Reinhold Knoll
Plädoyer für den Frauenfußball
Analyse
Unter besonderer Berücksichtigung des Spiels
Deutschland gegen Spanien

Die Europameisterschaft der nationalen Frauenmannschaft brachte einige Überraschungen. Erstaunlich ist die Leistungsdichte, die überragende Kondition und das hohe Spielverständnis. Sogar die Schweizer Mannschaft konnte recht gut mitspielen, trotz der geringen realen Chancen. Deutlich zu verbessern ist bei allen Mannschaften die Fähigkeit, in aussichtsreicher Position im Strafraum das Tor zu treffen, ebenso ist die Qualität der Weitschüsse aufs Tor besonders mangelhaft. 

Unglaublich und auf dem Niveau der männlichen Kollegen sind die Reaktionen der Torhüterinnen. Immerhin hatte die schwedische Torhüterin wie auch ihre englische Konkurrentin beim Elferschießen vier der fünf Penalties gehalten. Die Engländerinnen, noch 10 Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit eindeutige Verliererinnen und 2:0 im Nachteil, erspielten mit größtem Einsatz noch ein Unentschieden, dank Lucy Bronze und Michelle Agyemang. Der Kampfgeist war in beiden Mannschaften den männlichen Kollegen ebenbürtig, die Raumaufteilung der Engländerinnen in der zweiten Halbzeit überlegen und drückte Schweden in eine heillose Defensive. Ein Versuch, dem Würgegriff der Engländerinnen zu entgehen, unterblieb. So war der Sieg der Engländerinnen glücklich, dennoch verdient.

Sehr gut hatte sich das deutsche Team im Bewerb behauptet. Das Konzept des Trainers war erfolgreich umgesetzt worden. Zu sehen war eine solid verteidigende Viererkette, die das Umschaltspiel sehr gut beherrschte, also im Konter zum Erfolg zu kommen. Nach dem Spiel gegen Spanien waren die Mängel dieses Konzepts deutlich sichtbar geworden. Höchstwahrscheinlich hat das Konzept des Trainers über die erste Runde hinweg den Erfolg beschert, doch das gleiche Konzept verschuldete auch die Niederlage gegen Spanien. 

Zumeist verteidigte sich die deutsche Equipe in der zweiten Halbzeit der regulären Spielzeit mit der Fünfer-Kette und delegierte die Chance zum erfolgreichen Konter an Klara Bühl, unterstützt von Jule Brand und Linda Dahlmann. So war für die Spanierinnen das Risiko der Notbremse durch Foul drei- vier Mal das Mittel, den Sturmlauf zum Tor zu verhindern. Sie verbissen sich hingegen in der Hälfte des deutschen Teams, wären gewiss schon früher erfolgreich gewesen, wäre da nicht die deutsche Torhüterin Ann-Katrin Berger gewesen, die beste aller Torhüterinnen, die souverän jeden Ball arretierte.

Leider wurde der Trainer im Interview nach dem Spiel nicht gefragt, ob sein perfektes Verteidigungskonzept ausreichend war, um sich mit dieser Torhüterin ins Elferschießen zu retten? Das hätte Deutschland sicher souverän gewonnen. Er wurde nicht gefragt, warum er die spanische Spielhälfte im Grunde kampflos aufgegeben hatte und wahrscheinlich im Vertrauen auf seine Torfrau auch für die folgenden 30 Minuten mit einem 0:0 spekulierte. 

Würde er auch eine Offensive geplant haben, so hatte er sich mit dem Austausch von Giovanna Hoffmann dagegen entschieden. Sie war in allen Spielen eine Kampfmaschine gewesen, unverdrossen und durchsetzungsstark. Durch ihren Einsatz wurden Jule Brand und Klara Bühl noch gefährlicher, noch wirksamer. Nach ihrem Austausch wurden die Aktionen eher zu solistischen Einlagen. Die Eckstöße durch Bühl, auch deren Freistöße aus 35 Meter blieben gegen Spanien ohne Erfolg. Dass der Trainer auf die zunehmende Frustration von Bühl bei ruhendem Ball nicht reagierte, bleibt unverständlich. Nur einmal gefährdete ein abgelenkter Ball in der Nachspielzeit das spanische Tor, doch das wurde mit Bravour von Cata Coll verhindert.

Der Trainer hatte die Lehre des italienischen Catenaccio-Systems voll übernommen. Offenbar hatte er von Helenio Herrera abgeschaut, wie man über die Runden kommt. Allerdings war bei Herrera die Voraussetzung, zuvor einen Konter erfolgreich abgeschlossen zu haben. Da gab es dann die etwas ermüdenden 1:0 Siege italienischer Mannschaften – in den 70er Jahren….

So sehr sich auch Berger bemühte, durch ihre Abschläge das Vorfeld ihrer Mannschaft wirksam einzusetzen und sie in Angriffslaune zu versetzen, immer mehr wurde deutlich, dass zumindest zwei Spanierinnen aus- und aufrückten, um jeden weiteren deutschen Angriff im Keim zu ersticken.

Nach 90 Minuten schien nicht nur das 0:0 buchstäblich in Erz gegossen zu sein, sondern die Spanierinnen versagten an ihrem Unvermögen, einen Pass im Strafraum zu verwerten. Sie waren nicht fähig, direkt aufs Tor zu zielen – als fürchteten sie sich vor der deutschen Torfrau. Der erkennbare Mangel war, grundsätzlich mit dem Rücken zum Tor zu stehen und jede Körperdrehung erlaubte den konsequent deckenden deutschen Verteidigerinnen, den Ball wegzuschlagen.

Der deutsche Trainer Christian Wück dachte offenbar gar nicht daran, einen erfolgreichen Angriff bei seiner Mannschaft anzumahnen, also hatte er wahrscheinlich Herrera missverstanden. Er hatte nicht bedacht, dass Herrera nämlich erst nach einem Führungstor die Verteidigungslinie geschlossen hatte. Christian Wück hatte sich voll und ganz auf Berger verlassen. So er hierauf im Interview die Mannschaft als gute Voraussetzung für die Zukunft empfahl, hätte er sich schon vor dem Spiel von seinen hochfliegenden Plänen oder gar von einem Endspiel gegen England verabschieden müssen.

Gewiss hatte Wück mehr erreicht als seine Vorgängerinnen, war erfolgreicher als Martina Voss-Tecklenburg, eine hervorragende Theoretikerin für Mannschaftssport. Sein eminenter Fehler im Spiel gegen Spanien war, überzeugt zu sein, dem Sturm auf die Festung Deutschland widerstehen zu können. Dass dann ausgerechnet ein sehenswertes Kurzpass-Spiel der Spanierinnen auf der rechten Seite Aitana Bonmati in Schuss-Position bringt, aus schiefem Winkel Berger am falschen Bein erwischt und den Ball ins kurze Eck zielt, war eine Glanzleistung. Dass ausgerechnet Berger den Ball falsch einschätzte, sich eher aufs lange Eck  konzentriert hatte, ist eine besondere Tragik für die Torfrau, die bislang in allen Partien Deutschlands ein Turm in der Brandung war, mehr als nur die 11. Spielerin, mehr als nur Torfrau. Ihr Pech war die 113. Minute.

Der Trainer hätte bei den Angriffen der spanischen Stürmerinnen einen Angriffsplan zu entwickeln gehabt. Er hätte schon längst die Vierer- oder Fünfer-Kette auflösen müssen, um seine Spielerinnen zu mobilisieren. Er hätte einen Kontrapunkt gegen die Zurufe der spanischen Trainerin Tomé Montserrat setzen müssen, die ihre Mannschaft immer wieder zum Angriff ermunterte. Während der Corner-Flanken war die Unsicherheit in der spanischen Mannschaft zu erkennen, die hohe Nervosität bei den Freistößen. Diese punktuell durchgeführten Versuche der deutschen Spielerinnen hatten das Repertoire des Trainers voll ausgeschöpft, was aber eher dem Zufall, Ballglück oder –pech entsprang. Die Spanierinnen wussten um ihre körperliche Unterlegenheit bei Abwehr der beeindruckenden Außenstürmerinnen, von Carlotta Wamser oder Rebecca Knaak, deren ursprüngliche Funktion Verteidigerin war.

So selbstbewusst und planmäßig die deutsche Mannschaft ihren Weg zum Halbfinale zurücklegte, so war der Trainer im Halbfinale zu kleinmütig, obwohl er einfach nichts anderes zu machen gehabt hätte als nochmals die Regie über das Spiel zurückzugewinnen. Dass er es nicht einmal in der Verlängerung versuchte, zeigt ihn als Spielverderber, ängstlich und kleinmütig. Wie unter dieser Regie eine Mannschaft entwickelt werden soll, so sagte er ja im Interview, wird ein Rätsel bleiben, das auch Christian Wück nicht auflösen wird.

Wie zuvor bleibt der deutsche Traum vom Europa-Titel ein Wunschprojekt.

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Reinhold Knoll

Reinhold Knoll, geb. in Wien 1941. Gymnasium und Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in Wien. A.o. Hörer an der Akademie der Bildenden Künste. Promotion 1968 mit dem Thema „Früh- und Vorgeschichte der christlich-sozialen Partei bis 1907" (gedruckt). 1969 bis 1972 innenpolitischer Redakteur im ORF. 1973 am Institut der Soziologie an der Univ. Wien. Habilitation zur „Österreichischen Geschichte der Soziologie", gedruckt, mit Beiträgen von Helmut Kohlenberger 1988. A.o. Prof. für Soziologie ab 1989; Letzte Publikationen: The Revelation of Art-Religion, New York 2018; Letters to my grandchilden, New York 2021; und Beitrag zu Joseph von Sonnenfels, 2024.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Susanne Preglau

    Ich habe mit großem Interesse Ihren Artikel zum Frauenfußball gelesen – die Würdigung eines Sports, der für mich erst in den letzten Jahren in den Fokus gerückt ist. Viele Spiele sind für mich kurzweiliger und spannender zu verfolgen als im Männer-Fußball.
    Sie schreiben über die „Europameisterschaft der Frauenmannschaften“ – wäre da nicht der englische Begriff des „Frauenteams“ besser und klarer?
    Ich bin sicher keine Vertreterin des „Genderns“ um jeden Preis, aber diese Formulierung schiene mir beim Lesen wesentlich angenehmer.

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