Reinhard Kocznar
Alpenländisches Anspruchsinspektorat
Nicht antworten ist berechtigte Notwehr.
Notizen

Michael Caine erklärt in seinem Buch Weniger ist mehr einen Mechanismus in Hollywood: In Hollywood gibt es die A-Kategorie und die B-Kategorie. Die B-Kategorie wird von der A-Kategorie nicht eingeladen, weil sie immer nach Jobs fragen. Er selbst wird eingeladen, schreibt er, er gehört zur Fun-Kategorie. Er hat eine schöne Ehefrau, ist unterhaltsam und – fragt nicht nach Jobs.

Er schrieb das Buch als längst etablierter Star. Von Ansprüchen ist darin nicht die Rede, aber etliches über genaues Arbeiten, wozu er auch scheinbar banale Dinge zählt, etwa das Set vorher anzuschauen, auf dem er auftreten wird, Verlässlichkeit und dergleichen. So erhält man neue Jobs, meint er.

Was er nebenbei über die Rampe bringt, bei einem Schauspieler darf das so gesagt werden, ist Understatement. Kein Wunder, dass er nie durch Exzesse aufgefallen ist, wie sie bei manchen Berühmtheiten scheinbar dazuzugehören haben.

Den Anspruch, Ansprüche erfüllt zu bekommen, überlässt er anderen. Kein Wunder, dass sie nicht erwähnt werden. Ein Text lässt sich auch lesen, indem man darauf achtet, was nicht gesagt wird.

Vor kurzem wurde in diesem Blog bemängelt, dass viele Leute nicht oder nicht mehr antworten. Da wäre etwa der Schriftsteller, der sich der Mühe unterzieht, 30 Verlagen seinen Text zu schicken und sich ärgert, dass er keine Antwort erhält.

Mit noch weniger Mühe wäre die Antwort schon beim Durchsehen der Verlagshomepages zu finden gewesen. Wenn auf unaufgefordert eingesandte Manuskripte nach etwa zwei Monaten keine Antwort kommt, ist das als Ablehnung zu verstehen, so steht es in all diesen Seiten.

Vor einiger Zeit hat mir ein Verleger gesagt, dass in jeder Woche hunderte Texte einlangten. Oh weh, war meine Antwort, da ist wohl die Hälfte Mist. Die Hälfte – ha – antwortete er, 90 Prozent, wenn es reicht.

Den Verwaltungsaufwand konnte ich mir leicht vorstellen, all das zu lesen und zu beantworten. Vor 15 Jahren fragte mich die Programmleiterin anlässlich des Erscheinens eines meiner Bücher, ob ich wisse, wie viele deutschsprachige Bücher in diesem Halbjahr herauskommen. Ich hatte keine Ahnung, sie sagte: 60.000.

60.000 im Halbjahr, inzwischen sicher erheblich mehr, waren unter den 10 Prozent Einreichungen gewesen, die nicht offensichtlich unbrauchbar waren.

Wären die 10 Prozent der Einsendungen, die einer näheren Betrachtung wert waren, allesamt veröffentlicht worden, was unrealistisch ist, dann hätte es im Halbjahr 540.000 formelle und natürlich freundlich gehaltene Ablehnungsschreiben erfordert. Keine Antwort zu geben fällt somit unter Selbsterhaltung.

Ein anderer hat eine Ausbildung abgeschlossen und zusätzlich einen Kurs gemacht, um Bewerbungsschreiben zu verfassen. Auf 30 Bewerbungen kommt keine Antwort. In seinem Buch Manager müssen managen erwähnt der später sehr erfolgreiche Manager Harold Geneen, dass er einen Kurs über Buchhaltung absolviert und anschließend 300 Bewerbungen verschickt habe. Nachdem er an die 5 Antworten erhalten hatte, meinte er, habe er sich keine Sorgen mehr gemacht.

Er diente sich hoch, damals sagte man dazu Ochsentour, und wurde als erfolgreicher Manager so bekannt wie Michael Caine in seinem Fach.

Keine Antwort zu geben ist sicher für die Absender frustrierend, aus Sicht der anderen Seite aber durchaus verständlich. Bei Bewerbungen kommt hinzu, dass eine ungeschickt formulierte Ablehnung auch noch mit Prozessen garniert werden kann, wenn sich wieder der eine oder die andere in ihren Gefühlen verletzt sieht.

In John Fords Meisterwerk Der schwarze Falke, englisch The Searchers, von dem Leute wie Martin Scorsese oder Quentin Tarantino sagen, dass sie ihn jedes Jahr einmal ansehen, gibt es eine Szene, in der eine Farm weit draußen Besuch bekommt. Der Farmer erhält einen Brief, er schaut ihn an und ruft zu seiner Frau: Zwei Briefe in einem Jahr, das ist heuer schon der zweite Brief!

Natürlich war das die Zeit handgeschriebener Briefe, die man jemandem mitgab, der zufällig dorthin unterwegs war, ein Zustand, der bald wieder herrschen wird. Es war auch diese Zeit, in der etwa 10 Prozent lesen und schreiben konnten, zugleich die Periode der Entdeckungen und des Fortschritts. Sollte sie wiederkommen, was bei dem immer flacher werdenden schulischen Unterricht nicht ausgeschlossen ist, muss man sich auch dahingehend keine Sorgen machen.

Von einer Reizüberflutung konnte damals nicht die Rede sein, wohl aber heute. Unaufgeforderte Nachrichten zu blocken oder ins Leere laufen zu lassen, ist mittlerweile eine Überlebenstechnik. Ginge man auf alles ein, wäre man den ganzen Tag über beschäftigt und vollkommen fremdgesteuert.

Die Lösung hat Otto Grünmandl schon vor Jahren präsentiert, sie wurde seinerzeit offenbar verkannt. Es war sein Alpenländisches Inspektoreninspektorat, das man als Anspruchsinspektorat wiederbeleben könnte.

Mit KI, dem Refugium aller, die keine eigenen Einfälle haben, ließe sich das digitalisieren und automatisieren. Ausgebliebene Antworten könnten von diesem Inspektorat ersetzt und der Anspruch des/der jeweiligen Anspruchsteller:in zertifiziert werden.

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Reinhard Kocznar

Reinhard Kocznar ist Versicherungsmakler und lebt in Birgitz. Seit 30 Jahren selbständig, während 25 Jahren zweiter Beruf als Leiter eines Softwareentwicklungsteams und Systemadministrator. Als Schriftsteller hat er bisher 7 Bücher veröffentlicht, Krimis, Thriller, Erzählungen und Essays. Literarisch betreibt er den Online-Buchshop: https://books.kocznar.com . Leidenschaftlicher Fotograf, Sportschütze und Motorradfahrer.

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