Reinhold Knoll
Unsere Touristen
Wiener Spaziergang
Touristen sind Pioniere der Globalisierung. Sie sind die Zeugen verschiedenster Zivilisationen. Unter großen Mühen hatten sie nach dem Vorbild Jules Verne´s in kürzerer Zeit als in 80 Tagen die Welt bereist. Nicht nur einmal hatten sie die Reiseberichte Karl May´s Lügen gestraft. Er kann nicht in den Cordilleren und im wilden Kurdistan gewesen sein. Beides kennen sie. Sie waren drei Tage dort.
Für die Reisen britischer Lords im 16. Jahrhundert nach Italien haben heute Touristen nur ein müdes Lächeln, vor allem wenn man von Kairo kommt. Die noblen Lords hatten die Reiseführer voneinander abgeschrieben. Es waren die ersten Tipps für Italienreisen. Dagegen war der erste Baedecker die Schilderung einer Reise von Mainz nach Köln – im Grunde lächerlich für 1827!
Allerdings beklagen viele Touristen ihre späte Geburt. Damals hätten sie wie die britischen Lords ebenfalls alle Kunst in Italien aufgekauft. Heute begnügen sie sich mit Kaffeehäferln mit Kaiserkrone oder Schnapsgläsern mit Franz Josef oder Schönbrunn. Das war damals keine Kunst, Bilder von Tizian, Veronese, Ucello nach England zu schaffen. Jetzt bringt man aus Wien Glaskugeln mit Riesenrad oder Johann Strauß im Schnee. Damals hatten die alten Reiseführer den Begriff Renaissance erfunden, jetzt gibt es nichts mehr zu finden. Renaissance bezeichnen Touristen das ganze Kunstgeschehen Italiens bis Mussolini. Als Tourist in Wien interessiert man sich überwiegend für rote Trump-Kappen, aber mit I und Herzerl und Vienna.
Richtung Stefansplatz
Mit dem Rindertritt einer Herde ziehen Touristen aus aller Welt durch die Rotenturmstraße in Richtung Stefansplatz. In Formationen werden sie nach Nationalität geleitet. Sie schlurfen matt wie nach verlorenem Straßenkampf die Fassaden entlang. Sie sind in Freizeitmode: in dünnen Sporthosen oder Trainingsanzügen, T-shirt mit Turnschuhen. Turnschuhe tragen alle. Und diese Bekleidung passt überall: in Museen, Kirchen, Cafés oder Restaurants, Stadtpark oder Fußgängerzonen, auch in Caorle oder Antalya. Viele sieht man bereits im Februar mit Sandalen und Klarsichtbluse. Die Schirmkappe immer tief ins Gesicht gedrückt und am T-shirt Reklame: Nein zur Atomkraft in Europa –oder: Live.Laugh.Love – oder: FBI – Female Body Inspector. Sonnenbrille inklusive. So rücken sie heran – die Touristen, hin und wieder getrennt marschierend, aber bereit, vereint jede Kultur zu zertrampeln….täglich, auch an Sonn- und Feiertagen.

Kunsthistorisches Museum
Dort, wo Gemälde der Renaissance nach langen Umwegen eine dauerhafte Bleibe fanden, herrscht Lärm, Souvenirhandel, Geruch nach Debreziner: Das ist das Wiener Kunsthistorische Museum. Der Tourismus erzwang auch im vormals noblen Historismusbau Wirtshausatmosphäre. Reisegruppen drängen sich wie Tamerlan in die Sammlungen, nicht um zu sehen, sondern um zu photographieren. Im Brueghel-Saal herrscht Heurigenstimmung.
Im anderen Saal urteilt die Mehrzahl der Touristen über die Braut von Rubens – dicklich und wenig attraktiv. Mit Kennerblick wird die Orangenhaut am Oberschenkel festgestellt. Und Tintorettos Susanne im Bade? Jetzt stehen die schamlosen Voyeure vor dem Gemälde. Die meiste Besuchszeit wird im Souvenirshop des Museums verbracht. Erst dort sehen Touristen Gemälde der Galerie im Oberstock – dank Ansichtskarten: Dürer und Rembrandt, Jan van Eyck und Lucas Cranach auf einem Blick. Verkaufsschlager ist der berühmte Dürer-Hase als Postkarte für die Verwandtschaft daheim oder Der Kuss von Klimt als Halstuch oder Regenschirm.
Im Kaffeehaus
Im Innenstadtcafé ist kein Platz frei. Seit sieben Jahren ist es üblich geworden, Jacken, Anorak, Regenmäntel oder bunte Regenhäute im Café über den Sessel zu hängen. Es sieht schlampig aus. Zahllose feuchte Kleidungsstücke wie auf Berghütten überall verteilt. Es ist gedankenlose Faulheit. Deshalb hängen Touristen ihre Oberbekleidung nicht mehr in der Garderobe auf. Sie halten auch keine Türe auf, wenn jemand ebenfalls Eintritt ins Café begehrt. Da fühlen sich alle als Gast und fordern Gastrecht vor allen Eingeborenen. Sofort jammern sie über Teuerungen an allen Ecken und Enden. Sie vergleichen und berichten, schon in Honolulu war der Kaffee billiger. Sie wissen genau, dass es noch gestern besser und billiger war.
Gemäkelt wird immer.
Die industrielle Massengesellschaft mit ihren Selbstwidersprüchen wählt auf ihren Reisen bevorzugt die Rolle des Stadttouristen. Die Reisen sind nur fortgesetzte Pendelbewegungen einerseits zwischen rationalem Handlungsgefüge in einer Industriegesellschaft, die nach Triebverzicht und Verdrängung verlangt, und andererseits irrationalen Erwartungen oder Wutanfällen über das Wetter oder die kalte Pizza. Diese Spannungen bekommen Personal und Eingeborene zu spüren. Gemäkelt wird immer: zu kalt, zu heiß, zu groß, zu klein, zu süß, zu salzig, zu dick, zu flach, zu rund, zu kantig….Trinkgeld geben sie nicht. Sie zahlen mit Karte.
Ankeruhr- siehe oben!
Der Wien-Tourist kennt nur einen Weg. Diretissima die Rotenturmstraße hinauf, vor 12 Uhr ist der Abstecher zur Ankeruhr verpflichtend, dann schnell vorbei am Dom. Regelmäßig kommt die Frage nach dem Sisi-Museum. Sie ist die bekannteste Frau aus Wien – noch immer. Dann fahren sie im Fiaker sinnlos im Kreis herum. Da darf der Hitlerbalkon der Neuen Burg nicht fehlen. Da hält der Kutscher den Wagen an und erzählt fast schwärmerisch von früher: wie es damals war. Tausende Abertausende am Platz verwandelten sich in tosende Abertosende.
Und dann unbedingt nach Grinzing oder in den Prater. Den Grund kann kein Tourist erklären. Erst Kenner rümpfen die Nase beim Wein. Und ausgerechnet hier soll Beethoven gewesen sein? Ein mutiger Tourist fragt schüchtern: Wer war Beethoven? Die Europa-Hymne kennen fast alle aus dem Fernsehen. Ab 21:00 Uhr verbrüdern sich Touristen am Heiligenstädter Pfarrplatz. Alte Amerikaner, Auswanderer aus Wien, singen laut mit Touristen aus Wernigerode um Mitternacht: Warum ist es am Rhein so schön? Die Frage kann ad hoc niemand beantworten. Mit Grünem Veltliner ist die Völkerverständigung dank Tourismus nicht mehr zu umgehen.
Wien stinkt ab.
In der Lobby des Ringstraßenhotels sitzt die holländische Reisegruppe bei Heineken, oder Genever oder Kernemelk noch beisammen. Sie tauschen ihre Erfahrungen aus – über Wien und die Welt. Nichts kann sich mit Dubai messen, sagen die einen; die anderen halten dagegen: die ältere Kultur sollen die Chinesen haben. Wegen der Vergleiche finden sie nach und nach Wien enttäuschend – mit Ausnahme der Ankeruhr. Dem Urteil stimmt die Runde zu. Noch einmal Wien? Nem nem soha!, mischt sich ein Ungar ein. Wirklich erstaunt sind sie nur über die vielen blonden Russinnen in der Lobby des Hotels – also doch eine Weltstadt? Doswidanje!
Für Nicht-Wiener: Die Ankeruhr ist eine berühmte Jugendstil-Uhr im 1. Wiener Bezirk am Hohen Markt. Eigentlich ist sie eine Brücke zwischen zwei Gebäudeteilen des sogenannten Ankerhofs. Entworfen wurde sie vom Künstler Franz Matsch und zwischen 1911 und 1914 gebaut. Das Besondere: Über zwölf Stunden hinweg ziehen zwölf historische Figuren aus der Wiener Geschichte über die Uhr – darunter etwa Maria Theresia, Prinz Eugen oder Joseph Haydn. Jeden Tag um 12 Uhr mittags erscheinen alle Figuren gemeinsam mit musikalischer Begleitung – das ist die bekannteste Vorführung der Ankeruhr. Die Uhr wurde ursprünglich von der Versicherungsgesellschaft „Der Anker“ in Auftrag gegeben – daher auch der Name „Ankeruhr“. Heute gilt sie als eines der bekanntesten Jugendstil-Denkmäler Wiens. (ChatGPT)
Illustration: KI-generiert
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