Reinhold Knoll
Wandel
Vom botanischen Ende des eben erst angebrochenen
Anthropozäns
Essay
Wir reden vom Klimawandel, vom Permafrost, der wegen Erwärmung in den Gebirgen die Felsen nicht mehr bindet, dass in den Flyschzonen die Wiesenhänge rutschen, dass Steinschlag und Hochwässer einander ablösen und die bis dahin geduldige Natur sich wieder als mächtiger Feind unserer Lebensräume gebärdet.
Das Anthropozän ist als Name für ein vom Menschen beherrschtes Erdzeitalter erfunden worden – und jetzt müssen wir zur Kenntnis nehmen, doch nicht die unumschränkten Herren der Welt zu sein.
Und es sind nicht nur die Waldbrände, die uns rundum schrecken, Felsstürze und Hochwässer, sondern langsam und unaufhaltsam stellt sich die Natur auf die Veränderungen ein: auf Trockenheit und Hitze, auf Starkregen und Stürme.
Wann hat es zuletzt in Europa einen Tornado gegeben? Wann sind Felsen in die Tiefe gestürzt? Wann haben Hochwässer ganze Siedlungen bedroht? Blicken wir nur auf die uns vertraute serbische Fichte – picea omorika -, wir sind bekümmert, sie in einem derart traurigen Zustand zu sehen. Sie vermittelt den Eindruck eines räudigen Hundes, über und über von Flechten überwachsen, vielleicht noch von der Waldrebe – clematis vitalba – fast erwürgt.
Den weihnachtsstolzen Tannen geht es nicht besser. Sie siechen dahin im Mittelgebirge. Wenn dann ein Waldweg als Anstieg auf den nächstbesten Berg – in dem Fall auf den Schoberstein am Attersee – von etwa 15.000 Wanderern jährlich begangen wird, ist es für die Humusschicht schlecht bestellt.
In den Kalkalpen ist sie nicht dicker als fünf bis 10 Zentimeter. Und was die Wanderer an Humus übrig lassen, fegen die Mountainbiker gekonnt vom Weg, der jetzt ein steiniger Hindernislauf geworden ist, denn unaufhörlich muss man über frei liegende Wurzeln stolpern. Es ist ein Glück, denn man hat dann kein Auge für den Zustand des Waldes.
Kaum dringt etwas Sonnenlicht durch die Zweige des Bergahorns, der Buchen – begrüßen den unkundigen Wanderer die rosa Blüten des indischen Springkrauts –impatiens glandulifera. Überall am Waldrand wachsen diese Balsaminen.
Noch im 19. Jahrhundert als spezielle Züchtung für den Ziergarten geschätzt, verwilderte diese neophytische Art und verdrängt die traditionelle Flora der Waldränder: Erdbeere, Schneerose, Leberblümchen, Farne, Tollkirsche und hin und wieder eine europäische Orchideenart. Wie im alten Hollywoodfilm ist alles rosa, bewundert von den Halbschuhtouristen, die traurig sind, aus Balsaminen keine Topfpflanze zu ziehen.
Sollte man einmal anhalten während des Wettlaufs auf einen Berg, könnte man den Verdrängungswettbewerb sehen, der von Jahr zu Jahr immer schärfer geführt wird. Inzwischen bewundert man schon den Löwenzahn –tarataxum officinale, der nun kein Pionier mehr ist, sondern den geordneten Rückzug des Hirtentäschel, des Hahnenfuß, der gemeinen Quecke deckt. Früher, als die Landwirte noch nicht die Feldwirtschaft mit riesigen Traktoren betrieben, war am Waldrand noch die wilde Kirsche zu entdecken, die in den Donauauen vor Hainburg eine heimliche Siedlung bildet – (ich sage nicht wo), die Haselnuss, der stachelige Weißdorn –cornus alba, ein Hartriegel.
Das alles ist zur Geschichte der Botanik geworden. Noch behauptet sich entlang der staubigen Forststraßen die Brombeere, während die Himbeere nahezu verschwunden ist.
In den städtischen Gärten ist der Wandel noch deutlicher zu erkennen. Auf der Ringstraße vor der Börse ist der obligate Ahorn als Alleebaum durch die Tamariske ersetzt worden. Ebenso steht die verdurstende Platane vor ihrem Ende und ihre Stelle wird die Koeleuteria als Nachfolgerin antreten. So ist im städtischen Bereich nicht nur die Pflege äußerst aufwändig, sondern auch die Erhaltung wird immer schwieriger. So kommt es zur Uniformierung, denn der klassische Alleebaum, die Kastanie, ist ebenso Geschichte, wie die Eugenia ein Versuch blieb, die Prinz Eugen extra aus Südamerika nach Wien bringen ließ.
Ein Alleskönner im Wachstum, wo auch immer der Samen hinfällt, ist der indische Götterbaum, der vermutlich auch auf Müllhalden existieren kann. Der Ailanthus, der in Wien selbst unter einem Kanaldeckel gedeiht, um dann mit aller Macht sich durchzusetzen, verzichtete auf diese mühevolle Art der Existenzsicherung, sondern wanderte in die nahen Grünzonen der Städte, ist heute im Wienerwald, ebenso am Neusiedlersee zu finden – eben ein Pionier. Ähnlichen Unternehmungsgeist hat auch der Nussbaum – iuglans iuglans – aus der Türkei eingewandert – wie die meisten Obstbäume, und ein gern gesehener Gast in den Wäldern. Er ist der Intimfeind vieler Insekten und hält seinen Rayon frei von unliebsamen Schädlingen.
Nun ist ein Kompliment für viele Gärtner fällig. Sie kämpfen ja nicht nur einen aufreibenden Kampf gegen die klimatischen Bedingungen, sondern vor allem gegen das Unverständnis der Menschen. Es gibt sie noch immer, die das Fallen des Herbstlaubs als Schmutz bezeichnen, die jene Pflanzen begünstigen, die keinen Mist machen, also der Faulheit Vorschub leisten. Essigbaum, Cotoneaster, Viburnum, Taxus sind nur wenige Namen für immergrüne Hecken. Nicht zu vergessen die armseligen Thujen, die als Karikaturen ihrer selbst in den Vorgärten ihre Haftstrafen abbüßen, die mickrigen Eiben, der Kriechwacholder, die Bodendecker, die wie infektiöse Dermatosen dahinkriechen.
Sie sind des Österreichers Liebkind: sie tun nix, sie sind wie Mobiliar an Ort und Stelle. So sieht speziell in Vorstädten jeder Vorgarten wie ein Friedhof aus, der zum Höhepunkt des Vegetierens etwas Lavendel im Frühjahr erhält, vielleicht extra grellfarbene Primeln und Tagetes.
Es ist zum Weinen.
Diese Untaten in den kleinen Gärten haben wahrscheinlich die Natur derart erzürnt, dass sie sich jetzt mit Tornados rächt, mit Waldbrand und Steinschlag. Und nach einem ordentlichen Starkregen ist dann ein solcher Vorgarten zuverlässig zerstört. Da kann man nur laut Halleluja singen, vor dem Gartenbesitzer stehend, der den entlaubten Essigbaum oder den abscheulichen Pyrocanthus betrauert.
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