Regina Hilber
Bar Centrale
Der Klang von Espressotassen
Italophile Impressionen
Noch hallt das dunkle Klirren der dickwandigen Espressotassen auf dem Marmortresen der Bar Centrale in meinen Ohren, ein Klang, der ausschließlich in einer italienischen Bar diesen unverkennbaren Ton erzeugen kann. Die Tassen sind aus dickwandigem Porzellan oder Steingut. Der Tresen besteht stets aus dickem Marmor, der Boden des Lokals ist mit echtem Terrazzo überzogen, der Grundriss der Bar langgezogen und schmal, die Rückwand mit den Regalen für Gläser und Tassen mit Spiegeln ausgekleidet. Nur dann durchdringt dieser eine dumpfe Klang die italienische Bar, die ein Stehcafé ist.
Laut und klirrend muss sich das Abstellen der dicken Espressotasse auf dem Marmortresen anhören. Für den hellen, lichten Klang dazwischen sorgt der winzige Espressolöffel auf der Untertasse, während der Barista schon die nächsten Untertassen lauthals auf den Marmortresen knallt. Vielleicht muss auch die Luft ein wenig flirren von der Hitze, aber da wäre schon die Grenze zur Fantastik überschritten, eine Fantastik wie sie auch in Tommaso Landolfis wunderbaren Erzählungen über genau jene Landstriche im Süden Lazios beschrieben wird.
Das ist für mich das Italien, das ich liebe: ein Klang, ein Ton, eine Farbschattierung. Aber darf man ein Land vorbehaltlos lieben für derlei hedonistische Anreize? Ich bin italophil. Laut Duden bedeutet das: Italien, seinen Bewohnern und seiner Kultur besonders aufgeschlossen gegenüberzustehen.
Von all meinen Lieben ist die Liebe zu Italien die beständigste. Für keinen Menschen konnte ich je diese bedingungslose Hingabe aufbringen. Und kein mehr als umstrittener Politiker, kein Silvio Berlusconi, kein Giulio Andreotti, auch kein Matteo Salvini, nicht die desaströsen Infrastrukturen im Süden, nicht das desolate Gesundheitswesen oder die enorme Staatsverschuldung, ja nicht einmal die mafiösen Strukturen, die sich über das ganze Land ziehen, konnten diese meine Liebe für Italien bislang schmälern.

Sobald ich das laute Klappern der dicken Espressotassen auf den Marmortresen in den Bars höre, ist es um mich geschehen. Vergessen sind dann die chaotischen Zustände in Roms Untergrundbahnen, vergessen sind all die Ticketautomaten, die entweder außer Dienst sind, oder keinen Geldschein, den man gerade dabeihat, annehmen, oder keine Münzen akzeptieren und aus unerklärlichen Gründen unten wieder herausfallen, oder keine Kartenzahlung zulassen, nachdem man mehr als eine halbe Stunde lang in der Schlange gestanden hatte, um überhaupt erst an den einzigen funktionierenden Automaten heran zu kommen.
Dann trete ich entnervt, aber mit Liebe im Herzen, die schmutzige Treppe hinauf auf die Piazza, höre das Knattern der unzähligen Vespas, die nur in Italien diesen wohlklingenden Sound haben, während mir das Motorengeräusch der Mopeds in anderen Ländern in den Ohren schmerzt. Alles ist wieder gut. Gegen diese Liebe sei kein Kraut gewachsen, allen politischen Begleiterscheinungen und darniederliegenden Infrastrukturen zum Trotz.
Ich liebe das spätnachmittägliche Augustlicht auf den ockerfarbenen Renaissancefassaden in Bologna oder Ferrara, ich kann nicht anders, als das Zirpen der Zikaden anzubeten, nachmittags um drei, wenn ich unter dem Laubengang eines Palazzos sitze und hinausblicke auf die Piazza, während der schöne Terrazzo von Müll bedeckt ist. Der Duft der Pinien überdeckt den Gestank des Mülls, macht ihn unsichtbar. Kein Makel, der nicht von einer anderen Schönheit wieder aufgewogen wird. Und hier oben in den Lepinischen Bergen werden neben der herrlichen Landschaft auch noch die ciambelline, die typischen Weinkringel (Kekse mit einem Schuss Rotwein oder Weißwein und Anis) zum café serviert.
Diese bedingungslose Hingabe wirft Fragen auf: Wie kann ich all die verheerenden Strukturen, die es in Italien gibt, ausblenden, während ich die frisch gebackenen ciambelline mit Anis in den Espresso tauche, die die padrona höchstselbst aus der Küche bringt? Vielleicht, weil jede Liebe eine Anbetung ist an das rückgespiegelte Selbst.

Aus:
Regina Hilber: Am Rande. Zwischenaufnahmen aus der Mitte Europas. Verlag Theodor Kramer 2024.
Literarische Erkundungen der Ferne
mit Regina Hilber und Karin Ivancsics
Literaturhaus am Inn Mittwoch, 08.04.2026, 19:00 Uhr
Ein Abend der literarischen Erkundungen der Ferne im Literaturhaus INNSBRUCK.
Der mehrfach prämierte Essayband Am Rande der (nach vielen Jahren in Tirol) nun in Wien lebenden Autorin Regina Hilber versammelt Zwischenaufnahmen aus der Mitte Europas. Ihre Texte über Przemyśl, Czernowitz, Ferrara oder Triest sind geprägt von gesellschafts- und kulturpolitischer Wachsamkeit, stellen Bezüge der Literaturgeschichte her und heben halbvergessene jüdische Namen aus dem Schatten ans Licht. Ein Wiederaufleben der essayistischen Flaneurliteratur.
Die Wiener Autorin Karin Ivancsics wird aus ihrem aktuellen Buch Sansibar (Milena 2025) lesen.
Moderation: Erika Wimmer Mazohl
Literaturhaus am Inn; Josef-Hirn-Straße 5, 6020 Innsbruck
www.literaturhaus-am-inn.at
Portrait Hilber Fotorechte: POPRAD
Cover: Leander Kaiser
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

ja, entweder liebt man italien mit all seinen schwächen oder unsinnigkeiten, oder nicht. da kommt man nicht aus!