Reinhold Knoll
Verlust des Nächsten
Oder:
Mit der Bewusstseinsmöblierung beginnt
die Autoerotik.
Notizen

Beobachtungen müssen immer die Prüfung der Verallgemeinerung überstehen. Obwohl wir mit Dutzenden Begriffen aus vielfältigen Analysen um uns werfen, sollten sie doch einer übereinstimmenden Beobachtung entstammen.

Gleichzeitig sind wir aber überzeugt, dass es keine verbindliche Welt-Anschauung mehr geben kann. Nach Durchsicht aller Anschauungen scheint entweder das Ergebnis aus dem Todestrieb des Kapitalismus entstanden zu sein, oder die Chance des Sozialismus wurde vergeudet. Dieses Dilemma trifft die Menschen direkt und unnachsichtig.

Das vornehmliche Resultat sind Lebensentwürfe, die der Narzissmus dominiert. Allerdings widersprechen einander die Klagen über das misslungene Leben: entweder ist man des Lebens überdrüssig und erfährt die eigene Existenz vorwiegend in der Selbstverletzung und im Selbsthass. Oder man meint, keine Gefühle mehr zu haben. Beide Dispositionen werden nach Beziehungskatastrophen als Bedrohung oder gar als Verlust von Originalität und Authentizität angegeben.

Mit dieser Selbstbeschreibung in den Kategorien der Authentizität ist das Urteil bereits „rechtskräftig“ und vollzogen. „authenteo“ bedeutete im Altgriechischen nämlich die Tötung seiner selbst.

Hatte man in der Antike die Authentizität erreicht, war man auch tot durch Selbstmord. Es hat eine fatale Ähnlichkeit zur philosophischen Floskel „Des-zu-sich-selbst-Kommens“. Eine der Bedingungen der Authentizität ist, sich offen einzugestehen, dem beängstigenden Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit ausgeliefert zu sein. Darüber spricht man leichten Herzens in jeder Talkshow.

Im Narzissmus scheint die Überwindung dieser Leere vorerst zu gelingen. Daher wird von der sozialen Umwelt das Recht auf Selbstverwirklichung bis zum Exzess eingefordert. Es ist der Versuch einer Möblierung der leeren Seele. In ihr sind alle Objekte untergebracht, die man liebt, weil wir sie auswählten, um von ihnen geliebt zu werden. Mit der Bewusstseinsmöblierung beginnt die Autoerotik. Deshalb tätowieren wir unsere Körper.

Mit den zahllosen Bildern und Symbolen wird unser Körper zum Massengrab der Zeichen – in der Wiederholung unserer mythischen Vor- und Frühgeschichte. Eigentlich nehmen wir nur mehr einen einzigen Menschen wahr: den Tätowierer. Er ist der letzte Nächste, der uns auf dem Weg aus der Gegenwart in die Urgeschichte begleitet.
Die Ich-Du-Beziehungen sind gerade noch erinnert. Sie sind so weit entfernt wie die Idyllen Arkadiens. Im Tattoo meinen wir, unser Ich als Selbst zurückzugewinnen. Das Ich als Selbst ist mit dem erlegten Wild in der Höhlenmalerei von Lascaux oder Alt-Amira ident.

Erstmals hatte Otto Dix darauf bestanden, seine Kaltnadelradierungen auf der Haut der Klientel als Kunstwerk anzuerkennen. Der Mensch selbst als Kunstwerk, zugleich originelles Original, und gleichzeitig entfremdet und verloren.

Ab nun glauben wir allen Analysen, die das Du als eine unserer Selbsttäuschungen enttarnten. Seither lautet die Empfehlung, sich ostentativ sowohl in Freizeit als auch Arbeitszeit als libidinöses Ich einzubringen: Mein Ich ist das Beste, unersetzlich und unabkömmlich.

Die zwanghafte Selbstverwirklichung ist zum gesellschaftlichen Imperativ geworden. Es entlockt dem Kapitalismus ein homerisches Gelächter. Im narzisstischen Zwang posieren wir vor Spiegeln, um uns zuzuflüstern, großartig und unverwechselbar authentisch zu sein. Bald ist unser Spiegelbild verzerrt wie jenes des „Dorian Gray“. Jedes. Mit Kosmetik erforschen wir den Kosmos an uns. Wem diese Selbstreproduktion nicht gelingt, nimmt Drogen oder den Strick.

Der Zwang zur Authentizität passt perfekt in die neoliberale Produktionsstrategie. Der Mensch ist glücklich, Produktionsmittel geworden zu sein. Es erlaubt seine Selbstausbeutung. Die Mühe der Verdrängung in Ausreden oder Provokationen ist noch zu leisten. Ängste werden vom Narzissmus zumeist vergeblich kompensiert. Im Drogenrausch verfliegt das existentielle Scheitern in paranoide Beschuldigungen – schnell. Beim Erwachen wird uns durch uns selbst übel. Die doppelte Leere.

Im Narzissmus schrumpft der Andere zur Puppe. Bei den jungen Männern wird die ausführliche Haarpflege ein Merkmal. Bei den Alten wird es ein aufreibender Kampf gegen Haarausfall.

Und zugleich erfährt sich der Narziss als Objekt seiner selbst. Er bleibt eingekapselt und ist in sich selbst gefangen. Liebevoll berührt man sich selbst als anderen – eine befriedigende Autoerotik. Galt früher der Vorwurf, die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit versäumt zu haben, so wird jetzt die selbstverschuldete Verwahrlosung als logische Folge der gesellschaftlichen Verhältnisse bezeichnet.

Eine Ausrede, die mit allen Mitteln aggressiv verteidigt wird. Das dokumentieren unzählige Selfies. „Dies Bildnis ist bezaubernd schön…“ heißt es ab jetzt nicht nur in der „Zauberflöte“.

Die Mädchen fügen sich der Bulemie, die Burschen schwärmen vom Selbstmordattentat. Die Verwandtschaft zwischen Narzissmus und Grausamkeit beunruhigt. Es ist die Selbstaggression und Fremdaggression in einem.

Einbildungen übernehmen die Interpretation des Alltäglichen. Die Wirklichkeit wird nur über Diskriminierungen und Hoffnungslosigkeiten korrumpiert. Allein gelassen liebt man sich selbst. Allein.



Fußnote des Herausgebers: Authentizität: (KI)

authentisch ← lateinisch authenticus← altgriechisch αὐθεντικός (authentikós) = „echt, ursprünglich, zuverlässig“
Dieses geht zurück auf αὐθέντης (authéntēs). Interessant ist allerdings, dass authéntēs in sehr altem Griechisch ursprünglich eine Bedeutung hatte, die tatsächlich mit Töten zusammenhing. 

Das Wort setzte sich vermutlich aus:
autos (selbst) und
einer alten Wurzel hén-/hen- („töten“, „erschlagen“) zusammen und bedeutete zunächst etwa „eigenhändiger Täter“, insbesondere „Mörder“. Später erweiterte sich die Bedeutung stark: jemand, der aus eigener Macht handelt, Herr oder Urheber, jemand mit eigener Autorität.
Aus dieser späteren Bedeutung entwickelte sich schließlich „authentisch“ im Sinne von: echt, glaubwürdig, ursprünglich, autorisiert.

Der Bezug zum Töten ist also nur eine sehr alte etymologische Schicht und hat mit der heutigen Bedeutung von „authentisch“ nichts mehr zu tun. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich die Bedeutung eines Wortes über Jahrtausende verändern kann.

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Reinhold Knoll

Reinhold Knoll, geb. in Wien 1941. Gymnasium und Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in Wien. A.o. Hörer an der Akademie der Bildenden Künste. Promotion 1968 mit dem Thema „Früh- und Vorgeschichte der christlich-sozialen Partei bis 1907" (gedruckt). 1969 bis 1972 innenpolitischer Redakteur im ORF. 1973 am Institut der Soziologie an der Univ. Wien. Habilitation zur „Österreichischen Geschichte der Soziologie", gedruckt, mit Beiträgen von Helmut Kohlenberger 1988. A.o. Prof. für Soziologie ab 1989; Letzte Publikationen: The Revelation of Art-Religion, New York 2018; Letters to my grandchilden, New York 2021; und Beitrag zu Joseph von Sonnenfels, 2024.

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