Regina Hilber
Nachtgestalten in Czernowitz
Bericht

Dunkelheit empfängt uns am nächtlichen Czernowitzer Bahnhof bei der Ankunft unseres Zuges kurz vor Mitternacht. Noch finsterer erstreckt sich die Gagarina Straße vor dem Bahnhof, den Hügel hinauf, zur Stadtmitte. Die Finsternis am städtischen Bahnhof irritiert. Männer mit strengen Mienen in dunklen Jacken säumen den unbeleuchteten Bahnhofsvorplatz. Alle sind sie im selben Alter: Fünfzig genau.

Auf wen warten sie? Werden Geschäfte ausverhandelt um Mitternacht? Bis frühmorgens um fünf Uhr zwanzig der erste Schnellzug die Pendler Richtung Lwiw bringt, wird kein Zug mehr halten an diesem Endbahnhof, der nirgendwo hinführt, außer dahin zurück, von wo er gekommen war. Wir treten an ein Taxi heran. Aber nur zögerlich willigt der Taxifahrer ein, uns zu fahren. Wollte er gerade seine Schicht beenden? Ein anderer Taxifahrer erklärt ihm den Weg zu unserem Hotel, von dem er noch nie gehört hat. Ein Hunderudel streift um unsere Beine, während wir unser Gepäck selbst in den Kofferraum laden (müssen). Eine der Hündinnen lahmt an beiden Hinterbeinen.

Das Schwarz des Bahnhofsvorplatzes setzt sich im Wageninneren des Taxis fort. Kein Lämpchen funktioniert. Wir lassen uns fallen in das dunkle Loch und hoffen, auf einem weichen Untergrund zu landen. Die Bettruhe will angetreten werden nach der Fahrt durch stockdunkle Landschaften.

Dem zu Lebzeiten so populären Schriftsteller Karl Emil Franzos zufolge haben wir nichts verpasst: Sterben könne man vor Langeweile während der Fahrt mit der Carl Ludwig-Bahn durch die eintönigen Landschaften Galiziens, so schrieb er in seinen bereits erwähnten Culturbildern:

Nach einer Stunde hält der Zug im Bahnhofe zu Czernowitz.
Prächtig liegt die Stadt auf ragender Höhe.
Wer da einfährt, dem ist seltsam zu Muthe:
er ist plötzlich wieder im Westen, wo Bildung,
Gesittung und weißes Tischzeug zu finden.

Kurz vor der Einfahrt am Czernowitzer Bahnhof hatten wir den Fluss Pruth überquert, konnten ihn aber wegen der Dunkelheit nur erahnen. Die im wahrsten Sinne des Wortes finstere Ankunft kann vielleicht kompensiert werden im einfachen Hotel Magnat Lux, wo wir zwei Zimmer für zwei Nächte gebucht haben. Wie viele Großindustrielle bzw. wie viel Licht, werden uns dort empfangen? Weder Lux noch ein Magnat sind erwartungsgemäß in einem Hotel am südlichsten Zipfel der Westukraine vorzufinden. 

Die junge Rezeptionistin muss zu unserer Überraschung ausfindig gemacht werden hinter dem viel zu hohen Tresen. Erst auf den zweiten Blick ist sie zu erkennen. Der Tresen reicht uns fast bis zum Hals, wir beugen uns auf Zehenspitzen gestellt darüber und finden weit darunter sitzend ein freundliches Wesen vor mit blondem Haar, hellen, leuchtenden Augen, glänzender, ja, strahlender Haut, noch keine Frau, aber auch kein Mädchen mehr, das den Nachtdienst erst vor kurzem angetreten haben muss. Gäbe es noch Fräuleins im deutschen Sprachgebrauch, sie wäre ein Fräuleinengel, der das finstere Czernowitz erleuchtet.

Der Einfluss bukowinischer wie bukolischer Lektüre während der langen Zugfahrt lässt sich bei der Verschriftung von Zeilen wie diesen nicht leugnen. Ich denke an Irmgard Keuns wunderbar beschwingten Zeitroman Das kunstseidene Mädchen, in dem die achtzehnjährige Hauptprotagonistin Doris, eine Stenotypistin, die lieber Schauspielerin in Berlin werden und ein Glanz sein will.

Zimmer Nr. 1 und Nr. 2, оди́н und два!, sagt die junge Rezeptionistin bedeutungsvoll und legt die Schlüssel mit festem Druck auf den hohen Tresen, wofür sie sich vom Sessel lösen und aufstehen muss. Viel gereist war ich all die Jahre, aber Zimmer Nr. 1 wurde mir noch nie zugewiesen. Die nackte Eins evoziert in mir sofort ambivalente Gefühle.
Zimmer Nummer 1 also und weder eine Null davor, noch eine 1. 0. 1. zum Beispiel, um das erste Stockwerk zu markieren. Schlicht die Zahl 1 ist auf dem Schlüsselanhänger aus Messing eingraviert. 

Ich fühle mich unbehaglich mit dieser Nr. 1. Beide Zimmer, die 1 und die 2, liegen gleich neben der Rezeption und dem lärmenden Getränkeautomaten im Erdgeschoß. Berliners, meines Begleiters Zimmerwand und den viel zu hohen Rezeptionstresen trennen gerade mal eineinhalb Meter. Ich denke an Berliners Schnarchen, das die junge Rezeptionistin wach halten wird während ihrer Nachtschicht. Die Wände sind sehr dünn, den losen Putz hält eine Raufasertapete zusammen.

Beim Anblick meines Zimmers verfalle ich in einen stummen Heulkrampf, er ist vorwiegend der Müdigkeit geschuldet, während Berliner stoisch die Wodkaflasche zückt. Ich ahnte es, die Eins bringt Unheil. Ich nehme eine paar Schlucke aus der Flasche, stehend, dann versuche ich, das WLAN am Handy zu aktivieren und setze mich dabei auf das Bett. 

Die Matratze gibt ein knirschendes Geräusch von sich. Bettwäsche, Daunendecke und Kissen lassen auf ein beachtliches Alter schließen. Die Kissenfüllung knirscht ebenso, fühlt sich sandig und klumpig an, gibt aber kaum nach. Definitiv keine Federfüllung, auch keine Schaumfüllung. Der Schlaf wird einfach noch weiter aufgeschoben, versuche ich mich zu beruhigen. 

Gekürzter Ausschnitt aus dem Essayband AM RANDE. Zwischenaufnahmen aus der Mitte Europas, Verlag Theodor Kramer, 2024



Buchpräsentation von Regina Hilber: Am Rande – Zwischenaufnahmen aus der Mitte Europas
Ort: Turmbund-Literaturzentrum – Müllerstr.3/I – Innsbruck
03. November 2025 – 19:00

Regina Hilber liest aus ihrem Essayband, der bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse eine Shortlist-Nominierung erhielt für den Ilse-Schwepcke-Literaturpreis.

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Regina Hilber

Regina Hilber, geb. 1970, lebt als freie Autorin in Wien, schreibt Essays, Erzählungen sowie Lyrik. Sie ist auch als Publizistin und Herausgeberin tätig. Zuletzt erschienen ihre gesellschaftskritischen Essays in Lettre International, Literatur und Kritik und in der Zwischenwelt. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, ihre lyrischen Zyklen in mehrere Sprachen übersetzt. Zahlreiche Einladungen zu internationalen Poesiefestivals und geladenen Schreibaufenthalten in ganz Europa. 2017 war sie Burgschreiberin in Beeskow/Brandenburg. Buchpublikationen zuletzt: Palas (Edition Art Science, 2018) und Landaufnahmen (Limbus Verlag, 2016). 2018 gab sie die zweisprachige Anthologie Armenische Lyrik der Gegenwart — Von Jerewan nach Tsaghkadzor (Edition Art Science) heraus.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Regina Hilber

    Liebe Leserin,
    diese Recherchereise wurde 2017 angetreten, als die Krim und Gebiete in Donezk und Luhansk bereits von Russland okkupiert waren. Der Großangriff auf die gesamte Ukraine erfolgte erst einige Jahre später, aber bereits 2017 war den Ukrainern klar, dass es einen großen Krieg geben würde.

  2. Susanne Preglau

    Für mich stellt sich bei diesem Beitrag eine dringende Frage: Ist diese Reise in die Ukraine vor oder nach dem russischen Einmarsch im Februar 2022 erfolgt?
    Falls danach, ist eine Verdunkelung im Bahnhofsbereich wohl der Abwehr von Angriffen aus der Luft zuzuschreiben. Und eine Reise zur Beschreibung der Stimmung vor Ort, ohne auf den Kriegszustand einzugehen, wohl mehr als unpassend.

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