Ronald Weinberger
Der böse Blick
Ein "Bledoyer" für mehr Humor
Notizen

Kriege, Messerattacken, Überschwemmungen, Mückeninvasionen… Wie sollte sich bei derlei Katastrophen ein Grinsen, gar ein Lächeln, ins Antlitz stehlen? Kein Wunder also, dass man ihnen massenhaft begegnet: Menschen mit ernstem bis grimmigem Gesichtsausdruck.

Was gibt’s da zu lachen?! Womöglich kennen Sie noch dieses Sätzchen, das man als feixender Schüler vom finster dreinblickenden Lehrer sich hat anhören müssen. Nun ja, die Schule ist bekanntlich nicht zum Lachen da. Die Weltläufte schon eher, nicht wahr?

Apropos böser Blick. Blickt man in die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, so liest man dortselbst: Böser Blick ist eine Bezeichnung für die Vorstellung, dass durch den Blick eines Menschen, der magische Kräfte besitzt, ein anderer Mensch Unheil erleiden, zu Tode kommen oder dessen Besitz geschädigt werden kann. Und erfährt zudem: Eine Furcht vor dem bösen Blick ist weltweit verbreitet und in vielen Kulturen vorzufinden.

Klar, derlei böse Blicke meine ich nicht. Ich meine die verkniffenen Visagen, in die zu blicken man wohl nicht gezwungen ist, indes diese beinahe automatisch wahrnimmt. Bei Diskussionen über Politik. Über Gesundheit. Über alles Mögliche. Auf der Straße. Aber eher selten im Wirtshaus, stimmt‘s? Freund Alkohol schiebt da allzu großem Ernst einen Riegel vor. Auch selten bei Eiscreme oder Schokolade genießenden Personen. Die sehen zufrieden bis glücklich aus.

Bevor Sie denken, ich würde Ihnen zu letztgenannten Tätigkeiten raten – schädigen sie doch bei ausuferndem Genuss à la longue die Leber bzw. das Gebiss, was wahrlich nicht zum Lachen ist – darf ich bremsen: All das meine ich nicht. Was ich vielmehr meine, ist die Aneignung einer inneren, humorbasierten Gelassenheit, die sich dann als eine von außen ersichtliche zeigt. Kurzum: Grimm ade! Und so etwas lässt sich durchaus üben.

Wie? 

Indem Sie sich beispielsweise, nicht zu knapp, mit Humor kontaminierte Literatur reinziehen (keine Angst, ich versage mir jegliche Werbung für mein Schrifttum). Müssen ja nicht, können aber diverse Klassiker des Humors sein, oder aber modernere wie das Werk des Lyrikers Robert Gernhardt.

Sie könnten sich – besonders empfehlenswert, da mit keinerlei Mühen verbunden – (TV)Sendungen aus dem Bereich Comedy zu Gemüte führen (herkömmliches Kabarett ist hingegen zum Teil zu sehr Politik-lastig). Eben jetzt, da Fredl Fesl, ein bayerischer Liedermacher, der seine Werke als bayrische und melankomische Lieder bezeichnete, leider in die ewigen Komikgründe eingehen musste, würde es sich lohnen, so manches von ihm aus dem Internet herunter zu laden und sich daran zu erfreuen. Ich tat dies – und habe herzhaft gelacht, zumindest aber geschmunzelt.

Nun, ich muss aufpassen, nicht ins Schwärmen zu geraten, wenn ich Loriot erwähne. Beziehungsweise, sozusagen am anderen Ende, den Brachialhumoristen Günter Grünwald, der seit vielen Jahren im BR-Fernsehen mit überaus deftigen Ausdrücken verbal hantiert. 

Überhaupt ist der Freitag-Abend im BR-Fernsehen in aller Regel eine Fundgrube für Humor aller Art. Unlängst, bei einer Sendung alter Sketche in der Sendung auf bairisch g‘lacht, habe ich mehrere Papiertaschentücher vollgetrenzt, so sehr haben mich die Inhalte mitgenommen, sprich verflüssigt. Ich liebe Albernheiten.

Und da ich Ihnen bereits ein zunehmendes Stirnrunzeln ansehe, in die Worte kleidbar: Ja, und UNSERE Humoristen? Hamma doch auch, oder? Ja, freilich! Gute noch dazu! Aber die kennen Sie doch eh. Muss ich nicht näher vorstellen. Hoffentlich.

So, jetzt habe ich aber genug bei Ihnen blediert. Und will mein Plädoyer mit dem berühmt gewordenen Ausspruch des seinerzeitigen Altmeisters Karl Farkas beschließen, der seine köstlichen Kabarettsendungen mit dem Satz Schau’n Sie sich das an! einzuleiten pflegte.

Halt! Nix mit sofortigem beschließen. Da ich vorhin, wenn auch nur in Klammern, versprach, keine Werbung für meine eigenen (durchwegs humorgetränkten) Werke zu machen, will ich Ihnen, diesmal wirklich abschließend, in der mir eigenen vornehmen Zurückhaltung bloß 5 meiner 200 einschlägigen Aphorismen zu Gemüte führen:

Humor und feurige Liebe unterscheiden sich wie folgt: Ersterer bleibt erhalten.
Triste Gedanken kommen durch Spaß ins Wanken.
Albernes und Absurdes sind fürwahr ein vergnügliches Geschwisterpaar.
Besser der Schalk im Nacken als der Zynismus auf der Zunge.
Das Leben ist zu kurz, um es humorfrei abzuwickeln.

PS: Vergessen Sie ruhig alles, was ich vorher schrieb, denn die Verinnerlichung des letzten Aphorismus genügt vollends.


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Ronald Weinberger

Ronald Weinberger, Astronom und Schriftsteller, 1948 im oberösterreichischen Bad Schallerbach geboren, war von 1973 bis 1976 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg. Von 1977 bis zum Pensionsantritt im Dezember 2011 war Weinberger an der Universität Innsbruck am Institut für Astronomie (heute Institut für Astro- und Teilchenphysik) als Fachastronom tätig. Als Schriftsteller verfasst Weinberger humorvolle Kurzgedichte und Aphorismen, aber auch mehrere Sachbücher hat er in seinem literarischen Gepäck: Seine beiden letzten Bücher erschienen 2022 im Verlag Hannes Hofinger, im Februar das mit schrägem Humor punktende Werk "Irrlichternde Gedichte" und im September das Sachbuch „Die Astronomie und der liebe Gott“ mit dem ironischen, aber womöglich zutreffenden, Untertitel „Sündige Gedanken eines vormaligen Naturwissenschaftlers“.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Susanne Preglau

    Die Lektüre Ihres „Bledoyers“ hat jedenfalls bereits ein Lächeln in mein Gesicht gezaubert.
    Vielen Dank

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