Reinhold Knoll
Begriffe altern.
Was früher „Gesellschaft“ war,
gilt heute nicht mehr.
Notizen

Die ersten Bücher, die eine Zeitenwende ankündigten, erschienen bereits 1978/79. Es ist also nicht Donald Trump, der uns das Unglück seiner Zeitenwende beschert. In Wirklichkeit müssen wir spätestens nach Putins Rückkehr in eine vor-zivilisierte Welt das Ende unserer internationalen Rahmenbedingungen und der verbindlichen Rechtsverständnisse zur Kenntnis nehmen.

Wegen dieser Veränderungen klammern wir uns an Begriffe, nach denen wir unseren Wissensalltag organisieren wollen. Es wäre jede Wahrnehmung ohne einen Begriff blind, hatte Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft 1781 geschrieben. Wir beherzigen aber nicht den beiliegenden Rat, die Begriffe neu zu formulieren. So werden wir Opfer von Begriffsbildungen, die den vermeintlichen Zustand des Bestimmten nicht mehr treffen. Wir sind im Zustand des Erblindens.

Wie eben Volk nicht mehr zu unserem politischen Vokabular passt, so scheint es auch den Begriff einer Gesellschaft nicht mehr zu geben. Das letzte Mal war von Volk zu lesen, als Franz Joseph fürs Kriegsmanifest 1914 die Überschrift wählte: An meine Völker. Wenn wenig später vom Volk viel die Rede war, so war´s Abschaum.

Und Gesellschaft gibt es auch nur mehr über vorweggenommene Funktionsbestimmungen: Leistungsgesellschaft, Freizeitgesellschaft, Bildungsgesellschaft oder Wissensgesellschaft versus Spaßgesellschaft.

Ein vormals juristisch-ökonomischer Begriff erdreistete sich schon im 18. Jahrhundert, die weiten Räume der Eingeborenen, Sesshaften und Siedlungsgemeinschaften als Gesellschaft insgesamt zu erfassen. Heute redet man unverdrossen weiterhin von Gesellschaft, obwohl mehrfach beschrieben wird, dass unsere Gesellschaft in soziale Fragmente zerfallen ist.

Allein das Stichwort Proletariat ist nicht mehr der Gegenstand soziokultureller Bestimmung, sondern ist schon seit Jahrzehnten nur mehr ein historischer Begriff. Es müsste heute als Prekariat bezeichnet werden, denn es ging das wesentlichste Merkmal verloren: die Solidarität einer sozialen Klasse.

In der gegenwärtigen Informationsgesellschaft widerfährt der sozialen Differenzierung eine immer geringere Beachtung. Lieber bleibt man bei dem beruhigenden Begriff einer Wohlstandsgesellschaft hängen, selbst wenn einige ihrer Kriterien fragwürdig erscheinen. So sie als Ergebnis der Modernisierung gilt, sind wir an weiteren Veränderungen nicht interessiert.

Mit vereinten Kräften wollen Putin, Trump und Xi samt der zugeschalteten Organisation der BRICS-Staaten genau diese Wohlfahrt zumindest beim nördlichen Teil der Welt einschränken. Die Entwicklungsgesellschaften der anderen Erdhälfte werden die Ziele der Modernisierung und des Fortschritts kaum umsetzen können. Wie eine Pandemie breitet sich der neue Typus des Informationskapitalismus aus, doch ohne Disziplinierung, ohne Zwänge und Verbote.

An die Stelle der Nötigung oder Drohung im ehemaligen Disziplinarregime tritt der positive Anreiz: die freie Wahl. Allerdings wird diese Einladung gegenüber Menschen ausgesprochen, die sich dank der Informationselektronik modern-individualisiert wiederfinden. Man ist überzeugt, eine eigenständige selbstbestimmte Person zu sein. Mit dem Smartphone verbinden die meisten ihre Selbsteinschätzung, nämlich frei, authentisch und kreativ zu sein.

Wegen dieser neuen individualisierten Eigenschaften sieht heute Machtausübung anders aus. Sie befiehlt nicht und sperrt nicht ein, sondern flüstert, überredet, und übt sich in Verhaltenssteuerung.

Wenn der Verdacht Shushana Zuboffs im Überwachungskapitalismus überzeugt, so ist das Konzept des Disziplinarregimes von Michel Foucault zur Geschichte geworden. Ebenso wurden die Institutionen im Strukturwandel der Öffentlichkeit von Jürgen Habermas zum spannenden historischen Exkurs.

Die sozialen Figurationen, die noch vor wenigen Jahren als verbindliche Erklärungen unserer Gegenwart galten, gehören der Vergangenheit an. Die Lesegemeinschaften in den englischen Clubs, die Geburtsstationen der räsonierenden Privatleute und die ersten Zeitungen konstituierten die politische Öffentlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft. Aus diesen Bedingungen schöpfte Habermas die Voraussetzungen seiner Diskursethik und die politische Konstitution der Demokratie. Diese ist freilich unter dem Druck medialer Transparenz implodiert.

Die politische Liberalität, die einmal Überwachen und Strafen überwand, die in Freiheit, Kommunikation und Gemeinschaftsbildung die Republiken formte, wie sie Kant als Voraussetzung des Friedens erhoffte, hat selbst die Reste der Wirtschaftsdemokratie – einem Standbein in Karl Renners politischer Soziologie – beseitigt.

Im gleichen Zug gehören die Theorien sozialen Handelns der Vergangenheit an. Wenn in ihnen das rationale Handeln – wie es Max Weber konstruiert hatte – vorausgesetzt war, so ließ die Flüchtigkeit unserer Gegenwart von der Vernunft nur die Intelligenz übrig.

Da wir mit politischen, ökonomischen und sozialpolitischen Herausforderungen konfrontiert sind, erleben wir die Komplexität der Entscheidungen wie in einem Multiple-Choice-Test. Für rasche Entscheidungen ist nur mehr die Intelligenz schneller Auffassungsgabe funktional einsetzbar. Langem Überlegen, jeder Reflexion werden Unsicherheit oder gar Ignoranz unterstellt.

Um zur Community der sozialen Medien zu gehören, muss man gut vernetzt sein – heißt es. Aus welchem Grund sind so viele überzeugt, frei zu sein und merken nicht, wie ein Fisch im Netz zu zappeln oder in der Transparenz eines Aquariums zu leben?

Das Aquarium war vermutlich das Muster für den Glaswürfel – für den Flagstore von Apple in New York. Das Digital-Unbewusste ist bereits zum Leitsystem unseres Handelns geworden.

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Reinhold Knoll

Reinhold Knoll, geb. in Wien 1941. Gymnasium und Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in Wien. A.o. Hörer an der Akademie der Bildenden Künste. Promotion 1968 mit dem Thema „Früh- und Vorgeschichte der christlich-sozialen Partei bis 1907" (gedruckt). 1969 bis 1972 innenpolitischer Redakteur im ORF. 1973 am Institut der Soziologie an der Univ. Wien. Habilitation zur „Österreichischen Geschichte der Soziologie", gedruckt, mit Beiträgen von Helmut Kohlenberger 1988. A.o. Prof. für Soziologie ab 1989; Letzte Publikationen: The Revelation of Art-Religion, New York 2018; Letters to my grandchilden, New York 2021; und Beitrag zu Joseph von Sonnenfels, 2024.

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