Regina Hilber
Simple Neruda
Ein lyrischer Roadtrip durch Chile

Zwei Monate war die Autorin in Chile auf Recherchereise, nun ist ihr Gedichtband erschienen, der das archaische Land von Nord bis Süd über Tausende Kilometer beschreibt. Der Lyrikband ist eine Reminiszenz an den chilenischen Dichter Pablo Neruda und zugleich eine Erinnerung an die indigene Mapuche-Gemeinschaft, die in Wallmapu diesseits und jenseits der Anden lebt.


Hoy y no mañana
Heute und nicht morgen

schlafender Vulkan
Lonquimay & Calbuco
zwei Sekunden vor Eruption
so ist Chile
Tag für Tag
& doch
können Jahre vergehen
bis Lava strömt
aus eitrigen Wunden

schnell verkrustet
der Schorf
an der Oberfläche kein Halt

Machoreihen in schwarzen Uniformen
am Bahnhof Santiago an dem nur zwei Züge
verkehren
der ganze Vorplatz mit Zäunen verrammelt
irre ich drinnen nach einem Ausgang

im Schweigen hinter den schwarzen
Masken liegt Angst
nicht Macht

das andere Ende der Welt
ist überall

hysterisches Europa
zorniges Kleinkind aus
dem Schlaf gerissen
paranoide Republikaner vereinigt mit
den rasselnden Rolands unserer
Zeit
Faschisten und
Verschwörungstheoretiker

 

für zwei Sekunden war die
westliche Zukunft weiblich

Feudalismus
Rechtsnationalismen & KI
steuern dagegen
fangen uns ein wie ausgebüxte
Kühe
Mutterkühe
jede Regung ein Kalb

Frauen als
Gegenstand
wir werden gehasst
von Millionen Konsumenten

lebende Brutkästen &
Melkmaschinen:

dorthin kehren Frauen zurück

zu Kaffee mit Hafer und
Soja

alles wird uns vertraut sein:
das Tau mit dem sie uns
binden
das tägliche Heu
für Bertha & Rosa

Margret Atwoods Dystopie
wird keine fantastische Geschichte
bleiben
ein Report der Magd
ohne Kostüme während
unsere Geschlechter
sich unaufhaltsam angleichen

Schneckenwesen werden wir
sein uns gegenseitig
auffressen hungern nach
neuen Kriegen
& noch mehr Gewalt
unisexuelle Appetithäppchen

wir hassen uns schon jetzt
Mann gegen Frau
Frau gegen Mann
wir brauchen mehr Waffen


Am 19. Mai 2026 – 19:00 wird die in Wien lebende Autorin mit Tiroler Wurzeln den Gedichtband im Turmbund Innsbruck präsentieren.
Turmbund-Literaturzentrum, Müllerstr.3/I, 6020 Innsbruck / www.turmbund.org
Moderation: Josef Paul Beneder

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Regina Hilber

Regina Hilber, geb. 1970, lebt als freie Autorin in Wien, schreibt Essays, Erzählungen sowie Lyrik. Sie ist auch als Publizistin und Herausgeberin tätig. Zuletzt erschienen ihre gesellschaftskritischen Essays in Lettre International, Literatur und Kritik und in der Zwischenwelt. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, ihre lyrischen Zyklen in mehrere Sprachen übersetzt. Zahlreiche Einladungen zu internationalen Poesiefestivals und geladenen Schreibaufenthalten in ganz Europa. 2017 war sie Burgschreiberin in Beeskow/Brandenburg. Buchpublikationen zuletzt: Palas (Edition Art Science, 2018) und Landaufnahmen (Limbus Verlag, 2016). 2018 gab sie die zweisprachige Anthologie Armenische Lyrik der Gegenwart — Von Jerewan nach Tsaghkadzor (Edition Art Science) heraus.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. c. h. huber

    dieses gedicht ist äußerst interessant! man sollte sich die lesung nicht entgehen lassen, denke ich.

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