Reinhard Kocznar
The Expendables (Die Überflüssigen)
Oder:
Europas Geschnatter
Analyse

Im Jänner 2026 ließ der amerikanische Präsident den venezolanischen Präsidenten in seinem Schlafzimmer in Caracas verhaften und in die USA verbringen. Das geschah in einer brillant geplanten und ebenso durchgeführten militärischen Operation, die nur drei Stunden dauerte und ohne eigene Verluste abgelaufen ist.

Die gegnerische Luftabwehr war auf der Stelle ausgeschaltet und damit das Dach über dem Kopf weg, etwas, was auch Israel im Iran kürzlich schaffte. Wenn man etwas will und die Hausaufgaben gemacht hat, ist so etwas möglich.
Napoleon sagte s’engager puis voir – erst handeln, dann schauen. Realpolitik ist nichts für Bedenkenträger.

Als Russland die Ukraine überfiel, tat Europa, was es konnte, es artikulierte Empörung. Die ist allerdings wirkungslos, die Dinge nahmen ihren Lauf und tun es noch immer.

Präsident Trump nahm sich später der Sache an. Er mag Kriege nicht, weil sie nicht gut für das Geschäft sind. Er organisierte sogar Friedensgespräche, die aus Sicht der Überfallenen nur als Hohn aufgefasst werden konnten.
Ihm das übel zu nehmen ist lächerlich, Europa hätte längst selbst handeln müssen.

Ein später europäischer Versuch der Vermittlung ging kürzlich in die Hose. Einige Staaten wollten das eingefrorene Geld der Russen den überfallenen Ukrainern zukommen lassen. An sich keine schlechte Idee, wenn man sie umsetzen hätte können. Sie ist gescheitert, denn 200 Milliarden einzubehalten käme einer Kriegserklärung gleich.

Die Idee hatte dennoch Charme. Hätte Europa militärische Macht und würde den Eindruck erwecken, sie auch einzusetzen, dann würde sich die andere Seite ernsthafte Schritte überlegen. Macht dient auch der Abschreckung, was geflissentlich übersehen wird. Russisches Geld für den Wiederaufbau der Ukraine zu verwenden wäre dann durchgesetzte Schadenswiedergutmachung.

So machte man sich nur lächerlich, nun stemmt Europa einen Kredit über 90 Milliarden für die Angegriffenen. Dass dieser Kredit jemals zurückgezahlt wird, können nur Träumer glauben. Das Problem wurde wie gewohnt in die Zukunft verschoben und damit späteren Generationen aufgehalst, die nichts dafür können.

Der Kontinent der Heulsusen (NZZ) war und ist bis heute nicht in der Lage einzugreifen. Ob sich Trump Grönland holt oder Putin die Ukraine, mehr als Geschnatter kann Europa nicht beisteuern. Die Stimme Europas verhallt nicht in der Welt, sie reicht nicht einmal über seine eigenen Grenzen hinaus.

Im Mai 2024 fand ich einen Beitrag zum Doha-Forum über Geo-Politik in Katar. Über Amerikaner, Chinesen, Russen, die Türkei wurde spekuliert, wie sie sich im Gaza-Krieg verhalten würden. Über die EU fiel kein Wort.

Darauf angesprochen sagte ein Teilnehmer aus Katar – vorher war ihm wie den anderen Europa nicht aufgefallen – Europa sei schon wichtig, es werde eine Schlüsselrolle bei der Finanzierung des Wiederaufbaus spielen.

Wir sind also nicht vergessen, sobald andere das Terrain arrondiert haben, dürfen die europäischen Scheinwerfer kommen, denn alle wissen, dass sie ausreichend Scheine mitbringen.

Vonwegen Katar: die dortige Regierung hat, wie viele andere, die europäische Errungenschaft des Lieferkettengesetzes als Beleidigung aufgefasst und begonnen, laut über Gaslieferungen nachzudenken. Zum institutionalisierten Besserwissertum hat sogar ein mittelamerikanischer Staatschef deutliche Worte gefunden. Wenigstens dahingehend sind wir der Welt einigermaßen bekannt.

Von Claudia Major (Senior Vice President für Transatlantische Sicherheitsinitiativen des German Marshall Fund of the United States) lese ich: Europäer werden nicht gebraucht, werden nicht gefragt, spielen keine Rolle. Es ging dabei um den NATO-Gipfel, die Diagnose ist treffend.

Immerhin gab es den Gipfel. Die USA überlegen, das NATO-Kommando herabzustufen. Der Enthusiasmus der Amerikaner ist hinsichtlich Europa enden wollend. Sie halten uns für die Idioten mit dem Scheckbuch, kommentierte Vance.

Europa nicht schlechtreden verlangte einer, des es wissen muss. Die Probleme zu artikulieren fällt unter Schlechtreden. Ruhe ist erste Bürgerpflicht.

In Südamerika wurde unlängst der größte Hafen des Kontinents eröffnet, finanziert von China. In Brasilien entsteht die größte Brücke Lateinamerikas im Bundesstaat Bahia, mit chinesischer Investition. Vielleicht steuert Europa einen Radweg bei, sobald es das Projekt entdeckt hat.

Ab 01.01.2026 setzt China verbindliche Energieverbrauchsgrenzen für Elektroautos fest. Das ganze System muss optimiert sein, die Größe der Batterie zählt nicht. Als größter Elektroautomarkt hat China Gewicht. China produziert und reguliert danach, Europa reguliert und produziert nicht.

Wir regulieren gerade die sozialen Netzwerke. Sie sind in den USA entwickelt worden und werden dort betrieben. Haben und Nichthaben, nichts Neues. Wer nichts hat, weil er trotz ausgebildeter Fachleute und finanzieller Mittel nichts zuwege bringt, wird naturgemäß nicht ernst genommen.

Nun haben die Habenden einigen Regulierer:innen die Einreise verboten. Auch das ist Sache der Habenden. Aufregung darüber ist lächerlich.

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Reinhard Kocznar

Reinhard Kocznar ist Versicherungsmakler und lebt in Birgitz. Seit 30 Jahren selbständig, während 25 Jahren zweiter Beruf als Leiter eines Softwareentwicklungsteams und Systemadministrator. Als Schriftsteller hat er bisher 7 Bücher veröffentlicht, Krimis, Thriller, Erzählungen und Essays. Literarisch betreibt er den Online-Buchshop: https://books.kocznar.com . Leidenschaftlicher Fotograf, Sportschütze und Motorradfahrer.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Rainer Haselberger

    Solange in Europa 27 Nationaltrolle durcheinanderschnattern können, weil jeder mit seinem Veto die anderen in wichtigen Entscheidungen blockieren kann, wird Europa nicht an der Tafel sitzen, sondern auf dem Teller liegen! Ritualisierter Identitarismus, wie er in Europa gepflegt wird, ist niedlich, aber nicht effektiv.

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