Reinhold Knoll
Der Tiroler Krampus und
das Böse in der Welt
Soziologisches Tagebuch

Ein merkwürdiges Zusammentreffen: Im schoepfblog die empörte Verurteilung der Krampus-Grausamkeiten, die wohl in den Alpen ein Eigenleben behalten haben, das ich nicht mehr vermutete. Draußen in der Welt der Zusammenbruch einer Diktatur mit ungewisser Zukunft, die wahrscheinlich keine Demokratie bringen wird. Und wie lauten die ersten Reaktionen in Europa?

Sofortige Stilllegung der Asylansuchen von Syrern. Die können doch angeblich wieder ungeschoren in Syrien leben. Der Asylgrund Assad ist ja weg! Ach, so einfach ist die Welt! Wir wissen hier genau, wie es morgen in Syrien aussehen wird. Wir belassen diese Menschen in der bohrenden Ungewissheit – eine enorme psychische Belastung. Diese Menschen jetzt hängen zu lassen, ist wohl erbärmlich. Plötzlich sind Konzeptbeamte Spezialisten in der Einstufung von Sicherheitsrisiken auf anderen Kontinenten.

Und sogleich plappern es Politiker nach, denn sie spüren im Rücken den kalten Atem von FPÖ und AfD. Dort sammelte sich bereits die qualifizierte Mehrheit des Volkszorns. Anstatt auf humane Kriterien zu verweisen, freuen sich alle, diese Fremdlinge hinauszuwerfen. Nun gut – nicht gut.

Wie der Krampus beweist, wenn auch im alpinen Raum, verwundert es nicht, dass Grausamkeit infektiös ist. Alles ist furchtbar, vor allem wenn man das TV-Programm heranzieht. Da findet ja gemäß der Regie der Programmgestaltung in dem gemütlichen Städtchen Rosenheim täglich ein Mord statt! Würde man es für die Wirklichkeit nehmen, ist nichts mehr überraschend.

Entsetzt über das Teufelstreiben im oberen Inntal, was am 05.12. jährlich stattfindet, ist ja der Vergleich mit mobbing und stalking nahezu harmlos, allerdings enthebt es uns nicht der Frage, ob es nicht Merkmal exzessiven Brauchtums innerhalb atavistischer Kulturpraxis ist, diese Übergriffe nicht als solche zu begreifen.

Wir finden keinen Punkt, der dem Verlauf des Inhumanen eine andere Wendung gibt. Sind wir für immer im Bösen verstrickt? So ist der Krampus in Tirol wenigstens das sichtbare Zeichen geblieben, was ansonsten subkutan irgendwo im Unterbewussten schlummert. Sind wir da dem obszönen Krampus nicht das Tribut des Dankes schuldig, denn er stellt realistisch das Banale am Bösen dar?
Und wenn es ohnehin bekannt ist, dass Radaubrüder die Gegenden unsicher machen, könnte man ja die Klugheit erwarten, einfach daheim zu bleiben wie bei einem Unwetter oder bei Lawinengefahr.

Wie man Rosenheim meiden sollte, um nicht täglich in Gefahr zu kommen, ermordet zu werden, so sollte man gleichzeitig wissen, dass in jenen Amtsstuben kein Schutz zu finden ist, die im Grunde dafür ausgestattet wurden. Ach, wie lang ist es her, dass diese köstlichen Vergleiche Karl Kraus zum Gegenstand seiner Kritiken machte?

In der gleichen Stunde ist im Wiener Raum der dritte gerade geborene Säugling im Müllkübel gelandet und gestorben. Kein Hahn kräht nach diesen Kindern. Es ist ein weiterer Beweis dafür, dass uns das Leben nicht besonders wertvoll erscheint. Wer da noch überlebt, darf die Grausamkeit zumindest im Mummenschanz erfahren. Dieser Inhumanität widerfährt bei uns ein sicherer Geleitschutz durch Fremdenpolizei oder Brauchtum. In der Ukraine weiß man noch, dass jedes Bombardement ein Verbrechen ist.

Die positive Nachricht?

Es gibt sie: 150 streunende Hunde aus dem verseuchten Gebiet von Tschernobyl entwickelten in ihrer DNA eine Immunabwehr gegen Radioaktivität und führen ein munteres Leben…- stellten US-amerikanische Forscher soeben fest.

Am gleichen Tag wurde der Nobelpreis an eine japanische Gruppe verliehen, die sich gegen den Einsatz von Atomwaffen ausspricht.

Was stimmt jetzt? Oder werden nur Hunde gegen atomare Strahlung immun? Die Pioniere der Röntgenologie waren offenbar noch nicht imstande, an sich adäquate Mutationen in der genetischen Ausstattung zu erreichen – wie der Tod des österreichischen Arztes und Röntgenolen Guido Holzknecht (1872 – 1931) beweist.

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Reinhold Knoll

Reinhold Knoll, geb. in Wien 1941. Gymnasium und Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in Wien. A.o. Hörer an der Akademie der Bildenden Künste. Promotion 1968 mit dem Thema „Früh- und Vorgeschichte der christlich-sozialen Partei bis 1907" (gedruckt). 1969 bis 1972 innenpolitischer Redakteur im ORF. 1973 am Institut der Soziologie an der Univ. Wien. Habilitation zur „Österreichischen Geschichte der Soziologie", gedruckt, mit Beiträgen von Helmut Kohlenberger 1988. A.o. Prof. für Soziologie ab 1989; Letzte Publikationen: The Revelation of Art-Religion, New York 2018; Letters to my grandchilden, New York 2021; und Beitrag zu Joseph von Sonnenfels, 2024.

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