Reinhold Knoll
Die Neu-Vermessung der Welt
Eine Achse der Obszönität zwischen Washington-Moskau-Jerusalem
Essay
Wladimir Putin ist der große Gewinner der strategischen Prophylaxe der USA und Israels gegen den Iran. Mit dem Ölpreis samt Sperre der Wasserstraße von Hormus klingelt es bei der russischen Staatskasse in höchsten Tönen.
Nun kann man nicht beurteilen – oder noch nicht – ob es nach dem Schlag der Achse Washington-Jerusalem gegen den Iran auch eine weiterführende strategische Planung gibt. Jedenfalls schien man überrascht worden zu sein, als die Verbindung zur Außenwelt des Welthandels vom Iran abgeriegelt wurde. Ebenso war man in den allwissenden Militärstäben vom Angriff des Iran auf die Golfstaaten überrascht. Sie waren plötzlich zu Kombattanten der USA und Israels erklärt worden. Angeblich hatte China im Verein mit Pakistan den Iran jüngst zu Verhandlungen mit den USA gedrängt.
Noch kann man keine Nachahmung vergleichbarer militärischer Interventionen prognostizieren. Die Methode verspricht aber einigen Erfolg und kann sich als probates Mittel für eine andere Art der Außenpolitik erweisen. Vielleicht nennt man diese dann im Fachjargon eine militärische Prophylaxe.
Und der Vorwurf des US-Präsidenten, die NATO habe im Fall des Iran ihre Beistandspflicht für die USA nicht erfüllt, war zu erwarten. Damit will Trump dem Bündnissystem einen Strick drehen, um es über kurz oder lang auch zu beenden, selbst auf die Gefahr hin, die Stützpunkte in Deutschland zu verlieren, die man gerade jetzt im Krieg gegen den Iran dringend benötigt. Schon längst betreibt der US-Präsident mit Europa ein Katz und Maus-Spiel und will die neunmalklugen Europäer von jedem Tisch internationaler Politik wegweisen.
Noch wichtiger ist für den Beobachter, dass die seit einiger Zeit bestehende Achse nach Moskau mit den militärischen Interventionen der USA seit Venezuela offenbar zum fixen Bestand neuer Weltpolitik zählt. Für eine derartige Interpretation spricht das beredte Schweigen Putins zur Intervention gegen Teheran, wie umgekehrt der geschwätzige US-Präsident seinem Amtskollegen im Kreml im Krieg gegen die Ukraine keine Steine mehr in den Weg legt und ebenfalls schweigt.
Dass der US-Vizepräsident James David Vance in Budapest den Wahlhelfer im Auftrag von Trump und Putin spielt, ist bemerkenswert und festigte die Übereinstimmung, die Europäische Union grundsätzlich als wirkungslosen Staatenbund vorzuführen. Dieser Auftritt von Vance in Budapest hatte Orban auch den Rücken für die Zeit nach den Wahlen zu stärken. Es wird nicht allein dessen Entscheidung sein, ob er nach seiner Wahlniederlage die Hilfe seiner großen Freunde annehmen muss oder nicht. Diese Variante, die Wirklichkeit wurde, hat den Europäern noch immer nicht die Augen geöffnet…
Die neuen Machthaber der Welt entpuppen sich in ihrer vulgären Überheblichkeit als bedrohliche Imitatoren der bekannten Scheusale der Weltgeschichte: Nero, Iwan IV. der Schreckliche, Tamerlan oder Kim il-Sung sen. sind nur Beispiele aus einer langen Liste. Zur Orientierung gibt es zwei wichtige Hinweise für die Einschätzung der Herren: Boris und Arkadi Strugazki schrieben den Roman Es ist schwer ein Gott zu sein (1964). In diesem Science-fiction-Roman wird eine anti-intellektuelle Diktatur beschrieben, die dem Reich Putins gleicht: Intellektuelle werden verfolgt, die Wissenschaft ist nicht frei, es herrschen Willkür und Polizeigewalt. Daher kann es auf Arkanar auch keinen Fortschritt geben, es fehlt an politischer Vernunft und das politische System benötigt zunehmend die Polizei.
Trump könnte sofort und ohne Kostüm König Ubu von Alfred Jarry (1896) spielen. Er müsste nicht einmal den Text lernen, sondern seine Wortmeldungen aus den social media wiederholen. Damals wollte das Theaterstück die politischen Funktionäre der Lächerlichkeit preisgeben. In derber, vulgärer und infantil-chaotischer Sprache bereichert sich König Ubu ungehemmt, regiert nach Willkür und Laune und zeigt damit einige Parallelen zum Roman der Brüder Strugazki.
Sowohl im Roman als auch bei König Ubu fehlt eine Szene, die das Büro der in Wien residierenden OSZE zeigen müsste. Die Vertreter der Mitgliedstaaten wählen einhellig mit Begeisterung Putins Lieblings-Dolmetscherin Daria Bojarskaja zur Leiterin der internationalen Wahlbeobachtung in Ungarn. Sie ist für ihre Vernetzung bekannt und berüchtigt. Gleichzeitig beschuldigt Viktor Orban unter beifälligem Kopfnicken der Großen dieser Erde den ukrainischen Präsidenten, ein Attentat auf die Öl-Pipeline von Russland nach Ungarn zu planen. In Monologen behauptet er, dass die Ukraine Russland angegriffen habe und die Europäische Union selbst die Chancen Europas kläglich verspielt. Diese Chancen wären sofort vorhanden, würde man sich in die Arme Putins begeben.
Nun hebt sich der Nebel nicht nur im Theater, sondern langsam hebt er sich überall; Konturen werden sichtbar, die man bislang nicht glauben wollte. Da scheinen ja die Richtigen im selben Boot zu sitzen. Unter ihnen ist Xi die Ausnahme, denn sein Schweigen ist zugleich Beispiel von Macht und Disziplin.
Und Netanyahu scheint die bunte Runde zu ermutigen, ja keinen Krieg zu beenden. Gott bewahre! Nach der Zerstörung des Gaza-Streifens setzt er die Angriffe am Territorium von Libanon fort. Es scheinen sich die Worte zu wiederholen, die Paul de Lagarde 1884 als völkischer Nationalist geschrieben hatte: Mit der Humanität müssen wir brechen, denn nicht das allen Menschen Gemeinsame ist unsere eigenste Pflicht, sondern das nur uns Eignende ist es.
Dem können unsere weltpolitischen Bootsfahrer nur beipflichten. Xi wird dazu wohlweislich schweigen. Selbst schlechte Nachreden vermeidet er grundsätzlich. Bei Trump ist dessen Narzissmus das Gebot der Stunde. Die Haltung Putins ist hingegen gespickt mit verschlagener Rancune und Hinterhältigkeit. Nur Orban verwandelt sich in einen dreisten Zigeunerbaron und Netanyahu hält jeden Friedenswunsch für eine Maskerade von Schwächlingen.
Wenn man sich vorstellt, dass Hannah Arendt den Zusammenbruch aller geltenden moralischen Normen im öffentlichen und privaten Leben in den 1930-er und 1940-er Jahren miterlebte, so war damals den Machthabern bewusst, dass (man) in der Tradition des Humanismus jenen Hemmschuh ausmachen konnte, den es zu überwinden galt: Mögen wir inhuman sein! ….Mögen wir Unrecht tun!….Mögen wir unsittlich sein!….
Vom Plan der Humanisierung der Welt waren diese Imperative zu Hitlers Handlungsnormen geworden. Hauptsache war, damit erfolgreich zu sein. Heute hören und lesen wir von diesen Grundsätzen schon wieder!
Dabei war es nicht in erster Linie um die Art der Machtergreifung gegangen, sondern um die Zerstörung der Sprache, wie Karl Kraus mehrmals festgehalten hatte. Heute leiden wir unter dieser Zerstörung weit mehr, ja bemerken an der politischen Sprache die Verwahrlosung und Rohheit. Was ist heute wieder möglich?
Die Sprache Putins besteht aus permanenten Drohungen. Sein alter ego Ex-Präsident Dmitri Medwedew war der erste, der sich nicht scheute, zuerst Finnland mit der Vernichtung durch eine Atombombe zu drohen. Die Sprache von Donald Trump ist ebenfalls eine der permanenten Bedrohung. So meinte er, den Iran in die Steinzeit zurück zu bomben. Seine Reden sind von erschütternder Primitivität und Torheit. Angeblich sollen so vor 4 Jahrhunderten die Illiteraten und Analphabeten gesprochen haben – die Klientel von Grimmelshausen, Francois Villon oder Sebastian Brandt im Narrenschiff oder in den Lalebüchern (Schildbürgern 1598).
Netanyahu kann man überhaupt auf das Konzept von Carl Schmitt eingrenzen, wonach es entweder nur Freunde oder Feinde gibt. Orban hingegen log und wusste wahrscheinlich, dass er log.
In durchaus vergleichbarer Situation hat Sigmund Freud 1941 vom Scheitern des Kulturexperiments Mensch gesprochen. Damals war die Situation zwar schlimmer und auswegloser. Wir sind aber am besten Weg dorthin.
Die Weltpolitik ist von einem forschen Brutalismus gekennzeichnet. Was der Bitcoin auf der Börse in der Gier der Geldvermehrung bewirkte, vermag in der übereinstimmenden politischen Obszönität die Achse zwischen Washington-Jerusalem-Moskau.
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Sehr gut beobachtet und analysiert! Nur ein kleiner Fehler dürfte sich da eingeschlichen haben: Sigmund Freud konnte 1941 nicht mehr „vom Scheitern des Kulturexperiments Mensch“ gesprochen haben, da er bereits am 23. September 1939 gestorben ist. Glaube auch nicht, dass im Kriegsjahr 1941 etwas von ihm veröffentlicht wurde, zumindest nicht im deutschsprachigen Raum!
Danke für die Korrektur. Erinnere mich, es aus dem Briefwechsel Einstein-Freud entnommen zu haben!! Ja in der Eile begeht man Fehler, daher ist die Aufmerksamkeit der Leser so wichtig!! Und zur Belohnung von Herrn Schiestl empfehle ich die Geschichte rund um Edward Bernays. Er schrieb in den USA „Propaganda“ und damit half er der Firma „Marlboro“ bei Absatzschwierigkeiten, da er das Rauchen auch Frauen empfahl. Bernays war ein Neffe von Freud. Dessen Buch „Propaganda“ war die Lieblingslektüre von Goebbels…..
LIebe Grüße Reinhold Knoll