Ronald Weinberger
Das JETZT als Chimäre
Oder:
Alles ist Vergangenheit.
Außer...
Notizen
Mit der Zeit, insbesondere der Vergangenheit, wird allerlei Schindluder getrieben. Zum Beispiel geschlechtsbezogenes. Frauen mit Vergangenheit, falls derart bezeichnet, sind dann schon einmal einschlägig abgestempelt. Und viele Väter und (Ur)großväter der jetzt in Ö und D lebenden Männer werden, ob deren tatsächlicher oder vermeintlicher Mitwirkung im Dritten Reich, ohnehin nur mit erhobenem Zeigefinger, häufig genug indes mit zur Faust geballten Fingern bewertet.
Beispiele ähnlicher, aber auch anderer Provenienz sind zahllos – und werden daher von mir aus guten Gründen hier negiert. Ich will Sie nämlich ins Jetzt entführen. In das meiner Ansicht nach echte, freilich dem tagtäglichen Leben entrückte, ins – wenn man‘s genau nimmt, wissenschaftliche und beinahe zeitlose – Jetzt.

Der Criss-Cross-Nebel, ein außergewöhnlich geformter, da ‚im Sterben liegender‘, heißer Gasnebel. Er ist ungefähr 1.000 Lichtjahre entfernt und befindet sich damit in unserer unmittelbaren Nachbarschaft in der Milchstraße. BILDRECHTE: BTB AstroTeam, Sternwarte Brentenriegel ( www.brentenriegel.at ).
Als Einstimmung dafür muss und will ich (ein pensionierter professioneller Astronom) Sie ins Unalltägliche, nämlich ins Kosmische entführen. Da lernen wir am meisten und besten über das Prinzip Vergangenheit. Gewisse spezielle Kenntnisse über den Kosmos stellen dafür eine Art Rüstzeug dar.
Bevor ich dies tue, möchte ich Ihr eventuell veraltetes Bild über Astronomie zurechtrücken. Falls Sie meinen, Astronomen würden nächtens durch Fernrohre gucken, liegen Sie völlig falsch. Das gab‘s einmal, bis vor etlichen Jahrzehnten. Seit geraumer Zeit wird indes auf der Erdoberfläche und zunehmend im Weltraum eine Vielzahl meist technisch sehr aufwändiger Instrumentarien (als Teleskope bzw. Observatorien bezeichnet) eingesetzt, welche insbesondere die diversen Strahlungsarten wie das für unsere Augen sichtbare Licht, aber ebenso Infrarot-, Röntgen-, oder Radio-Strahlung, die auf der Erdoberfläche oder im erdnahen Weltraum eintreffen, registrieren, sammeln und an Institute weiterleiten.

Autor Ronald Weinberger
Der Naturwissenschaft Astronomie/Astrophysik, sprich, deren Forschern, obliegt es sodann, die überaus vielfältigen und in aller Regel komplexen bis hochkomplexen kosmischen Prozesse zu sichten, zu verstehen, in Wissen umzuwandeln, zu publizieren – und so gut es geht, manche Resultate im Anschluss nicht bloß den Fachkollegen, sondern ebenso anderen daran interessierten Menschen, dabei nicht selten einer ob mancher spektakulärer Erkenntnisse erstaunten bis verblüfften größeren Öffentlichkeit nahezubringen.
Was hat all das mit Vergangenem zu tun? Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Alle diese Blicke hinaus in den Kosmos, also ausnahmslos all das, was aus dem Weltall sozusagen bei uns ankommt, ist Vergangenheit in Reinkultur.
Sichtbares Licht und die anderen genannten Strahlungen pflanzen sich im Weltall, also im Beinahe-Vakuum, mit Lichtgeschwindigkeit fort. Dabei wird in 1 Sekunde eine Strecke von knapp 300 000 km zurückgelegt. Das bedeutet: Falls sich irgendeine Strahlungsquelle dreihunderttausend km entfernt von einem derlei Strahlung registrierenden Teleskop befindet, sieht letzteres das Objekt so, wie es vor 1 Sekunde aussah. Der Mond etwa umkreist die Erde in einer Distanz von knapp 400 000 km. Sein Anblick ist mithin der vor circa 1,3 Sekunden, denn so lange ist dessen Licht zu uns unterwegs.

Der etwa 14 Milliarden Jahre alte Kugelsternhaufen M12, der in 16.000 Lichtjahren Entfernung von uns seine Bahn innerhalb unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße, zieht. BILDRECHTE: BTB AstroTeam, Sternwarte Brentenriegel ( www.brentenriegel.at ).
In medias res. Ich beginne mit der Sonne. Dieser der Erde nächstgelegene Stern befindet sich in 150 Millionen km Distanz von unserem Heimatplaneten. Angenommen, Sie lesen zurzeit diese Zeilen bei Tageslicht, das bekanntlich von der Sonne stammt. Lassen wir nun unsere Fantasie spielen und annehmen, eine höhere Macht würde soeben(!) die Sonne ausgeschaltet haben. Dann würden wir 8 Minuten und 19 Sekunden nichts davon wahrnehmen. Ab eine Sekunde später wäre es sodann stockdunkel. Der Grund: Das Sonnenlicht ist bis zu uns 8 Minuten und 20 Sekunden unterwegs.
Meine Botschaft ist freilich folgende: Wir sehen die Sonne niemals so, wie sie gegenwärtig aussieht, sondern einzig so, wie sie vor den genannten 8 Minuten und 20 Sekunden beschaffen war. Wir erblicken sie also stets in Form einer – ihrer – Vergangenheit.
Weiter hinaus ins All! Wir – unsere kosmische Heimat, das Sonnensystem – befinden uns unweit des Randes einer gigantisch großen Anhäufung von hunderten Milliarden Sternen, zusammen mit einer riesigen Anzahl diversester Himmelskörper, die keine Sterne sind. Wir nennen sie Milchstraße; sie stellt eine sogenannte Galaxie dar. Von den schier unzähligen Galaxien im Weltall wollen wir vorerst eine herausgreifen, nämlich die unserer Milchstraße am nächsten befindliche, ungefähr ebenso große, Galaxie. Sie ist etwa 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt und wird Andromedanebel, auch Andromedagalaxie, genannt.
Nun dasselbe Fantasiespiel wie vorhin bei der Sonne. In Gedanken beäugen wir nun den Andromedanebel. Verschwände er urplötzlich, so würden das unsere fernen Nachfahren (falls es denn welche geben sollte) erst in zweieinhalb Millionen Jahren wahrnehmen können. In anderen Worten: Wir sehen diese Nachbargalaxie so, wie sie vor 2,5 Millionen Jahren aussah. Sie präsentiert sich also derzeit in einer Erscheinungsform, die vorhanden war, als es noch keine Spur von uns, dem Homo sapiens, gab.
Springen wir nun beinahe bis zur Grenze unseres Universums, das vor 13,8 Milliarden Jahren in einem (längst nicht ausreichend verstandenen) Urknall seinen Anfang nahm.
Einem vor wenigen Jahren in Dienst gestellten Superteleskop, dem in einer Entfernung von etwa 1,5 Millionen km von der Erd-Nachtseite in einer Umlaufbahn stationierten James-Webb-Teleskop, gelang unlängst unter anderem folgende erstaunliche Entdeckung. Ich zitiere wortwörtlich aus dem Wikipedia-Artikel über dieses Teleskop und seinen Fund:
Während der Mission wurden mehrere Galaxien aus der Zeit etwa 300 Millionen Jahre nach dem Urknall, also vor etwa 13,5 Milliarden Jahren, entdeckt. Sie sind damit die ältesten und zugleich die am weitesten entfernten Galaxien, die jemals entdeckt wurden. Ihr Licht brauchte 13,5 Milliarden Jahre, bis es bei uns ankam; das Teleskop erblickte sie also im damaligen Zustand.
Kurzum: ein direkter Blick in eine extremst entfernte Vergangenheit! Könnten wir uns ohne Zeitverlust dorthin versetzen, würden wir aber ein völlig verändertes Universum – das ja seit Anbeginn expandiert(!) – vorfinden. Wir können, das zeigt sich erneut, der Vergangenheit nicht entfliehen!

Etwa zehnmal weiter als der Andromedanebel ist diese Galaxie namens NGC 4490 samt ihrer kleinen Begleitgalaxie von uns entfernt. So sah sie also vor ungefähr 25 Millionen Jahren aus. BILDRECHTE: BTB AstroTeam, Sternwarte Brentenriegel ( www.brentenriegel.at ).
Bedenken Sie dieses Unvermögen einmal von ganz anderer Seite: Wenn Sie mit einem in circa 1 m Entfernung von Ihnen befindlichen Gesprächspartner kommunizieren, dann sehen sie ihn in der Vergangenheit! Sie nehmen ihn ja deswegen optisch wahr, weil er Licht reflektiert. Letzteres braucht hin zu Ihnen wohl nur eine extrem winzige – aber im Prinzip messbare – Zeit. Und Sie hören ihn, wobei die Schallwellen eine sehr geringe Zeit benötigen, um Ihre Ohren zu erreichen.
Wir dürfen und müssen daraus schließen: Sie sehen und hören ihn nicht genau jetzt. Sie sehen und hören ihn in der Vergangenheit. Diese Schlussfolgerung ist unausweichlich. Alles um uns, was wir registrieren, ist Vergangenheit. Wir sind eingebettet, ja umgeben, von Vergangenheit. Das von uns so gerne und ausführlich benutzte jetzt – auch wenn das für unser Alltagsleben irrelevant ist – darf/soll ergo hinterfragt werden, denn es trägt zur Bewusstseinsbildung bei. Und generiert Staunen.
Ich tue das, indem ich eine Idee präsentiere. Geboren aus dem Faktum, dass es ein von der Vergangenheit entkoppeltes Jetzt nicht gibt. Unser freigiebig benutztes Jetzt ist folglich, strenggenommen, ein Trugbild, eine Chimäre. Man könnte etwa anstelle von jetzt die Begriffe gegenwärtig, zurzeit, nun usw. verwenden. Die haben die nötige zeitliche Unschärfe, die ja mehr oder weniger auch dem von uns gebrauchten jetzt innewohnt.
Und was wäre dann das von mir definierte Jetzt? Gibt es ein jetzt, das jetzter kaum noch sein kann? Ein von Vergangenheit freies bzw. weitestgehend freies Jetzt?
Ich definiere hiermit mein Jetzt als den Moment, in dem in unserem Gehirn ein Gedanke aufblitzt. Wenn Sie beispielsweise, angesichts meiner eben erwähnten Idee zum Beispiel ein Na, sowas! Erstaunlich! denken, dann kann man das doch als echtes, wahres, Jetzt bezeichnen, behaupte ich.
JETZT sind Sie aber verwundert – oder verstimmt – nicht wahr?
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Sehr geehrter Herr Weinberger, Ihr Artikel zum „Gestern im Jetzt“ gefällt mir sehr gut; und das muss er fast, da ich vor einigen Jahren im Schöpfblog sehr ähnliche Betrachtungen angestellt habe. Wobei ich ins Zentrum des Artikels von philosophischer Seite her die Frage des Jetzt oder gar die Möglichkeit, eine Prognose abgeben zu können, gestellt hatte. Ich würde Ihnen den Beitrag von „meinem anno dazumal“ gerne in „Ihr Jetzt“ schicken, aber das ist technisch anscheinend nicht möglich (oder ich kenne mich damit zu wenig aus). Sie können Ihn ja aber in diesem Blog unter meinem Autorennamen und dann weiter hinten unter dem Titel „Ich weiß, was dich erwartet“ finden.
Mit lieben Grüßen
Christoph Themessl
Wir vom AstroTeam „Sternwarte Brentenriegel“ freuen uns riesig ( in astronomischer Größenordnung) , dass uns ao. Univ.-Prof. i. R. Dr. Ronald Weinberger als Wissenschaftlicher Beirat zur Verfügung steht. Besonders freut es uns, wenn unsere Bilder in literarischer und essayistischer Form genutzt und publiziert werden. Dies ist eine große Hilfe für unseren Bildungsauftrag laut Vereinssatzung – Astronomie allgemein bekannt zu machen. Wenn dies in humoristischer Form geschieht, umso besser.
Vor allem einmal: Ich habe Deinen Beitrag mit großem Vergnügen gelesen. Man merkt auf jeder Seite, dass hier jemand schreibt, der die Astronomie nicht nur beherrscht, sondern sie auch vermitteln kann. Genau das gelingt Dir hervorragend. Aus einer zunächst alltäglichen Frage – was ist eigentlich das Jetzt? – entwickelst Du über den Blick in den Kosmos einen faszinierenden Gedankengang, der den Leser Schritt für Schritt mitnimmt. Besonders gelungen finde ich die Beispiele mit Sonne, Andromedagalaxie und James-Webb-Teleskop. Sie machen anschaulich, dass Astronomie tatsächlich immer ein Blick in die Vergangenheit ist. Dieses Staunen über das Universum vermittelst Du hervorragend, und genau das ist für mich die große Stärke des Artikels.
Ein paar Gedanken hatte ich allerdings zur philosophischen Schlussfolgerung.
Der erste Punkt betrifft den Übergang von der Physik zur Philosophie. Dass unsere Wahrnehmung aufgrund der endlichen Licht- und Signalgeschwindigkeit immer eine minimale Verzögerung besitzt, ist unbestritten. Daraus folgt für mich aber noch nicht zwangsläufig, dass es deshalb kein Jetzt gibt. Die Verzögerung betrifft unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit, nicht unbedingt die Wirklichkeit selbst.
Ein zweiter Gedanke betrifft die Relativitätstheorie. Seit Einstein wissen wir, dass es ohnehin kein universelles Jetzt gibt, sondern nur ein lokales, vom jeweiligen Beobachter abhängiges. Gerade deshalb würde ich vorsichtig sein, nach einem einzigen „echten“ Jetzt zu suchen.
Am meisten nachdenken ließ mich Deine Definition des Jetzt als jenes Augenblicks, in dem ein Gedanke aufblitzt. Das ist ein schöner philosophischer Gedanke, aber auch Gedanken entstehen ja nicht außerhalb der Zeit. Neurowissenschaftlich betrachtet haben auch sie eine Entstehungsgeschichte und werden uns erst mit einer kleinen Verzögerung bewusst. Deshalb scheint mir auch dieses „Gedanken-Jetzt“ nicht völlig frei von Vergangenheit zu sein.
Schließlich hatte ich noch den Eindruck, dass der Begriff „jetzt“ in der Alltagssprache vielleicht etwas strenger behandelt wird, als notwendig wäre. Sprache arbeitet fast immer mit unscharfen Begriffen wie „hier“, „gleich“ oder „bald“, ohne dass sie dadurch falsch würden. Vielleicht ist auch das „Jetzt“ weniger ein physikalischer Zeitpunkt als vielmehr ein praktischer Begriff unseres Denkens und Handelns.
Das sind allerdings eher philosophische Anmerkungen als Einwände gegen Deinen Artikel. Als populärwissenschaftlicher Essay hat er aus meiner Sicht genau das erreicht, was ein guter Essay erreichen soll: Er bringt den Leser zum Staunen und regt zum Weiterdenken an. Und vielleicht ist genau das die größte Qualität Deines Textes – dass man nach dem Lesen nicht einfach zustimmend nickt, sondern sich noch lange fragt, was das „Jetzt“ eigentlich ist.
Vielen Dank für diese anregenden Gedanken – ich habe den Artikel wirklich mit großem Interesse gelesen.
Ja, es ist faszinierend, dass wir praktisch nur in die Vergangenheit blicken, die für uns gute alte Zeit, bzw. doch nicht so gute alte Zeit, weil viel beschwerlicher. Also könnten wir sagen, wir leben ständig in der Zukunft und die Gegenwart ist nur ein grammatikalischer Behelf, um uns zurechtzufinden. Eine sichtbare Zukunft ist uns allerdings verwehrt. Diese beginnt nämlich erst hinter dem beobachtbaren Rand des Universums, 46 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt.
Lieber Ronald !
Mit großem Interesse und Staunen habe ich deinen Artikel über das „Hier und Jetzt“ gelesen.
Vieles von dem war mir bekannt. Deine Ausführungen haben mir wiederum die „Unendlichkeit“ von Raum und Zeit vor Augen geführt. Gerne blicke ich in klaren Nächten in den Sternenhimmel. Unglaublich, dass das was ich sehe, ein Abbild von dem ist, was vor tausenden bzw. Millionen Jahren geschehen ist – ein Blick zurück in die Vergangenheit! Dein Maturakollege Adi Falb
diese überlegungen sind wirklich aufregend für mich und bestimmt noch einige andere menschen. danke für die aufklärung des begriffes „jetzt“
Sehr geehrter Hr. Professor! Danke für den interessanten kleinen Exkurs ins Weltall!
Für Vielleser nicht alles neu, aber ein guter Denkanstoß. Und humorig – so macht auch das Lesen eines mehr oder weniger wissenschaftlichen Artikels Spaß!
Grüße aus der Colingasse (fotografie „Wo die Welt zu Ende ist“). Edith D.