Reinhold Knoll
Epstein und kein Ende
Notizen

Schlägt man die Morgenzeitung auf, ist schon wieder über eine weitere berühmte Bekanntschaft Epsteins zu lesen. Dieser Mann muss wohl vor seinem Selbstmord ein Genie gewesen sein.

Die Epstein-Akten im US-Justizministerium sollen 23.000 Namen enthalten, wovon ein Großteil inzwischen geschwärzt wurde. Vermutlich will die Behörde in einem Gnadenakt die Armee des Service-Personals unbehelligt lassen.

Selten wird die Frage gestellt, wie ein einfacher Mann, das war ja Epstein ursprünglich, zu so vielen Bekanntschaften kommt, ja wie man diesen Freundeskreis überhaupt verwaltet und betreut? Dass nicht alle 23.000 über Epsteins Kontaktagentur Vermittlungen wünschten, würde selbst einen Weltkonzern mit Schwerpunkt Consumersatisfaction überfordert haben.

Wichtig ist, den Morgen beim Frühstück mit Empörung zu beginnen. Die Welt ist grottenschlecht!, sagt man, schüttelt den Kopf und reiht sich in die Gruppe der Moralischen ein.

So man Sittlichkeit und Kriminalität von Karl Kraus gelesen hat, war man über den Umkehrschluss belehrt worden: Nicht der Sexualstraftäter zerstört die öffentliche Moral, sondern die lüsterne Berichterstattung darüber samt der damit verbundenen Entrüstung!

Die erste Szene, in der Lustgreise moralisch zur Rechenschaft gezogen werden, war die Szene der Susanna im Bade, die von den beiden Alten aus dem Versteck belauscht und beäugt wurde. Im Kapitel 13 bei Daniel entgehen die biblischen Voyeure nicht der Strafe.

Das ist heute anders. Gedruckter Voyeurismus findet aufmerksame Leser und Spekulationen über Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Bei Epstein traf sich eben alles, was Rang und Namen in der westlichen Welt hatte. Zuweilen endeten die noblen Begegnungen mit Orgien, die Marquis de Sade im Chateau de Lacoste nicht hätte besser erfinden können.

Die libertinen Spiele waren schnell in Bühnen der Macht verwandelt worden. Es werden ja wohl nicht nur ein Prinz gewesen sein, Präsidenten aus aller Herren Länder, Wirtschaftsmagnaten und Mogule, sondern aus Zeitungen erhält man den Eindruck, Epstein war der Geheimtipp, um in einen erlesenen, geheimen Lustgarten zu gelangen.

Was in den Sehnsüchten der bayrische König Ludwig in Lustschlössern erträumte, das habsburgische Enfant terrible Ludwig Viktor – Luziwuzi – oder was dem deutschen Kaiser Wilhelm Vergnügen bereitete, wenn er Offiziere seines Gardebataillons im Ballettröckchen tanzen ließ, das war bei Epstein wieder möglich.

Waren nach behördlicher Sichtung des Materials 23.000 bei Epstein zu Gast? Das wird wohl nicht der Fall gewesen sein. Was war der Fall?

Epstein war die Drehscheibe für alle möglichen Nachrichtendienste. Dass diese über dicke Namenslisten verfügen, liegt auf der Hand. So war die ursprüngliche Erpressung Epsteins nur der Ausgangspunkt sowohl für dessen Reichtum als auch die Grundlage für Nachrichtenbeschaffung höchster Brisanz.

Und Epstein war auf dieses Geschäft eingestiegen: …halb zog es ihn, bald sank er hin… Dabei war der Vater von Ghislaine Maxwell das Bindeglied. Der Zeitungszar Robert Maxwell alias Jan Ludvik Hoch hat das alternative Netzwerk eng geknüpft: KGB/FSB, CIA und Mossad.

Es war das Erfolgsgeheimnis, das kein ernsthaftes Geheimnis ist: Waren die Schulden von Robert M. zu hoch – 450 Millionen Pfund – benötigte man den amerikanischen Tschechen nicht mehr. Epstein trat an seine Stelle und Maxwell-Hoch fiel von seiner Yacht Lady Ghislaine 1991 ins Meer und gilt seither als vermisst.

Das organisatorische Talent von Epstein bewog die Investoren zu diesem Zweck eine private Fluglinie zu eröffnen. Der sogenannte Lolita-Express war die schnellste Verbindung zur karibischen Insel Little St. James. Eine Boeing 727, pilotiert von Nadia Macinko, geb. 1985 in Kosice, flog Zelebritäten und Minderjährige regelmäßig dorthin, wobei vielleicht der Reiz der Ausflüge an den ersten Anbahnungen über 10.000 m gelegen war.

Bill Clinton war regelmäßiger Gast, wahrscheinlich auch der gegenwärtige US-Präsident, der hoch über dem Erdboden seine spätere Frau Melania kennen gelernt haben kann. Die Pilotin Macinkova ist übrigens seit 2024, seit den ersten Untersuchungen zum Epstein-Fall abgängig.

Das alles sind keine Geheimnisse. Würde man aber eine Blaupause des Netzwerks von Epstein, der immer mehr zur Nebenfigur wird, über die Brandherde der Welt legen, so werden sich Überschneidungen und deckungsgleiche Interessenlagen ergeben, die Putins Russland, Trumps USA und Ben Netanyahu´s Kriegs-Szenario zusammenfügen lassen.

So bleibt die Frage offen, ob Epstein der große Einfädler war, oder den Mächtigen der Welt nur geholfen hat, die Erholungspausen von der Weltpolitik (wenig) phantasievoll zu gestalten – unter dem Motto: Mensch´n, Mensch´n, san mir alle….


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Reinhold Knoll

Reinhold Knoll, geb. in Wien 1941. Gymnasium und Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in Wien. A.o. Hörer an der Akademie der Bildenden Künste. Promotion 1968 mit dem Thema „Früh- und Vorgeschichte der christlich-sozialen Partei bis 1907" (gedruckt). 1969 bis 1972 innenpolitischer Redakteur im ORF. 1973 am Institut der Soziologie an der Univ. Wien. Habilitation zur „Österreichischen Geschichte der Soziologie", gedruckt, mit Beiträgen von Helmut Kohlenberger 1988. A.o. Prof. für Soziologie ab 1989; Letzte Publikationen: The Revelation of Art-Religion, New York 2018; Letters to my grandchilden, New York 2021; und Beitrag zu Joseph von Sonnenfels, 2024.

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