Reinhold Knoll
Einmal anders!
Mein Versuch, optimistisch zu sein.
Essay
Kommentare zu meinen Überlegungen enthalten zuweilen den Vorwurf, unsere Gegenwart mehrheitlich in düsterem Licht zu zeigen. Oft lese ich, ob ich für diese Welt noch eine Hoffnung sehe? Die Hoffnung wäre wie ein Licht in der Finsternis eines dunklen Kellers.
Diese Zuschriften sind wichtig. Man kann sie auch so interpretieren, dass der Schreiber dieser bedrückenden Zeilen ein sauertöpfischer Mensch sein muss, nur das Negative sieht und vor dessen Augen nichts bestehen kann. Offenbar ist es die Meinung in vielen Zuschriften, der Kommentator gibt die Welt verloren.
Weder das eine noch das andere trifft zu.
Wenn man annimmt, dass Adolf H. weder für die USA, noch für Russland oder China und Indien ein Muster werden wird, was auch nicht nötig ist, denn in diesen Staaten ist die Situation schlimm genug, so ist wohl die Schlussfolgerung zulässig, das Schlimmste nicht als Bezugspunkt für politische Anamnesen heranzuziehen.
Das Schlimmste wäre heute der angedrohte Abwurf einer Atombombe auf Putins Feinde. Wahrscheinlich ist Putin in diese Gefahrenzone geraten, da ihm keine Informationen zur Verfügung standen, die ihn hätten warnen müssen, lieber die Finger von der Ukraine zu lassen.
Ebenso geriet Donald Trump in die Falle, da er bereits die Konstellation in Venezuela falsch eingeschätzt hatte. Zu seinem Glück besteht dort noch eine nahezu friedfertige Gesellschaft, die sich für erlittenes Leid nicht rächt. Man gewann den Eindruck, ein Immobilienspekulant überfällt nach Lust und Laune beliebige Staaten, um über Krieg in Nord und Süd, Ost und West Bodengewinne für hochspekulativen Hausbau rund um die Welt zu erzielen. Dieser kann die Atombombe auch nicht einsetzen, denn es würde in erster Linie sein künftiges Bauland treffen und zerstören.
Es ist mir nicht oder nicht deutlich genug gelungen, unsere Geschichte des Humanen der Vergewaltigung durch Politik zu entreißen. Gegen alle Vernunft, so kann man schreiben, bin ich fest davon überzeugt, dass trotz der negativen Bilanz politischer Geschichte das Übergeschichtliche dennoch dominiert und letztlich immer auf die Geschichte einwirkt.
Die Frage, was dieses Über- und Urgeschichtliche ist, beantworten die beiden großen chinesischen Romane, aus dem 14. und 16. Jahrhundert – ..von den Ufern der Flüsse von Luo Guanzhong und Shi Naian und Die Reise in den Westen von Wu Cheng´en. Der eine Roman ist ein Bericht über die politische Lage der Song-Dynastie zwischen 960 bis 1279, der andere stellt die grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen Buddha und Dao dar in der Zeit der Ming-Dynastie von 1368 bis 1644. Mit der Ablöse der mongolischen Herrschaft der Yuan soll eine Bewusstseinsreform im Sinne Buddhas eingeleitet werden.
Will der ältere Roman die Tyrannei der Willkür innerer Reichsverwaltung und Korruption beenden, also den Sinn des chinesischen Schriftzeichens der Revolution wiederherstellen, was ursprünglich als Rückkehr des Mandats des Himmels gelesen wurde, so plädierte Wu Cheng´en gegen Stolz, Gier, Geiz, Begierde und Wut und sieht die Befreiung von den Untugenden in der individuellen Erleuchtung und in der Gemeinschaftsbildung zwischen sehr unterschiedlichen Personen und Wesen.
In meiner Einschätzung berühren beide Dokumentationen politische Alternativen, die uns die Demokratie bietet. Die eine ist in jener individuellen privaten Rechtschaffenheit zu sehen, wie sie Manes Sperber formulierte, ohne die keine Demokratie zu bestehen vermag. Eine andere Alternative ist die Vermeidung jeder gesellschaftlichen Fragmentierung, eben im Sinne der politischen Gleichheit nach Möglichkeit soziale Ungleichheit zu verringern. Es wäre das nobelste Ziel der Gesellschaftspolitik.
Byun-Chul Han hat in beiden Bereichen die gegenwärtigen Defizite beschrieben und analysiert. Sei es in der kurzen Schrift Ohne Respekt, worin er die wachsende Unfähigkeit zum herrschaftsfreien Dialog und die Zunahme unhöflichen Verhaltens als soziale Krise wahrnimmt. In der Infokratie beschrieb er den Zusammenbruch öffentlicher Meinungsvielfalt und bezeugt, wie soziale Medien die individuelle Wahrnehmungsfähigkeit der sozialen Wirklichkeit zerstören.
In der Übereinstimmung mit der Analyse ergibt sich automatisch der Hoffnungsschimmer, eben die bei Han erwähnten Fehlentwicklungen zu meiden. Immer wieder ist vom Appell zur politischen Vernunft die Rede, wovon auch in den Schriften von Manes Sperber und Hermann Broch zu lesen ist. Beide berichten übereinstimmend darüber, wie im 16. und 17. Jahrhundert die Menschen zu Narren der religiösen Tragödie wurden, so erst recht im 19. Jahrhundert aufgrund der sozialen und politischen Tragödien. Die Folgezeit konnte diesen Zusammenbruch nur durch humane Katastrophen überbieten und die Patenschaft dafür hat Europa übernommen. Da wir darüber Bescheid wissen, hätten wir ausreichend Gelegenheit, uns davon zu emanzipieren.
Nun wissen wir zunächst, dass die Aussicht der Menschheit auf Fortbestand, das heißt also die Chance, weiterhin Geschichte zu haben, nicht optimistisch stimmt. Auf der anderen Seite sind die Chancen der Geschichte und jene der Erde ein absurdes Verhältnis eingegangen.
Aus Berechnungen der Astronomie scheinen wir ziemlich konkret zu wissen, dass die Erde noch einige Milliarden Jahre bestehen wird. Wir können uns aber nicht vorstellen, dass wir eine vergleichbar lange Zeit für unsere Geschichte haben werden. Wir können uns nicht vorstellen, dass die Menschheit noch eine Million Jahre Geschichte haben soll. Jede Vorstellung dieser Art erfahren wir als Albtraum.
Inzwischen sind wir noch pessimistischer geworden: Wird es die Menschheit im gegenwärtigen Zustand noch weitere 100.000 Jahre geben? Genau an dieser Stelle treten die Offenbarungen aus ihrer Paradoxie, aus ihrer Unwahrscheinlichkeit im Agnostizismus in die höchste Wahrscheinlichkeit über.
Diese Transformation lässt alle bisherigen Erwartungserwartungen in anderem Licht erscheinen als alle unsere bisherigen technischen Fortschritte. Schon jetzt erscheinen Projekte größter Surrealität eher lächerlich, oder wir können annehmen, dass wir für die Veränderung unserer traditionell-existentiellen Ausstattungen unbrauchbar sein werden, es sei denn, wir sehen in den maschinellen Anordnungen von Intelligenz und Handlungskompetenz unsere Nachfolge.
Dass wir uns vermutlich in der letzten Zeit befinden, hat nichts Beunruhigendes, denn Geschichte ist immer eine letzte Zeit. Aus diesem Bewusstsein ist sie erst entstanden und es wird die überraschende Situation eintreten, dass Geschichte und Erde einander aufheben werden: so oder so. Es ist gegenwärtig die einzige fassbare Auskunft, die wir über uns selbst ermitteln können.
Bis zu diesem Zeitpunkt werden noch weitere absurde politischen Willensakte in die Zeitlichkeit einfließen und diese zu bestimmen versuchen. Selbst China wird sich dieser Tatsache beugen müssen, dass das Durchkreuzen aller Machtdispositionen und politischen Kraftakte zum Wesen der Geschichte zählen. Es ist vermutlich auch der Plan einer metahistorischen Gnade. Damit können wir den alten Anspruch aus den Wissenschaften nicht mehr geltend machen, nämlich alles verstehen zu können.
Natürlich haben die innovativsten Köpfe erfasst, dass der Menschheit ein Verfallsdatum droht, wie früher den Sauriern oder anderem Ungetier der grauen Vorzeit. Es ist Elon Musk zu verdanken, die rettenden Ideen deutlich zu machen. Nach seinem Muster winken zwei vielversprechende Rettungsanker: den Auserwählten erstens der Transhumanismus und zweitens die erfolgreiche Flucht zu einem anderen Planeten. Beide Varianten haben eine alte Geschichte. Nietzsche prophezeite im Zarathustra: Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.
Vermutlich ist nicht nur Elon Musk seiner Grenzen überdrüssig geworden. Das Einfrieren des Gehirns vor Jahrzehnten, von Chromosomen oder genetischem Material ist höchst unbefriedigend geblieben. Das hatte Roald Dahl sofort in seinen surrealen Novellen aufs Glatteis geführt.
Das Überschreiten des bisher Humanen ins Transhumane kann nur durch Verbesserungen der Antriebstechniken gelingen. Also spendiert Musk jenen Techniken sein Vermögen, die ihm eine realistische Chance versprechen, in erlebbaren Zeiträumen bis zum Mars oder sonst wohin zu gelangen.
Es sollen im Transhumanismus nicht nur die bisherigen Grenzen des Mensch-Seins aufgehoben werden, sondern jener Superman soll dann auf anderem Planeten mit seiner neuen Geschichte beginnen. Ein über Implantate erneuerter Mensch schafft den Ritt durchs Universum in einer von Musk finanzierten Rakete.
Und genau diese Ankündigung stimmt mich froh und optimistisch. Mögen doch diese Anstrengungen bald erfolgreich sein! Dann würde nämlich die gesamte kapitalistische Weltelite zwar nicht zum Mond, aber zum Mars fliegen – oder zu einem anderen x-beliebigen Planeten – und wir wären sie allesamt für immer los. Die Geschichte erhielte nicht nur eine Fortsetzung, sondern würde sich erstmals in humanen Bahnen bewegen.
Es ist eine Freude annehmen zu dürfen, künftig im Reich der Heiterkeit und Freiheit zu leben.
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Werter Herr Knoll!
Welch‘ tiefsinniger, informationsreicher, Text von Ihnen! Ich bin von ihm und damit von Ihren Überlegungen/Ausführungen angetan. Danke!
Animiert wurde ich zu meinem jetzigen Kommentar freilich hauptsächlich durch einen Ihrer Absätze, der in seiner Beginnzeile das Wort „Astronomie“ enthält (ich bin pensionierter Profi-Astronom) und der, was eine langfristige Existenz der Menschheit angeht, sich mit meiner Ansicht deckt.
Ist Pessimismus in dieser Hinsicht angebracht? Ich denke, sehr wohl. Zu diesem Behufe will ich die aktuell erfahrbare Hitzewelle zum Anlass nehmen, einen vor wenigen Jahren im hiesigen Blog veröffentlichten Artikel von mir zu präsentieren:
Unser Heimatplanet hat sich nämlich, in Hitze-Dingen, mit unerfreulichen Aussichten zu Wort gemeldet – und mir, vor wenigen Jahren, sozusagen ‚die Erlaubnis erteilt‘, dies in Worte zu kleiden:
https://schoepfblog.at/ronald-weinberger-perspektivenwechsel-ein-planet-geraet-in-hitze-notizen/
PS: im Text ist ein „d“ zuviel. Sie werden es unschwer lokalisieren…