Reinhold Knoll
Quo usque tandem abutere,
Donald Trump,
patientia nostra?
Essay

Kein Tag vergeht, an dem Trump nicht im Mittelpunkt des Weltinteresses stünde. Täglich. Und wenn ihm gar nichts mehr einfällt, gibt es nach seinem rätselhaften Zufallsprinzip höhere Zölle für einen Staat. 

Nun hat er zum Zweck der Menschenhatz seine neue Prätorianergarde ausgehoben, die in den Städten der USA als Landplage gegen Menschen zweifelhaften Aussehens wirken soll. Sie patrouilliert durch die Straßen und kontrolliert nach Hautfarbe und Kleidung, wer als Amerikaner durchgeht und wer nicht. Zwischendurch fällt ihm zu Grönland, Iran oder Ukraine etwas ein, weniger oft zu Israel oder Gaza-Streifen. Dort hat er ja seinen Gewährsmann Bennie.

Immer öfter benimmt er sich wie ein vulgärer Keiler seiner eigenen Immobilienfirma. In allem wittert er Hindernisse gegen seinen Unternehmergeist. Die Weltordnung stört ihn generell, denn sie hemmt ihn. Die eigene Verfassung befolgt er nicht, denn die ist unter seiner Würde. 

Die Würde des Präsidenten kann man am Baufortschritt des West wing des Weißen Hauses ermessen. Das wird kein Ballsaal, in dem ein fiktiver Kongress wieder tanzen soll wie damals in Wien 1815, in Wirklichkeit wird es ein Thronsaal. In ihm wird künftig die Welt der neuen Majestät huldigen. Vielleicht spielt man dann die Bauernkantate von Bach: Mer hahn en neue Oberkeet. (BWV 212 und Text von Picander 1742). Majestät im Hermelin am Thron, neben ihm Putin in huldvoll breitem Lächeln und rundherum in bunter Folge fein herausgeputzt die Trump-Prätorianer und FSB-Agenten. Selenski, Maduro und der dänische König werden in Fesseln vorgeführt – unter den Klängen des Triumphmarschs aus Aida. Hinter den Häftlingen diverse Europäer und Venezolaner.

Sind das Fieberphantasien? 

Ein Tagtraum? Wüste Spinnereien? Dass die Ära einer Weltordnung, die sich nach den Regeln der Menschenrechte und des Völkerrechts einmal konstituiert hatte, vorbei ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Dass Trump das westliche Verteidigungsbündnis wie eine Fußfessel empfindet, muss wohl die Ursache seiner Zerstörung der NATO sein. Und die Vermutungen, dass Trump und Putin ein Katz´- und Mausspiel inszenieren, erhärten sich. 

Vermutlich sind ihre gegenwärtigen politischen Optionen ein Trainingsspiel für die ganz große Weltpolitik: beide mit oder gegen China, mit oder gegen die ganze Welt. Das wäre das ganz große Welttheater – wie zu Zeiten Ludwigs XIV. oder Karls VI. 

Die pubertären Wünsche eines schlecht erzogenen Immobilien-Investors und eines kleinen KGB-Funktionärs sollen in Erfüllung gehen. Deshalb sind deren Differenzen leicht zu überblicken. Ihre Ambitionen sind schon längst ein facettenreiches Brettspiel geworden. Der eine ist überzeugt, ein Genie wie einst Bobby Fischer im Schachspiel zu sein, der andere sieht sich in der Genealogie russischer Großmeister zwischen Boris Spasski, Anatoli Karpow und Garry Kasparow. 

Der eine liebt den Überfall, das Unkonventionelle, Launische und Sprunghafte, der andere die positionsstrategische Perfektion russischer Politik, verschwiegen und voll Bosheit. Putins Gegner sahen sich gut beraten, die Flucht durchs Fenster anzutreten. Geistig verwirrt, heißt es aus dem Kreml; konnten den hochfliegenden Plänen Putins nicht folgen.

Vielleicht haben Putin und Trump irgendwann Zeit genug, um die chinesische Strategie endlich zu begreifen: die Lehre von Sun Tzi (544 – 496) in der Kunst des Krieges. Das Ziel ist, wie China mit friedlichen und militärischen Mitteln die Weltordnung dominieren kann.

Xi Jinping will in erster Linie die anerkannte Ebenbürtigkeit Chinas in der Welt erreichen – da meint er eher Putin als Trump – und seine personalisierte Herrschaft ähnlich stabil gestalten wie Mao tse tung. Alle drei sehen in den Europäern Schwachköpfe, deren Dummheit sie erheitern könnte, würden sie vorm Schlafen-Gehen miteinander noch telefonieren.

Und alle drei meinen, jeder habe einige Atouts im Blatt: Jeder ist überzeugt, sein Atout wird jedenfalls die ausgespielten Karten überstechen. Ein Atout sind die Ressourcen der Energie: Erdöl, Erdgas und noch immer Kohle. Ein Atout sind Seltene Erden. Da ist Xi Jinping ein wenig benachteiligt. 

Er hat aber garantiert Dutzende Ideen, diesen Nachteil aufzuwiegen. Er wird das tun, worüber sich weder Trump noch Putin unterhalten wollen. Sie müssen mit der friedlichen oder militärischen Landnahme Chinas überall rechnen, in kleinen Schritten in Afrika, in Südamerika samt der ökonomischen Abhängigkeit Europas. Und Xi kann sich vorstellen, selbst über Grönland mitzureden. Sollten sie sich irgendwo treffen, werden jedenfalls alle drei über Europa herzlich lachen.

Trump hat das als erster begriffen und besetzte Venezuela. Er hat wie beim Schnapsen einfach zugedreht. Die chinesische Delegation ließ er noch unbehelligt abreisen. Xi antwortete mit der Blockade der Handelsschifffahrt zwischen Taiwan und chinesischer Küste durch 2000 Fischerboote. Und Putin lässt wahrscheinlich die Idee des Lehrers an der Münchener Verteidigungsakademie, Carlo Marsala, prüfen: die russische Dauerirritation und Provokation der baltischen Staaten, Finnlands und Schwedens. 

Er möchte zu gern wissen, wer zuerst die Nerven verliert? Er freut sich auf den nächsten Zwischenfall. Ebenso freut ihn, von den Europäern für militärisch ineffizient gehalten zu werden. Der Verlust von 1000 Soldaten am Tag an der ostukrainischen Front kümmert Putin wenig. Wofür ist Leben da?

Und Trump? Der Umbau der USA ist in vollem Gang. Er kann stolz sein. In Washington weiß niemand, was der nächste Tag bringt. Wird der Gaza-Streifen eine zweite Riviera? Wann wird er darüber mit Putin reden können? Werden die russischen Banken und Gazprom investieren? Eine zweite Krim für Oligarchen? Trump wünscht sich, Steve Witkoff und Jared Kushner werden Bennie Netanyahu für die Vermittlung mit Putin engagieren. 

Da würde sich Xi Jinping ordentlich ärgern. Und dessen Antwort wird wieder eine Störung des elektronischen Netzes auf Taiwan sein. Zu wenig, meint Trump, um darauf zu reagieren. Und obendrein muss Putin mitmachen, wenn er die chinesischen Begehrlichkeiten nach der Mongolei richtig einzuschätzen weiß.

Es ist ein köstliches Spiel – wie die Preference im Café an langen Winterabenden. Inzwischen hat Trump das meiste Spielgeld eingestreift, behauptet er, und Putin bezweifelt es. Xi sieht sich im Spiel oft übergangen. Ob Putin und Trump gegen ihn falsch spielen? Wer weiß es.

Xi hat überall seinen Nachrichtendienst sitzen, aber noch nichts übers seltsame Spielglück von Trump und Putin gehört. Das ist der Nachteil einer fest geschlossenen Ansiedlung für hunderte Chinesen wie in Wien-Döbling. Da ist zwar alles unter einem Hut, alles Diplomaten, aber erfahren sie etwas über die nächste politische Partie

Da ist die alte Zufahrtsstraße von der Wiener Stadtverwaltung auf Wunsch der Chinesen sogar gesperrt worden. Keine sinnvolle Entscheidung für einen Nachrichtendienst. Nur vis a vis der japanische Garten ärgert die angesiedelte Hundertschaft von Diplomaten. Da war man zu spät gekommen: Der Park war eine Spende des Stadtbezirks Setagaya von Tokyo um 1990. Das war noch vor dem chinesischen Interesse an Döbling. 

Jedenfalls hatte man wegen der Straßensperre mit den Amerikanern gleichgezogen. Die sorgten für die Sperre der Boltzmanngasse im 9. Bezirk. Und über diesen Wiener Wettbewerb zweier Großmächte lachen die russischen Diplomaten minutenlang.

Während die Spielkarten ausgeteilt werden, erzählen die Herren viel über alte Zeiten. Da können die Russen auspacken. Sie verfügen wie eh und je in Wien weiterhin über heiße Eisen bis zu höchsten Funktionen in Staat, Stadt und Land. Jan Marsalek war der prominenteste unter ihnen. Jetzt weilen er und die ehemalige Außenministerin in Russland. Dem armen Egisto O. ist es dann nicht mehr gelungen. Da machen alle ein betretenes Gesicht.

Die Schauplätze unterscheiden sich nicht wesentlich vom Wiener Café. Die drei Herren hätten aber große Schwierigkeiten, auf einem Thonet-Sessel und vorm Marmortischchen sich zu präsentieren. Trump benötigt zumindest das Oval Office um seine Welt umgreifenden Pläne weitschweifig zu schildern, Putin redet gern von seinem 12-Meter-Tisch aus über Nazis in der Ukraine und in Kiew im Besonderen. Er wiederholt die alte Leier, dass Deutschland wieder in Russland einbrechen will. Alle glauben ihm.

Und Xi? Er bleibt der durch und durch undurchsichtige Chinese. Alle sind auf einen Dolmetsch angewiesen, um Xi zu verstehen. So versteht man wahrscheinlich immer nur die Hälfte. Und diese Hälfte hat er schon. Da wird Trump die Zollsätze nicht wieder erhöhen wollen, und die alten Garantieerklärungen für Taiwan nicht bestätigen. Putin wird maßvolle Energiepreise vorschreiben und Taiwan darf zittern.

Und in einem Punkt sind sich aber alle drei einig: Es muss wieder reiner Tisch gemacht werden! Es wurde viel zu lang kein reiner Tisch gemacht! Und das ist je nach Lust und Laune ihre politische Berufung.

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Reinhold Knoll

Reinhold Knoll, geb. in Wien 1941. Gymnasium und Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in Wien. A.o. Hörer an der Akademie der Bildenden Künste. Promotion 1968 mit dem Thema „Früh- und Vorgeschichte der christlich-sozialen Partei bis 1907" (gedruckt). 1969 bis 1972 innenpolitischer Redakteur im ORF. 1973 am Institut der Soziologie an der Univ. Wien. Habilitation zur „Österreichischen Geschichte der Soziologie", gedruckt, mit Beiträgen von Helmut Kohlenberger 1988. A.o. Prof. für Soziologie ab 1989; Letzte Publikationen: The Revelation of Art-Religion, New York 2018; Letters to my grandchilden, New York 2021; und Beitrag zu Joseph von Sonnenfels, 2024.

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