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Reinhard Kocznar
Once Upon a Time in Österreich
Essay

Once Upon a Time in America ist ein bekanntes Gangster-Epos von Sergio Leone. Wie in Amerika üblich, löst man Probleme gern mit der Waffe. Österreich ist anders, das Mittel der Wahl ist die Hinterfotzigkeit. Mag diese Methode anderswo bestenfalls Kopfschütteln hervorrufen, hier wird sie sogar zum zivilgellschaftlichen Projekt geadelt.

Hier war einmal ein Politiker, der seinen Wählern versprach, die Politik zu machen, die sie von ihm erwarteten. Er wurde gewählt und begann als Bundeskanzler das Versprochene in die Tat umzusetzen. So weit, so demokratisch!

Er hatte damit aber österreichisches Neuland betreten. Zuerst empfanden das die Leute der eigenen Partei als befremdlich. Sie waren gewohnt, allen alles zu versprechen und möglichst die Ziele der Partei der Planetenretter:innen in ihr eigenes kaum erkennbares Programm zu integrieren.

Dass dieses Pudding-an-die-Wand-nageln zur Erosion der Wählerschaft geführt hatte, verstanden sie nicht. Die Partei wurde plötzlich von der Welt von gestern, dem Journalismus, noch weniger geliebt als zuvor. Weil die stärkste Antriebsfeder für politische Ämter nicht die Gier ist, sondern der Geltungsdrang, hatten sie damit ein veritables Problem. Das ständige Schrumpfen bei den Wahlen hat sie längst nicht so gestört.

Schlimmer erging es der Partei der irdischen Gerechtigkeit. Der Kanzler hatte sie ausgebootet. Wie wir schon seit dem Urteil des Paris wissen: Nichts bildet sich so schnell und hält so gut wie eine Koalition der Verlierer. Diese Koalition bildete sich nun zwischen der Gerechtigkeitspartei und den Planetenretter:innen. Auf dem Trittbrett fand sich noch Platz für eine kleine Neo-Partei, die vor allem wohlhabende Innenstadtbewohner bedient.

Diese Gruppe stellte zwar nicht die Mehrheit des Wahlvolks, hatte aber längst den sogenannten Diskurs unter ihre Kontrolle gebracht. Gelangte hin und wieder eine Meinung der nun schweigenden Mehrheit ans Tageslicht, holte man die Keule Spaltung der Gesellschaft hervor.

Im konkreten Fall brauchte man aber einen größeren Hammer!

Politisches Argumentieren hatte man verlernt, im Besitz der Wahrheit schien es auch entbehrlich. Es wäre auch unter der eigenen Würde gewesen. Ökonomischer schien der Weg über Verunglimpfungen und Anschuldigungen, die man rasch in die Welt setzen konnte.

Gesagt, getan! Jemand den gravierenden Vorwurf der Falschaussage zu machen, weil er ein vor längerer Zeit geführtes Gespräch nicht wortgetreu wiedergab, war schnell umgesetzt und brachte Schlagzeilen.

Als Glückstreffer erwies sich aber auch eine personelle Fehlentscheidung des Kanzlers, die nicht seine einzige gewesen war. Ein fachlich überforderter Spitzenbeamter hatte derart Spam mit seinen Chats verstreut, dass sich darin eine gekaufte Umfrage erkennen ließ.

Wozu der Kanzler diese Umfrage überhaupt gebraucht hätte, diese Frage stellte sich niemand mehr. Sein Sieg in den Wahlen war absehbar gewesen, der fehlbesetzte Spitzenbeamte längst als Irrlicht entlarvt.

Eine spezielle Staatsanwaltschaft nahm sich der Sache an, was unverzüglich in allen Zeitungen und im Fernsehen verbreitet wurde. Dass es sich nicht einmal um eine Anklage handelte, spielte keine Rolle. Die besagte Staatsanwaltschaft war bisher auch nicht durch erfolgreiche Verurteilungen aufgefallen, noch weniger ihrer Tätigkeiten hatten überhaupt zu Prozessen geführt. Der Beginn einer Untersuchung hatte jedoch regelmäßig dicke Schlagzeilen zur Folge, die Nachricht von häufigen Einstellungen, Jahre später, fanden sich nur mehr in kleinen, verschämten Notizen. Die Schicksale der Vorgeführten waren da allerdings längst besiegelt.

Das zivilgesellschaftliche Projekt Ibiza hatte schon wie eine Bombe eingeschlagen. Zwei Politiker waren in einen Hinterhalt gelaufen, was jemandem in einer derartigen Position nicht passieren darf. Dort hatten sie sich unsterblich blamiert und dauerhaft aufs Abstellgleis manövriert. Mit ihren Rücktritten wäre die Sache erledigt gewesen, hätten nun nicht die Zukurzgekommenen der eigenen Partei den Kanzler genötigt, seinen Koalitionspartner zu demütigen. Damit war auch die Koalition erledigt.

Zu viel Höhensonne hatte dem stimmenbringenden Kanzler zugesetzt. Nachdem er die allererste Option mit der Partei der irdischen Gerechtigkeit verspielt hatte, war jetzt auch die zweite Option verbrannt. Es blieb nur mehr die Partei der Planetenretter:innen übrig. Entsprechend schwach war seine Position in den Verhandlungen, es war ja niemand sonst mehr da.

Er überließ seinen Partnern sogar das Justizministerium, was in der eigenen Partei niemanden störte. Juristischen Verstand hat es dort ohnehin nie gebraucht, hatte man doch immer mit der Partei der irdischen Gerechtigkeit geklüngelt. Die anfallenden Bestellungen von Höchstrichtern nahm man nicht weiter ernst und verschenkte gleich zwei davon an die Planetenretter:innen.

Der folgende Rücktritt des Kanzlers machte die Jagdgesellschaft indes nicht glücklich, so kochte sie eben das bekannte Irrelevante unverdrossen weiter neu auf. Prost, Mahlzeit.

Dass der Kanzler mit den Bünde-Bonzen nicht glücklich gewesen war und alle Mitarbeiter neu auswählte, war an sich das einzig Richtige. Leider zeigte sich dabei, dass er keine Hand für die Personalauswahl hatte. Dieser Mangel war nicht reparabel.

Ein gewisser Niccolo Machiavelli, dessen Schriften heute als machiavellistisch verrufen sind und im Gegensatz zu Tal Silbersteins Empfehlungen zu selten angewandt werden, beginnt das Kapitel XXII seines Buches Der Fürst, folgendermaßen:


Von vertrauten Mitarbeitern, die die Herrscher in ihrer Umgebung haben.

Von nicht geringer Wichtigkeit für einen Herrscher ist die Auswahl seiner Mitarbeiter. Ob diese gut oder schlecht sind, hängt von der Klugheit des Herrschers ab. Der erste Eindruck, den man sich von der Intelligenz eines Herrschers macht, wird durch die Männer in seiner Umgebung bestimmt. Sind diese fähig und treu ergeben, so kann man ihn stets für klug halten, weil er es verstanden hat, deren Fähigkeit zu erkennen und sich ihre Ergebenheit zu erhalten. Sind sie es aber nicht, so kann man sich immer ein ungünstiges Urteil über den Herrscher bilden; denn der erste Fehler, den er begeht, ist diese Auswahl.

und weiter…

Es gibt drei Arten der Intelligenz: die eine versteht alles von selber, die zweite vermag zu begreifen, was andere erkennen, und die dritte begreift weder von selber noch mit Hilfe anderer. Die erste Art ist hervorragend, die zweite gut und die dritte unbrauchbar.

Das Ergebnis ist bekannt. In aktuellen Umfragen wird die Partei statt an der ersten nun an dritter Stelle gehandelt. Die Erfolglosen sind wieder unter sich, sie haben, was sie wollten – ihre Ruhe. Wenn die Sonne tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.

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Reinhard Kocznar

Reinhard Kocznar ist Versicherungsmakler und lebt in Birgitz. Berufliche Laufbahn: LKW-Fahrer, pragmatisierter Postbeamter, Bankkassier, Geschäftsführer in einem Nachtlokal, dann im Reifenhandel, anschließend Tätigkeit in der Versicherung, zuletzt als Direktor. Seit 30 Jahren selbständig als Versicherungsmakler, während 25 Jahren zweiter Beruf als Leiter eines Softwareentwicklungsteams und Systemadministrator. Als Schriftsteller hat Kocznar bisher 7 Bücher veröffentlicht: Krimis, Thriller, Erzählungen und Essays. Literarisch betreibt er den Online-Buch-Shop: www.hardboiled-krimis.com.

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