Reinhold Knoll
Übermensch gegen Untermensch
Die Wiederauferstehung
zweier fragwürdiger Begriffe
Essay
In zwei Jahrhunderten haben wir beide Begriffe verwendet, um jedem die menschliche Würde absprechen zu können. Der Übermensch benötigt keine Würde mehr, denn er ist die Inkarnation von Großartigkeit und Einmaligkeit, dem Untermenschen wird sie hingegen abgesprochen. Er hatte nie Würde besessen.
Friedrich Nietzsche erlaubte sich sogar die Entgleisung, gegen die Ethik Kants den Menschen zu definieren: Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Diesen Satz legte er Zarathustra! in den Mund. Es war das Resultat am Ende des 19. Jahrhunderts, das der Erste Weltkrieg vollzogen hat. Hundert Jahre zuvor hatte die französische Revolution den Beweis erbringen wollen, das Etwas, den alten Menschen, überwunden zu haben. So schufen Guillotine und die von Napoleon erfundene allgemeine Wehrpflicht „neue“ Menschen.
Die Erschaffung des Übermenschen war nicht nur die automatische Herabsetzung des Menschen zum Un- und Unter-Menschen, sondern damit waren auch die Bestimmungen des Humanen vermindert worden. Ausgerechnet während der Schlacht von Solferino 1859 hatte Henri Dunant aus nächster Nähe das Grauen des Krieges gesehen und versuchte die Bestimmung des Humanen zu retten. Diese Rettung war ein Zeugnis gegen die Unmenschlichkeit.
Die Intention von Henri Dunant war, dass grundsätzlich kein Mensch das Schlachtopfer eines Krieges werden darf!
Wer hätte gedacht, dass der Idee Konventionen folgten, Verbot des Angriffs auf Zivilbevölkerung, Hilfeleistungen für alle Verletzten, humane Behandlung Gefangener und Einhaltung vereinbarter Waffenruhe.
Diese wichtigen Ergebnisse hatten die unvermeidlichen Gegenstimmen von Realisten zur Folge: letztlich fasste es Yuval Harari in seiner Neufassung des Übermenschen mit einem neuen unanfechtbar scheinenden Begriff zusammen: Homo Deus.
Da steht dann nicht mehr Humanismus an erster Stelle, sondern Gesundheit, Glück und Macht. Bei Harari verliert der von Maschinen unterstützte Mensch seine Menschlichkeit und wird Gott. Gleichzeitig geht der vormalige Anspruch auf Humanität für die Mehrheit der Menschheit verloren. Es gibt keine allgemeine und gerechte Teilhabe an Glück, Gesundheit und Machtaspirationen.
Die Leibeigenschaft hat sich nach dem Mittelalter nicht überlebt. Die moderne Beihilfe zur Unterbestimmung lieferte die Rassentheorie, das merkwürdigste Kind der Aufklärung. Ihr folgen alle Vorurteile und vor allem die Institute der Dehumanisierung, von Schutzhaft von Flüchtlingen bis zu den Konzentrationslagern.
Diese Unmenschlichkeit, die alle ohne Unterschied berührt und rührt, war durch die Ermittlung neuer Technik zur Schöpfung von Übermenschen zu kompensieren. Da stand vorerst der Merksatz Herbert Spencers Pate: Survival of the Fittest.
Ein Sozialdarwinismus schaffte die geltende soziale Differenzierung, die es intelligent zu vollziehen galt! Dieses Projekt ist gründlich gescheitert. Am Beispiel des Bitcoin ist zu ermitteln, wie Gier das bisherige Profitstreben ersetzte und gleichzeitig den Realwert des Geldes ins Fiktionale verrückte. Dass daran Staaten und Börsen mitmachen, hat nachhaltig gezeigt, wie wohl der neue homo oeconomicus beschaffen sein wird: gierig und geizig.
Elon Musk, der zur Zeit seiner intimen Beziehung zu Donald Trump dessen Amtsbeginn mit dem Hitlergruß honorierte, hatte rechtzeitig in seiner Firma Neurolink die Möglichkeit ausarbeiten lassen, wie das menschliche Gehirn durch Implantate zu verbessern ist und gleichzeitig mit Computern verknüpft werden kann. Das war weniger mit der Intention verbunden, Behinderten eine Hilfe anzubieten, sondern um Hararis Entwurf zu verwirklichen, viele gescheite Unmenschen zu schaffen, clever wie Spekulanten und geizig wie Harpagon in Molieres Komödie. So darf man in Elon Musk keinen Henri Dunant erwarten, sondern eine konsequente Arbeit an Hybrid Minds.
Das passt zur Ankündigung des Leiters der technologischen Abteilung bei Google, Ray Kurzweil, an eine Menschheit 2.0 zu denken. Hatten Botaniker früher an Kreuzungen von Pflanzen gearbeitet, um die Verbesserung der Ernährungslage zu erreichen, so wird jetzt die Ausstattung des Humanen zum Transhumanismus verbessert.
Dass wir dafür jede kritische Empfindung oder Zurückhaltung verloren, wurde in der Konstruktion möglich, bei Menschen bereits fünf Geschlechter festgestellt zu haben, weshalb die engen Unterscheidungen zwischen männlich und weiblich vom soziokulturellen Oktroi willkürlich bestimmt wurden. Der Transhumanismus entfaltet sich an der Vielfalt der Geschlechtlichkeit und erfährt dort seine Begründung für Verbesserungen aller Art.
Es ist auch der Zweck des Transhumanismus, sowohl dem erlahmten Erfindergeist im Humanen wieder auf die Sprünge zu helfen, als auch zwischen Mensch und Computer eine versöhnliche Einheit zu versprechen. Ray Kurzweil sagt voraus, dass es 2099 keine Unterscheidung mehr zwischen Mensch und Computer geben wird. Die Menschen unterhalten sich ohnehin schon lieber mit ihrem Handtelephon (Handy) als mit Ihresgleichen.
Darin liegt die Chance für den Übermenschen, der eh schon Alpha-Mensch benannt wird, alle anderen alt-humanen Wesen zu dominieren, zu gebrauchen und im erforderlichen Fall auch zu missbrauchen.
Nun wird nichts so heiß gegessen, wie gekocht wird. Agnes Heller merkte in ihrem letzten großen Essay Vom Ende der Geschichte an, dass im Zuge der Auflösung des hegelschen Systems und der Metaphysik im Allgemeinen die Religion das erste Opferlamm war, das alle radikalen Philosophen zur Auslöschung auswählten.
Der Transhumanismus ist die gewaltige wie gewalttätige Fortsetzung dieses Beginnens, zugleich auch die Verhinderung jeder Postmetaphysischen Philosophie um jeden Preis. Es wird trotz Google oder Neurolink Ansätze geben müssen, die die Zukunft des Menschen nicht am Mond sehen, auch nicht im Marstheater, wie Karl Kraus befürchtete, sondern im Versuch, wie Samuel Beckett zur Sprache zurück zu finden.
Wir werden mit und trotz Computer keine Geschichte erfinden, die anders wäre als jene, die uns geläufig ist. Wir werden aus dem Paradigma der Moderne trotz Hilfe im Transhumanismus nicht heraustreten können, auch wenn wir meinten, mit der Selbstverwirklichung die Moderne im Abbruch jeder Sozialität zu beenden.
Wir haben uns zwar in die Lage versetzt, Geschichte und Welt überblicken zu können, aber wir können über unseren Horizont nicht hinausschauen. Ludwig Wittgenstein schrieb, wir haben die Leiter weggeworfen, auf der wir bis zu diesem Aussichtspunkt kletterten. So leben wir in Erinnerungen. Manche glauben, keine Religion, keine Philosophie, keine Gegenwart oder Freiheit kann uns die Überwindung dieses Horizonts schenken und eine neue Weitsicht erlauben.
Im Widerspruch wird der traditionelle Einwand einfach wie Unrat vergangener Zeiten weggewischt. Die Lösung, so hört man an allen Ecken und Enden der technischen Prophezeiungen, kann nur die Verwandlung des Menschen in eine allwissende Maschine sein.
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