Reinhard Kocznar
„Die Stunde der Komödianten“
Wenn sie nur zu Ende ginge!
Analyse

Graham Greenes Roman Die Stunde der Komödianten spielt in einem längst untergegangenen Staat, der trotz seines Untergangs bis heute weiter existiert. Er spielt nur keine Rolle mehr. Die Komödianten spielen ihre Rollen in der Art, wie sie sich sehen.

Der Protagonist ist soeben aus den USA zurückgekehrt. Er hat vergeblich versucht, sein Hotel zu verkaufen, in das sich unter der Terrorherrschaft des Diktators François Duvalier, genannt Papa Doc, keine Gäste mehr verirren. Seine Geliebte ist die Gattin eines Diplomaten, der weiß, dass er nicht mehr tiefer sinken kann als auf seinem Posten hier in Haiti. Ein gescheiterter Glücksritter, angeblich Major, pendelt zwischen Knast und Bordell, je nachdem, wie ihn die gefürchtete Geheimpolizei Tontons Macoutes gerade einschätzt. Ein gescheiterter amerikanischer Präsidentschaftskandidat versucht, die Regierung zu bestechen, um fleischliche Genüsse durch die Segnungen des Vegetarismus zu ersetzen.

Im Vergleich zu den Menschen in ihrer Umgebung sind sie privilegiert, sogar der falsche Major, wenn er zwischendurch im Gefängnis sitzt. Kapitän Concasseur von den Tontons Macoutes bringt sie alle unsanft auf den Boden der Wirklichkeit. Die ist leicht zu überblicken, denn da ist nichts. Der Hotelier ist den Rest seiner Reputation los, der Major kann im letzten Augenblick fliehen, der vegetarische Prophet fliegt desillusioniert nach Hause. Ringsum bleibt alles, wie es war.

Wer den Comedians, wie das Buch im Original heißt, in Echtzeit zusehen will, hat das Angebot live verfügbar. Die Rolle des Kapitän Concasseur spielt in der sich gnadenlos präsentierenden Gegenwart ein Präsident, den es nach Meinung der des guten Willens Teilhaftigen gar nicht geben darf, den es aber dennoch gibt. Er wurde sogar mit überzeugender Mehrheit gewählt und agiert unangefochten.

Agieren statt re-agieren? Darf er das? Er bespricht sich unautorisiert mit dem Präsidenten einer aggressiven kriegführenden Macht und ignoriert den Kontinent, auf dem der Krieg stattfindet. Er staucht sogar noch den Präsidenten des attackierten Landes vor den Augen der Öffentlichkeit zusammen. Natürlich ist das im höchsten Maß ungustiös, aber so sind die Fakten. Das Beschimpfen des Unerreichbaren macht die Sache nicht besser, im Gegenteil nur lächerlich. Komödiantisch eben.

Europa und seine Gemeinschaft der Werte werden nicht einmal mehr ignoriert. Es beschäftigt sich mit dem ständigen Finden neuer unterprivilegierter Kasten, die des Schutzes bedürfen. Es bemüht sich nun zaghaft, den Green Deal abzuwracken, der die Wirtschaft des Kontinents noch weiter ins Hintertreffen geführt hat.

Das Lieferkettengesetz, eine postkoloniale Attitüde, wird ebenso zaghaft ein wenig gestutzt, leider nicht einfach abgeschafft, wie es richtig wäre. Es belastet die Wirtschaft mit noch mehr Bürokratie, schafft nutzlose, aber gut bezahlte Posten für Kontrolleure und beleidigt die Lieferanten am anderen Ende der Kette.

Dort, am anderen Ende der Kette, liegt das, was man hierzulande in besseren Zeiten nachsichtig als Dritte Welt bezeichnet hat. Wirtschaftlich hat sie die frühere erste Welt abgehängt, mit Ausnahme der USA natürlich.

Kritik des unerwartet gewählten Präsidenten und seiner Leute wird empört zurückgewiesen. Dabei vergisst man problemlos, dass aus Europa Belehrungen, auch in beleidigender Form, eben noch an der Tagesordnung waren.
Trump braucht Europa, habe ich hier gelesen. Pfeifen im Dunkeln. Er verständigt sich mit Russland, aus der Position der Stärke, denn anders ist es überflüssig. Russland wird eine Weltmacht bleiben, keine freundliche, und Lichterketten werden es nicht beeindrucken. Das Schimpfen über Putin gehört zur gewohnten Peinlichkeit. Wäre es nicht Putin, dann wäre es eben ein anderer. Russland war schon unter den Zaren auf Expansion eingestellt.

Der Dritte im Spiel ist China, der Rest ist Staffage. Europa zählt nicht mehr, das hat es in seiner Selbstgefälligkeit herbeigeführt. Während Europa Radwege in Peru finanziert hat, wurde in diesem Land der größte Hafen Südamerikas eröffnet, finanziert und gebaut von China.

Ich suche noch eine politikwissenschaftliche oder soziologische Analyse, welche dieser Maßnahmen das Leben der Menschen dort besser unterstützt.

Nun entdeckt man, dass man nicht nur bedeutungslos, sondern auch praktisch wehrlos ist. Der britische Premier Starmer, der wie sein konservativer Vorgänger auch nicht in die EU zurückkehren will, verspricht Truppen für die bedrängte Ukraine, hat aber so gut wie keine mehr. Er hat aber einen vernünftigen Plan. Die Entwicklungshilfe wird mehr als halbiert und das frei werdende Geld in die Rüstung gesteckt.

Ob das reicht bleibt allerdings offen.

Auch Milliarden für Waffen schaffen keinen Wehrwillen, lese ich in einer deutschen Zeitung und weiter: …Für welches Vaterland soll man kämpfen, wenn es nur ein grenzenloses Gebilde mit Afghaneneinflug ist? Mit der Abschaffung der Begriffe Volk und Nation seit 2015 bleibt vom „Staat“ nur eine administrative, verunsicherte Blase.

In Deutschland hat das grüne Außenministerium in der ersten Woche nach der Wahl wieder zwei Charterflüge arrangiert. 36.000 Afghanen wurden in wenigen Jahren direkt eingeflogen, um ihnen die Mühe der Anreise zu ersparen. Die gelegentlichen Abschiebeflüge mit zu diesem Zweck bezahlten Insassen wirken dazu fast lächerlich.

Es ist nicht überraschend, dass in einer kürzlich durchgeführten Umfrage 60% der Deutschen nicht willens sind‚ ihr Land mit der Waffe zu verteidigen. Das wird im übrigen Europa nicht anders sein.

Die Ersten kommen nun drauf, dass überdies amerikanische Waffen nur funktionieren, wenn es die von den USA entwickelte und gelieferte Software zulässt, gleichgültig, wer dort gerade Präsident ist. Ägypten hat deshalb schon begonnen, französische Flugzeuge in Betrieb zu nehmen und verhandelt mit den Russen über weitere.

Um Software braucht man sich allerdings hierzulande keine Sorge zu machen. Entwickelt wird sie sowieso drüben, die Kommission ist wachsam und reguliert sie. Darin sind wir Weltmeister.

Graham Greene: Die Stunde der Komödianten. Roman, ‎ Zsolnay. Wien 1966, 29,88 Euro

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Reinhard Kocznar

Reinhard Kocznar ist Versicherungsmakler und lebt in Birgitz. Seit 30 Jahren selbständig, während 25 Jahren zweiter Beruf als Leiter eines Softwareentwicklungsteams und Systemadministrator. Als Schriftsteller hat er bisher 7 Bücher veröffentlicht, Krimis, Thriller, Erzählungen und Essays. Literarisch betreibt er den Online-Buchshop: https://books.kocznar.com . Leidenschaftlicher Fotograf, Sportschütze und Motorradfahrer.

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