Rolf Kaufmann
Bewusstseins-Evolution und Religion.
In welchem Umfeld ist
Sterbehilfe möglich und erlaubt?
Die Bilanz eines Sterbebegleiters

Was die ÖGHL (österreichische Gesellschaft für ein humanes Lebensende) für Österreich, das ist Exit für die Schweiz. Exit hielt und hält sich fruchtlose Streitgespräche über die Freitodbegleitung mit dem Schlagwort vom Leibe: Wir sind religiös und politisch neutral.

Sollte sich die ÖGHL ähnlich positionieren?

Antwort: So nützlich Exits Schlagwort ist: Genau besehen, entspricht es nicht der Wahrheit. Wahr ist vielmehr, dass sich Exit nicht in religiöse und politische Dispute einmischt und keine weltanschauliche Stellungnahme abgibt, sondern sich auf die Praxis konzentriert, urteilsfähigen Sterbewilligen beizustehen, wenn ihnen das Leben zur unerträglichen, nicht abzuwendenden Qual wird.

Insofern ist Exit weltanschaulich neutral. Doch auf einer tieferen Ebene besteht die Neutralität nicht. Darauf weist der Umstand hin, dass Exits Feind Nr. 1 die traditionellen Religionen sind.

Dass das Schlagwort von der weltanschaulichen Neutralität nur auf den ersten Blick stichhaltig ist, zeigt ein geistesgeschichtlicher Rückblick.

Die geistigen Wurzeln der Freitodbegleitung

Die Idee, die Einstellung zum Freitod sei Privatsache, entstand in der europäischen Aufklärung. Es gab zwar bereits in der Antike Philosophen, deren Geist so weit fortgeschritten war wie der von Gebildeten im Europa der Moderne. Da die antike Gesellschaft jedoch eine Sklavengesellschaft war, wurde die Idee, die Einstellung zum Freitod sei Privatsache, erst in der Moderne mit ihrer allgemeinen Schulpflicht und dem gehobeneren allgemeinen Bildungsniveau kollektiv bedeutsam.

In früheren Gesellschaften war das Denken vorgegeben; den Freitod als Menschenrecht des Einzelnen zu deklamieren, war undenkbar.

Organisationen wie Exit und die ÖGHL setzen die Moderne voraus, die Demokratie, die Mündigkeit und Freiheit des Einzelnen. Das sind Errungenschaften der europäischen Aufklärung, und diese wiederum ist eine Frucht der vom Schweizer Arzt und Psychologen Willy Obrist (1918 – 2013) beschriebenen sogenannten Bewusstseins-Evolution, des unaufhaltsamen Fortschritts im Denken also. (Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Obrist)

Die Wurzel dieser Bewusstseins-Evolution ist die evolutionäre Tendenz der Natur, die der Gesamtevolution zugrunde liegt. Der Fortschritt im menschlichen Denken ist letztlich also naturgewollt, muss aber von den Menschen umgesetzt werden. Die Natur gibt den Anstoß; diesen muss der Mensch im Leben verwirklichen.

Obwohl die Bewusstseins-Evolution naturgewollt ist, benötigt sie sehr viel Zeit, um sich durchzusetzen; denn ihr Antipode ist die Neophobie (die Angst vor Neuem), die ebenso zum menschlichen Wesen gehört wie der Drang, Neues zu entdecken und vorwärts zu schreiten.

Dass altgeheiligte Traditionen nicht wie Kleider ausgewechselt werden können, hat gute Gründe, und darum müssen sich Pioniere und geistige Abenteurer damit abfinden, dass Bemühungen, Neues zu schaffen, zuerst einmal abgelehnt oder gar bekämpft werden.


Wo steht die Bewusstseins-Evolution heute? 

Bisher wurde erst eine kleine Minderheit der Weltbevölkerung vom Geist der Aufklärung durchdrungen. Darum haben Autokraten zurzeit so großen Erfolg; vielerorts drohen Rückfälle ins archaische Zeitalter.

Auch in der westlichen Welt ist die Aufklärung noch nicht weit fortgeschritten. So ist etwa unsere Bildung überwiegend nur eine sach- und fachliche Ausbildung, nicht eine wirkliche, die Gesamtpersönlichkeit umfassende Bildung.

Dennoch sind die Bewusstseins-Evolution und die aus der Aufklärung hervorgegangene Wissenschaft und Technik heute nicht mehr rückgängig zu machen.


Der größte Widerstand

Alle traditionellen Religionen bekämpfen den Freitod. Eine Ausnahme bildet der liberale Flügel der reformierten Züricher Kirche, der in der Schweiz maßgeblich dazu beitrug, dass Exit heute von der Mehrheit der Bevölkerung gutgeheißen wird.

Zwei liberale Züricher Pfarrer, Rolf Sigg und Werner Kriesi, waren in den Anfängen von Exit deren Präsidenten, und ich selber war in meiner zwanzigjährigen Tätigkeit als Freitodbegleiter nicht der einzige reformierte Pfarrer. Das Engagement der beiden Pfarrer bzw. Exit-Präsidenten half mit, dass Exit heute fast 200.000 Mitglieder zählt.

Die katholische Kirche verbietet ihren Mitgliedern, mit Hilfe einer den Freitod unterstützenden Organisation aus einem unerträglich gewordenen Leben zu scheiden.

Als Freitodbegleiter erlebte ich jedoch einige katholische Priester, die freitodwillige Gemeindemitglieder als Seelsorger auch in den Freitod begleiteten. Sie baten die Angehörigen allerdings, dies dem Bischof nicht zu melden. Das zeigt, dass die Bewusstseins-Evolution heute bis zur Basis der Kirche vorgedrungen ist, nicht aber bis zu ihrer Leitung, dem kirchlichen Hochadel in Rom.


Islam und Buddhismus

Wie steht es nun mit dem Islam mit Blick auf die Freitodbegleitung? Den größten Widerstand gegen die Bewusstseins-Evolution leistet heute der Islamismus. Er verdammt z.B. Charles Darwin (1809-82), den Entdecker der Evolution, der Grundlage der heutigen Wissenschaft. Darwins Entdeckung darf es im Islamismus nicht geben, da sie nicht mit dem Koran übereinstimmt, den Allah dem Propheten Muhammed vor anderthalb Jahrtausenden diktierte.

Oder: Ist etwa die Bevölkerung in Iran trotz der diktatorischen islamistischen Regierung offen für die Bewusstseins-Evolution? Ist das seit einer Generation systematisch unterdrückte iranische Volk heute in der Lage, einen freien, demokratischen Staat aufzubauen, nachdem die USA und Israel eventuell das terroristische Regime beseitigen konnten?

Da keine schlagkräftige Opposition besteht, ist die Hoffnung auf ein freies, demokratisches Iran verfrüht. Andererseits ist Iran eine alte Kulturnation: Schon Alexander der Grosse (356-323 v. Chr.) institutionalisierte das Gedankengut der griechischen Philosophie in Persien. Vielleicht ist mehr möglich, als es den Anschein hat? Das wird sich bald zeigen.

Noch ein Wort zum Buddhismus. Als Freitodbegleiter erlebte ich buddhistische Angehörige, die ihre aufgeschlossenen Lebenspartner unter Tränen bis zum letzten Atemzug vom Entschluss abzubringen versuchten, das unerträglich gewordene Leben mit Hilfe von Exit zu beenden.

Sie taten es im felsenfesten Glauben, mit Exit zu sterben, sei eine Sünde, die das Jenseits bestrafe. Für sie kommt jemand, der mit Exit stirbt, im nächsten Leben als Unterhund auf die Welt.


ÖGHL und Bewusstseins-Evolution

Im Kanton Zürich war es bis vor kurzem eine Streitfrage, ob religiöse, privat geführte Altersheime ihren Gästen verbieten dürfen, in ihren Mauern Freitodhilfe in Anspruch zu nehmen. Kürzlich beantwortete das Parlament der Züricher Regierung die Streitfrage mit dem Entscheid, das Verbot sei nicht statthaft und widerspreche den Menschenrechten. Die Mündigkeit des Einzelnen wurde höher gewichtet als das Recht der privaten Heime.

Der Entscheid ist noch nicht endgültig; dasselbe Problem wird sich auch in den Krankenhäusern stellen, die in der Regel die Freitodhilfe in ihren Mauern verbieten.

Auch in Österreich werden solche Fragen aufkommen. Wie soll die Leitung der ÖGHL ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darauf vorbereiten? Am besten geschieht dies wohl bei der Einstellung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oder in Gesprächsrunden.

Im Dienst von Aufklärung und Bewusstseins-Evolution zu handeln, kann einem das gute Gefühl geben, in Übereinstimmung mit einer Macht zu stehen, die uns übersteigt.

Im archaisch-mythischen Zeitalter wurde diese Macht göttlich genannt. Heute bezeichnet man sie säkular als Evolutionstendenz der Natur. Sie gibt denen, die sich bemühen, in ihrem Sinn zu leben, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu etwas, das viel größer ist als sie.

Einzelne sind nur ein Tropfen im unendlichen Strom der Evolution. Wir Menschen sind die einzigen Wesen auf unserem Planeten, die sich – dank der Evolution unseres Nervensystems und des daraus hervorgehenden Bewusstseins – Gedanken darüber machen und entsprechend handeln können. Der Einsatz für die Bewusstseins-Evolution gibt dem Leben einen Sinn, auch wenn letztlich alles ein großes, unergründliches Mysterium bleibt.

Im Alter von 94 Jahren hat Willy Obrist sein letztes Werk vollendet. Die Schlusssätze lauten: Der Nachvollzug der Bewusstseins-Evolution wird sich über lange Zeit hinziehen. Dies zum einen wegen der tiefsitzenden Neophobie, zum andern, weil allzu viele vom Eingebundensein in Strukturen der archaischen Welt Macht, Prestige und finanziellen Gewinn beziehen. Evolutionsschritte – auch die des Bewusstseins – sind jedoch irreversibel. Die Evolutionstendenz ist eine Naturgewalt, die sich auf die Dauer nicht aufhalten lässt. (S. 219).

Diese Sätze machen vielleicht auch Freitodbegleiterinnen und -begleitern der ÖGHL Mut, sich zu engagieren. Wer in der ÖGHL arbeitet, ist weltanschaulich nicht neutral; denn er fördert die Bewusstseins-Evolution, die von den traditionellen Religionen, den Diktaturen, den Autokraten und allen stur konservativ Gesinnten behindert wird.

Literatur:
Lüönd, K.: „Selbstbestimmt bis zuletzt – Sterbehilfe in der Schweiz. Vom Tabu zum Modell – Pro und Contra für Europa“ (NZZ Libro 2022).
Obrist, W.: „Die Mutation des Bewusstseins fand in Europa statt“ (opus magnum 2013).
Wehrli, H., Sutter, B., Kaufmann, P. (Hg.): „Der organisierte Tod. Sterbehilfe und
Selbstbestimmung am Lebensende. Pro und Contra“ (orell füssli 2012)

PS: Rolf Kaufmann, geb. 1940 in Zürich, ist Theologe und Psychotherapeut. Er erwarb sich am Jung-Institut das Diplom als analytischer Psychologe. Neben der psychotherapeutischen Praxis war er Zen-Lehrer und Erwachsenenbildner. Er ist Freitod-Begleiter bei Exit und Dozent an ISAP Zürich, dem Internationalen Seminar für analytische Psychologie. Er schrieb zahlreiche Bücher zum Thema „Zeitgemäße Spiritualität“ und war über Jahre mit seiner Expertise Beirat der ÖGHL.



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