum jemand von uns Gebirgsbewohnern verbindet mit Nebel etwas Positives. Nun ja, es existieren selbstredend Ausnahmen: Wenn sich der Nebel einzig im Tal breit macht, der Bergwanderer die Nebeldecke durchstiegen hat und auf dieses weißlich-gräuliche flauschig-flockige oder uniforme Etwas hinunterblickt, mag sich durchaus ein hörbares, zumeist aber gedachtes Ah! und/oder Oh! seiner Brust entrinnen, da sich der Gesamteindruck ganz oben blau, ganz unten grau plus das glitzernde Weiß oberhalb von ihm und das Grün dazwischen zu einer höchst stimmungsvollen Komposition zu verbinden vermag.



Nebel. Vorweihnachtszeit. Klar doch. Beziehungsweise unklar. Sie steht für die Nebelmonate schlechthin. Nun könnte ich anheben, Ihnen allerlei Redewendungen, in denen der Nebel oder dessen Adjektivformen und einschlägige Verben vorkommen, zum geistigen Fraß vorzuwerfen, würde damit jedoch meine eigentliche Botschaft vernebeln, die da lautet: Die extrem überwiegende Mehrzahl der Nebel im Dasein ist schön, zum Teil sogar von außerordentlicher Schönheit. Sie sind vielgestaltig und vor allem Eines: bunt.

Bunte Nebel? Gefärbt durch Chemikalien? Industrie-Dünste? Und damit giftig bis zum Abwinken? Nein. Ich beziehe mich nämlich auf kosmische Nebel! Überlesen Sie bloß nicht das s, denn auf komische Nebel werde ich kaum Bezug nehmen!

Ernsthaft: Nebel waren, sind (und werden sein) gewissermaßen DER Grundstoff von Allem und Jedem. Wenn Sie ans Weltall denken, so haben Sie wohl die – falls keine Nebel bzw. deren Manifestation als Wolken die Sicht verhindern – glitzernde Sternenwelt vor Augen.

Bloß: Woraus ist denn jeder (jeder!) dieser leuchtenden Himmelskörper entstanden? Einem ehemaligen Astronomen wie mir werden Sie hoffentlich glauben: Aus jeweils einem ursprünglich dichten und dunklen Nebel, einer Art Wolke, aus verschiedensten Gas- und Staubteilchen. Die Gravitation ließ (und lässt immer noch, denn auch gegenwärtig und zukünftig bilden sich noch Sterne!) diese Nebel kompakter, runder und immer dichter werden, bis sie derart – für die meisten von uns unvorstellbar – dicht sind, dass Kernfusionsprozesse einsetzen, gewaltige Temperaturen zum Tragen kommen und leuchtende, strahlende, Gaskugeln, Sterne eben entstehen.

Unsere Sonne, ein übrigens ganz normaler Stern, war auch dereinst – vor annähernd 5 Milliarden Jahren – ein derartiger sich zusammenballender Nebel. Und all die Planeten, darunter die Erde, ebenso! Nur hatten die Nebel, die dann zu Planeten wurden, halt nicht so viel an Masse wie Sterne zur Verfügung, erreichten dadurch (glücklicherweise) keine sehr hohen Temperaturen – und begannen folglich nie aus sich heraus zu leuchten. Wir, alle Lebewesen, die wir auf unserer Erde den Ursprung haben, verdanken daher sozusagen diversen kosmischen Nebeln unsere Existenz.

Jetzt kommt indes sogleich ein Einwand, die oben angesprochene Schönheit von Nebeln im Kosmos betreffend. Plus die Tatsache, dass über viele Jahrmilliarden hinweg, auch heutzutage noch, Sterne und Planeten aus ihrem Geburtsmaterial, den Nebeln und Wolken, geboren werden. Just diese Nebel, mithin die auf ihrem Weg hin zur Stern- oder Planetenwerdung, sind nämlich stets gänzlich unauffällige, dunkle, zudem fast immer unsichtbare und damit nicht im Mindesten schöne Gebilde.

Wo sind dann – und WAS sind – die Abertausenden bekannten, prächtig leuchtenden, anfangs erwähnten, kosmischen Nebel? Kurzantwort: Es handelt sich dabei fast ausschließlich um sterbende Sterne und insbesondere deren Begleitstrukturen beim Verlöschen.

In der Tat hören Sterne, obwohl meist überaus langlebig, irgendwann einmal auf, in der Form, in der sie häufig Jahrmilliarden überdauert haben, zu existieren. Nebstbei: Unsere Sonne ist ungefähr in der Mitte ihres Sternenlebens angelangt. Soll heißen: Der befürchtete Weltuntergang kann wohl nicht auf ihr Konto gehen! Diejenigen Sterne – ein kleiner Bruchteil aller Sterne – die sehr viel Masse aufweisen (sozusagen besonders viel Gewicht auf eine gedachte kosmische Waage bringen würden), werden mit einer bescheidenen Lebensdauer im Ausmaß von wenigen bis einigen Dutzend Jahrmillionen bestraft.



Sie, die Massereichen, werden dann in einer kaum beschreibbar wuchtigen Explosion zerrissen, zumeist bis auf einen kleinen zentralen Rest. Ihre Gase zerstieben dabei mit außerordentlich hohen Geschwindigkeiten und bilden sodann filamentförmige, einigermaßen bunt leuchtende sogenannte Supernova-Überreste. Man könnte sie Filament-Nebel nennen, aber dieser Begriff wird nur selten benutzt.

Die schier unendlich zahlreichen normalen Sterne hingegen, sie sterben in und mit wahrlich nebeliger Schönheit. Nach Jahrmilliarden seiner Existenz als einigermaßen konstant wirkender Licht- und Strahlenlieferant beginnt in seinem Sterbeprozess ein solcher Stern langsam anzuschwellen. Er wächst auf das Vielfache seiner Größe an, vermag dadurch seine bisherige Oberflächentemperatur von etlichen tausend Grad, die ihn mehr oder minder gelblich erscheinen ließ, nicht länger aufrechtzuerhalten – und wird zu einem Roten Riesen(stern).



Der nächste Akt im Sterbeprozess: Der Stern fängt an zu pulsieren, wird auf diese Weise relativ rasch größer und kleiner. Die Pulse werden zunehmend heftiger – und schlussendlich wirft, mittels einem oder mehreren solcher Pulse – der Stern seine gesamten Gasschichten ab. Übrig bleibt ein gleißend strahlender winziger Reststern weißlicher Farbe, der das kugelförmige ultraheiße Sterneninnere darstellte.

Jetzt kommt der für uns, die Beobachter, maßgeblichste Vorgang. Dieser Reststern – man nennt ihn einen Weißen Zwerg(stern) – sendet den sich davonmachenden Gasen teils überaus energiereiche Energiepakete, Photonen, nach – und die führen dazu, dass die verschiedenen chemischen Elemente, aus denen diese wegdriftenden Gase bestehen, zum intensiven Leuchten und Strahlen veranlasst werden. Das erfolgt in diversen Bereichen des elektromagnetischen Spektrums, das man sich in Bezug auf im optischen Bereich zugängliche Farben näherungsweise als eine Art zugrundeliegender Regenbogen vorstellen kann.

Dazu kommt, dass sich diese nunmehr in verschiedenen Farbnuancen leuchtenden Gase entlang von mitausgeworfenen Magnetfeldern anordnen und außerdem häufig auf interstellares Material treffen. Es handelt sich bei Letzterem um inhomogen verteilte und meist locker konzentrierte wolkige Materie aus kalten (!) Staub- und Gasteilchen, die so gut wie immer in den gewaltigen Abgründen zwischen den Sternen anzutreffen ist.

Die Folge all dieses komplexen Geschehens: Manchmal wundersam symmetrische, wie mit einem Zirkel gezeichnete, runde Nebel, oftmals aber verwirbelte, verzwirbelte, nur annähernd rundlich aussehende, indes so gut wie immer symmetrisch angeordnete und oftmals überaus farbenprächtige Nebel, bei denen häufig das Rot dominiert. Letzteres geht auf das Leuchten von Wasserstoff, dem häufigsten chemischen Element im Universum, zurück.

Nach einer im Weltall beinahe belanglos kurzen Zeit von einigen tausend Jahren und nachdem diese expandierenden Nebel auf die Größe von ein paar Lichtjahren – ebenfalls ein Beinahe-Nichts im Kosmos – angewachsen sind, werden sie verblasst sein. Ihre Gase sind dann Bestandteil der nebelähnlichen interstellaren, sprich, zwischen den Sternen befindlichen Materie geworden – und könnten später ein Teil des Ausgangsmaterials für künftige neue Sterne und Planeten sein.

Wie nennt man eigentlich diese (annähernd 2.000 in unserer Milchstraße sind bekannt) von sterbenden Normalo-Sternen abgeworfene Nebel? Bei deren Namensgebung – die allerersten dieser Nebel wurden vor circa zweieinhalb Jahrhunderten entdeckt – kam es zu einer Fehlbenennung, die sich bis heute (!) hält. Mit den im Vergleich zu gegenwärtigen optischen Teleskopen technisch geradezu ultraeinfachen damaligen Fernrohren sahen Astronomen bloß rundliche, farbige, nebelige Gebilde, die sie hinsichtlich Form und Farbe an die Planeten Uranus oder Jupiter erinnerten.

So kam, obwohl sie physikalisch rein gar nichts mit Planeten zu tun haben, seinerzeit die Bezeichnung Planetarische Nebel auf. Als Geburtsjahr für die erstmals gemutmaßte Verbindung Nebel / Planet – ein französischer Astronom war’s – wird, laut englischsprachiger Wikipedia, 1779 genannt. Jenes Jahr wird uns am Ende dieses Artikels in anderem Zusammenhang noch einmal begegnen.



Fazit: Als Planetarische Nebel werden diese hochinteressanten und vielgestaltigen bunten Nebel noch immer bezeichnet. Untersuchen Astronomen derlei Nebel und ihre Zentralsterne mit wissenschaftlichen Methoden, konnten und können sie ihr Verständnis über die Sterbeprozesse der Sterne (und damit auch den in ferner Zukunft liegenden Todeskampf unserer Sonne) vertiefen. Wohl ist heutzutage das meiste grundsätzlich Wissenswerte darüber bekannt, aber noch immer wird zusätzliches Wissen erworben, denn kein Sterbeprozess verläuft gleich, was von vornherein aus dem oft gänzlich verschiedenen Aussehen dieser Nebel ersichtlich ist.

Jetzt aber weg von der Wissenschaft und hin zur Ästhetik! Es gilt nämlich: Sobald davon die Rede ist, welche Objekte im Weltall die schönsten sind, wird so gut wie immer die Klasse der Planetarischen Nebel an die erste Stelle gereiht. Das lässt sich auch bestens begründen.

Belege werden nun hier präsentiert. Ein runder sowie ein komplex aufgebauter Planetarischer Nebel mögen als charakteristische Beispiele dienen. Der im Folgenden zuerst gezeigte wurde vor etlichen Jahrzehnten vom Autor dieses Artikels entdeckt und im Jahre 1980 in Kooperation mit dem Wiener Astronomen Univ.-Prof. Dr. A. Purgathofer in einem Fachartikel der Wissenschaftsgemeinde vorgestellt – und wird von dieser seither mit dem Namen PuWe1 verzeichnet.

Aufnahmen eines 2. im Anschluss gezeigten Planetarischen Nebels (Name: M76) wurden an der burgenländischen Sternwarte Brentenriegel gewonnen. Den dortigen Verantwortlichen sei Dank für die Erlaubnis, ihre Aufnahmen hier zu zeigen!

Quelle: T.A. Rector and H. Schweiker. https://noirlab.edu/public/images/noao-puwe1/



Quelle: Sternwarte Brentenriegel. https://brentenriegel.at/ergebnisse/22-10-04-planetarischer-nebel-m76

Zum Abschluss noch einige wenige Sätze über einen kosmischen Nebel einer noch unbenannten Kategorie, deren momentan einziger bekannter Vertreter er sein dürfte: Der ausgesprochen fesche und höchst ungewöhnlich strukturierte Criss-Cross Nebel. Er ist das Produkt des Anbrandens von Material aus einem Zweig einer Supernova-Explosion.

Genauer: Überaus rasant fliegende Gase, die aus einer Supernova-Explosion herstammen, trafen einen zwischen den Sternen vor sich hindämmernden, vorher vollends unauffälligen und zu einer Gaswolke zusammengeballten kalten Nebel, heizten ihn auf, brachten ihn zum Strahlen und sind seitdem dabei, ihn richtiggehend zu zermahlen. In etwa 10.000 Jahren wird nichts mehr an ihn erinnern. Falls die Kurzbeschreibung dieses Objekts Ihr Interesse geweckt haben sollte, so klicken Sie bitte folgenden link an: https://brentenriegel.at/ergebnisse/24-11-01-interstellares-objekt-criss-cross-nebel-weinberger

RESÜMEE
Nebel werden misstrauisch beäugt. Wissen wir, kennen wir. Hoffentlich konnte ich diesen Eindruck aufgrund des obigen nebeligen Ausflugs ins All etwas zurechtrücken. Freilich ist auch so mancher irdische Nebel schön. Das erkannte z. B. bereits Matthias Claudius, der in seinem berühmt gewordenen, 1779 veröffentlichten, Abendlied das Ende der 1. Strophe wie folgt ausklingen ließ: … Und aus den Wiesen steiget – Der weiße Nebel wunderbar.
Recht hatte er!

Bildrechte: Bild 1 bis 4 Gustav Pöltner – mit herzlichem Dank

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Ronald Weinberger

Ronald Weinberger, Astronom und Schriftsteller, 1948 im oberösterreichischen Bad Schallerbach geboren, war von 1973 bis 1976 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg. Von 1977 bis zum Pensionsantritt im Dezember 2011 war Weinberger an der Universität Innsbruck am Institut für Astronomie (heute Institut für Astro- und Teilchenphysik) als Fachastronom tätig. Als Schriftsteller verfasst Weinberger humorvolle Kurzgedichte und Aphorismen, aber auch mehrere Sachbücher hat er in seinem literarischen Gepäck: Seine beiden letzten Bücher erschienen 2022 im Verlag Hannes Hofinger, im Februar das mit schrägem Humor punktende Werk "Irrlichternde Gedichte" und im September das Sachbuch „Die Astronomie und der liebe Gott“ mit dem ironischen, aber womöglich zutreffenden, Untertitel „Sündige Gedanken eines vormaligen Naturwissenschaftlers“.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Rudolf Ostermann

    Immer wieder ein Highlight einen Beitrag von Ihnen zu lesen.

  2. c. h. huber

    wirklich traumhaft schön, diese bilder und egal, dass ich den schriftlichen ausführungen nicht immer ganz folgen konnte – liegt an meiner astronomischen beschränktheit!

  3. Brigitte Kreisl-Walch

    Danke für den Unterricht in Astronomie verbunden mit herrlichem Bildmaterial.

  4. Susanne Preglau

    Danke für diese phantastischen Fotos!

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