Ronald Weinberger:
Reise durch China
1. Brief:
Wirtschaft

Vorbemerkung:
Der Autor dieser Zeilen – seit einem halben Jahrhundert mit einer aus Taiwan stammenden Chinesin verheiratet – bereiste mit seiner Gattin bislang etwa drei Dutzend Mal China und Taiwan. Beide Länder sieht er mit sozusagen touristischen als auch der Lebenswirklichkeit zugewandten Augen. 

Von 16.12.2025 bis 12.01.2026 nimmt er China und anschließend, bis 28.01.2026, Taiwan ins Visier. Seine im Folgenden, im 1. Brief, vorgestellten persönlichen Eindrücke der ersten 10 Tage in China beziehen sich auf die von ihm wahrgenommene wirtschaftliche Lage im Reich der Mitte.



Die Reisenden: Ehepaar Weinberger

IN MEDIAS RES

Ich möchte Ihnen zwei Wörter der chinesischen Umgangssprache vorstellen. Beide sind leicht zu merken und ebenso leicht auszusprechen. Sie werden häufig von Chinesen benutzt – und haben eine ebenso oftmals verwendete Entsprechung in der deutschen Sprache.

Es handelt sich um unser soso lala. Auf chinesisch mama huhu. Es ist keine besondere Intonation nötig; man spricht es gleichmäßig ma-ma hu-hu aus. So einfach ist es also, falls Chinesen verbal ausdrücken wollen, dass es ihnen selbst, oder der Wirtschaft, sowie etlichem anderem halbwegs gut geht. Ein Zustand, der freilich mehr oder minder dringend verbesserungswürdig ist. Soso lala eben.

Ein Taxifahrer im von uns zu Anfang einige Tage lang besuchten Zentralchina (in der Multimillionen-Metropole Chengdu, die übrigens von Wien direkt angeflogen werden kann), bei einer etwa halbstündigen Fahrt nach dem Lauf seines Geschäfts von meiner Gattin befragt, sagte, ihm ginge es mama huhu. Das höre seit vielen Jahren sogar ich, dem ansonsten die chinesische Sprache samt Schrift weitestgehend unzugänglich geblieben ist, problemlos heraus.

Taxifahrten in China sind für unsereins spottbillig. Wir fuhren häufig mit Taxis, besonders dann im anschließend besuchten Südchina (unweit der Großstadt Huizhou, wo meine Frau vor wenigen Jahren eine Wohnung erwerben konnte). 

Bereits bei unserer zweiten oder dritten Taxifahrt in letztgenannter Region geriet meine Frau mit einem Taxifahrer in ein intensives, von dessen Seite lautstark geführtes Gespräch und erzählte mir in einer der kurzen Unterhaltungspausen, der Taxifahrer habe aufgeregt davon berichtet, sein Geschäft würde zunehmend schlechter laufen, die Wirtschaft würde merkbar schwächeln.

Auf mein Ersuchen hin stellte meine Frau ab nun bei so gut wie jeder etwas längeren Taxifahrt dem jeweiligen Taxifahrer dieselbe Frage: Wie läuft es mit Ihrem Geschäft? Ich wollte nämlich in Erfahrung bringen, ob die bei uns in unseren Medien sporadisch vorkommenden Meldungen stimmten, dass selbst in China wirtschaftlich nicht mehr alles zum Besten stünde. 

Ein leichtes Misstrauen gegenüber Berichten über China in unseren Medien schien mir dabei gerechtfertigt, denn so manche anderen Meldungen über China konnte ich schon früher an Ort und Stelle nicht oder kaum bestätigt finden.

Weshalb überhaupt mein dezidiertes Interesse daran, wie es den Chinesen wirtschaftlich geht? Wir hatten nämlich bald nach unserer Ankunft in Zentralchina einen von uns unerwarteten, vor allem verstörenden Anblick erleben müssen. Unweit eines Bahnhofs kniete, mitten am Gehsteig, ein halbwegs junger Mann mit erhobenen Armen, der in klagendem Tonfall, indes nicht übermäßig laut, sprach. Auf einem großen Schild stand – so meine Frau – geschrieben, er bitte dringend um eine finanzielle Zuwendung, denn er habe seine Stelle verloren, seine Gattin habe ebenfalls kein Einkommen – und deren zwei kleine Kinder zuhause würden darben. Glücklicherweise sahen wir, als wir einen Geldschein neben seine Knie auf den Boden gleiten ließen, dass sich auch andere Leute erbarmt hatten.

Zurück zu den befragten Taxifahrern. Ein einziger antwortete etwa wie folgt: Ich komme gut über die Runden, aber nur, weil ich mich auf den Transport von Flughafenkunden spezialisiert habe und meine Frau als Pharmazeutin arbeitet. Ein anderer meinte, er könne seinen finanziellen Einkommensstatus halten, aber…  den Rest ließ er offen. Von einem weiteren hörte ich aus dessen Redefluss das mir vertraute mama huhu heraus, aber der gesamte Rest an Befragten meinte bzw. beklagte sich, alles würde den Bach runtergehen, man selbst fände ja gerade noch das wirtschaftliche Auslangen, indes junge Leute würden zunehmend, aus finanziellen Gründen, auf’s Kinderkriegen verzichten, bei ihren Eltern wohnen, Jungakademiker könnten kaum noch eine Stelle finden – und Ähnliches mehr.

Ich hatte nun längst gewissermaßen Blut geleckt und bat meine Frau, sich auch sonst hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage umzuhören. Konnte denn all das bisher Gehörte stimmen, da etwa von Obdachlosigkeit, so wie in US-Großstädten häufig evident, nichts zu sehen war? Auf diese Weise erfuhr ich indirekt auch bei anderen Gelegenheiten (etwa von seiten des Personals von Restaurants) laufend von Klagen über die wirtschaftliche Lage, etwa dass deutlich weniger Besucher kämen.

Ich fand übrigens diese Eingeständnisse gegenüber Fremden bemerkenswert, hat sich doch bei vielen von uns Westlern seit langem der Eindruck verfestigt, Chinesen würden sich nicht getrauen, ihren Unmut zu äußern, weil sie dauerdiszipliniert, sprich unterdrückt würden und aus Angst vor nachteiligen Konsequenzen stillhielten.

Apropos stillhalten. Nun, vermittels Demonstrationen wird ja offenbar nicht protestiert. Aber soziologische Ventile gänzlich anderer Art sind offenkundig längst geöffnet. Etwa in Bezug auf ein, ich sage mal, sehr spezielles Verhalten im Straßenverkehr und ein derart, euphemistisch ausgedrückt, ungezwungenes Bekleidungsverhalten (samt Benehmen!) junger Leute in der Öffentlichkeit, das mich bisweilen nur so staunen ließ. 

Dergleichen war mir bei unseren früheren Besuchen nicht aufgefallen. Ist das Aufmüpfigkeit? Wie auch immer: Offensichtlich tut sich da was, in gesellschaftlicher Hinsicht.

Darüber will ich mich alsbald im Blog, erneut anhand meiner persönlichen Beobachtungen, etwas näher auslassen. Das reale Leben hält hier in China jedenfalls Überraschungen für unsereins bereit. Und Letztere sind längst nicht immer vom Typ mama huhu.



Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Ronald Weinberger

Ronald Weinberger, Astronom und Schriftsteller, 1948 im oberösterreichischen Bad Schallerbach geboren, war von 1973 bis 1976 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg. Von 1977 bis zum Pensionsantritt im Dezember 2011 war Weinberger an der Universität Innsbruck am Institut für Astronomie (heute Institut für Astro- und Teilchenphysik) als Fachastronom tätig. Als Schriftsteller verfasst Weinberger humorvolle Kurzgedichte und Aphorismen, aber auch mehrere Sachbücher hat er in seinem literarischen Gepäck: Seine beiden letzten Bücher erschienen 2022 im Verlag Hannes Hofinger, im Februar das mit schrägem Humor punktende Werk "Irrlichternde Gedichte" und im September das Sachbuch „Die Astronomie und der liebe Gott“ mit dem ironischen, aber womöglich zutreffenden, Untertitel „Sündige Gedanken eines vormaligen Naturwissenschaftlers“.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. c. h. huber

    ich freue mich auf weitere berichte aus dem reich der mitte, das offenbar ein wenig diese mitte verloren hat. interessant und spannend!

  2. Brigitte Kreisl-Walch

    Sehr interessant, dieser Beitrag. Man hört ja in letzter Zeit, selbst von China, dass es gerade nicht so rosig läuft. Dieser Trump stellt die Weltwirtschaftsordnung auf den Kopf. Es wird sich weisen, ob es im Endeffekt gut oder schlecht war. Europa ist jedenfalls aufgewacht.

Schreibe einen Kommentar