Regina Hilber
Bad Gastein
31. Dezember 2025
Eine Empörung/Entpörung
Das Gegenteil einer Empörung mündet immer nur in den Verlängerungsarm eines ursprünglichen Übels. Meine Versuche zur Entpörung sind daher zum Scheitern verurteilt. So simpel ist das. Und als Schriftstellerin weiß ich dieses Mal wirklich nicht, wohin mich dieser Text führen wird.
Der Regisseur und Autor David Schalko nennt seinen literarischen Entpörungsversuch über jenes topographische Ärgernis im Pongau Bad Regina. Das 2021 bei Kiepenheuer und Witsch erschienene Buch steht für das reale Geschwür Bad Gastein.
Über Salzburgs Landesgrenze hinaus gibt es bestimmt weitere Tourismussünden, aber das, was Bad Gastein seinen Besuchern zumutet, ist unschlagbar. Exakt über Weihnachten durften wir dieses Schauspiel als Darsteller erleben und sei es nur, um jenen Untergangsruf zu bestätigen.
Ich kann euch da draußen sagen: Wir spielten exzellent! Unser Schauspiel ging weit über Method Acting hinaus, obwohl wir im Dorf mit schlechtem Automatenkaffee versorgt wurden. Allein, das Ende der Geschichte muss offenbleiben.
Dem Besuch jenes Unorts ging die Intention voraus, XMAS bewusst und ganzheitlich auszuknipsen, wofür sich Bad Gastein, ein bislang blinder Fleck auf meiner Landkarte, hervorragend eignen würde. Davon waren wir beide überzeugt, eilt der durch einen Wasserfall zweigeteilten Hotelansammlung auf einer abschüssigen Anhöhe seit Jahrzehnten ein unzweifelhaftes Stigma voraus.
Wie eine Vulva quetscht sich das Dorf an die steil abfallende Anhöhe, quillt aus ihrer Mitte ein Schlitz mit Getöse hervor. Den Rand des Wasserfalls markieren mächtige Eiszapfen. Ja, da müssen wir jetzt alle durch.
Ausschlaggebend für die spontane Reise an den Rand des Wahnsinns war ein Buchcover. Am zentralsten Büchertisch einer Thalia-Filiale in Wien Mitte lag es eine Woche vor Weihnachten aufgebahrt wie eine kostbare Grabbeigabe: Der Zauberberg von Thomas Mann in seiner neunundzwanzigsten Auflage.
Blick auf Bad Gastein
Einen Tag zuvor hatte mich beim Zappen mit der Fernbedienung das vormalige Hotel Weismayr aus dem großen schwarzen Kasten angelacht, frisch in Schönbrunnergelb getüncht und imperialistische Nostalgie ausströmend. Ich glaubte, das bildliche Konterfei des Zauberberg-Covers auf Anhieb zu erkennen. Nur so machen Assoziationen Sinn. Schnell waren wir uns einig, dass das kein Zufall, sondern unser Schlüssel zum XMAS-Exit war.
Hier könnte diese Geschichte aufhören und niemand wüsste von der Empörungslawine, die wir damit losgetreten hatten. Sie verschüttete uns gänzlich.
Zugegeben, ich bin Gast einer billigen Absteige, der Staub in den einst herrschaftlichen Räumen verspottet mich, lässt mir keine Sekunde ohne zu niesen; denn das Hotel ist heute ein Drecksloch…Das ist meine persönliche Überschreibung, bezogen auf das ehemalige Hotel Weismayr in Bad Gastein. Thomas Manns Originalsatz aus Der Zauberberg lautet so: Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge: denn in der Tür ist ein Guckloch, …
Mehr muss kein Mensch über diesen rezeptionslosen Hotelbetrieb wissen. Richtig gelesen! Die Hotelzukunft ist personallos. Den Rest über einen ebenso überraschten Gast, der zur gleichen Zeit im selben Hotel wie wir einparkte, erfahren Sie in diesem Kurzartikel aus der Kronen Zeitung: 2000 Euro für Traumurlaub inklusive Dreck & Co.https://www.krone.at/4001017
Da wir uns weder als Professoren ausgegeben haben, noch solche sind, wurde auf meine mehrmalige Reklamation in keiner Weise reagiert. Bis heute nicht. Auch das sagt viel über Österreich aus. Entschädigt wird einzig der Herr Professor.
Was soll man schon von einem Unort erwarten, wenn gleich nebenan, im Grand Hotel de l´Europe angeblich die Ibiza-Affäre ihren Ausgang genommen haben soll. Hier sollen sich die Strippenzieher laut Kronen Zeitung getroffen haben, bevor das Aufeinandertreffen in Ibiza stattfand. Die Probe aufs Exempel sozusagen. Dafür wäre kein Ort besser geeignet als Bad Gastein. Wir hier schreiben aber bloß Literatur. Reine Gelegenheitsprosa. Fiktion. Bad Fiction.
Zitat Regina Hilber: Liebe ist da, wo Süden ist.
Den Süden, beziehungsweise die Liebe in Bad Gastein, fand ich in der dortigen Buchhandlung, während es draußen, pünktlich zum Tag X, schneite. Drehte im liebevoll ausstaffierten Laden so viele neugierige Runden, bis es keinen weiteren Rechtfertigungsgrund für meinen sehr langen Aufenthalt im kleinen Geschäftsraum mehr gab und der Begleiter von der Skipiste abschwang. Nach dieser intensiven Liebesdusche war ich für den Rest des Tages mit mir und meiner Umwelt versöhnt.
Liebe macht ja bekanntlich dumm. Aber im Gastro-Brachland Bad Gastein ist so eine Liebesdusche im Buchladen effektiver als das Weiße Rauschen, ist gesünder und hält länger an.
Bei jedem Passieren des Spalts, und wir passierten ihn oft, denn geöffnete Unterschlupfstationen waren rar im winterlichen Bad Gastein, wollte ich nicht hinsehen auf den Schlitz im Berg, drehte mich weg, suchte stets den Blick hinunter in das Tal. Ein Fluchtreflex.
Zuflucht wollte ich in der Kirche finden. Dazu passiere man den Spalt, den der Steilhang mitten im Dorf aufreißt, wende sich nach rechts, sanft der schmalen Straße etwas nach unten folgend. Fand nichts als verschlossene Türen.
Die Kirche ist aus statischen Gründen geschlossen. Ich ließ mir diese Formulierung auf der Zunge zergehen.
So sehr, dass ich kurz die frische Liebe betrog und mich auf diesen Satz stürzte. Der Pfarrer ist ein kreativer, dachte ich instinktiv. Aber einen Pfarrer gibt es bestimmt schon lange nicht mehr in Bad Gastein. Statistisch gesehen, und an dieser Stelle ist die kurze Liebelei mit der Buchhandlung schon wieder vergessen, hat die Statik wohl ihre Gründe, warum sie aus statischer Ermangelung das Gemäuer? das Dach? einstürzen lassen möge, oder gar den Hang hinunterrutsche.
Sie sehen, schnell holte mich meine Berufskrankheit ein. Ein Sanatoriums-Aufenthalt wäre angebracht.

Im Sanatorium, Speisesaal
Einige der Belle Époque-Hotels in Bad Gastein könnten sowohl für Thomas Manns Sanatorium in Der Zauberberg Pate gestanden haben, als auch für Bruno Schulz` Erzählband Das Sanatorium zur Sanduhr. Schnell noch verifizieren, welcher der beiden Autoren vom anderen abgeguckt hat, aber die der Google-Suche seit geraumer Zeit vorangestellte, beschämend inadäquate KI (die keiner will!) hat null Ahnung.
In beiden bemerkenswerten Werken ist das Narrativ über die Vergänglichkeit der Zeit der stille Hauptakteur. Thomas Manns Zauberberg, der sein Sanatorium in Davos aufschlug, erschien 1924, während Bruno Schulz` komplexes Buch in polnischer Originalfassung 1937 publiziert wurde.
Am Tag der Tage, manche bezeichnen es als Fest der Liebe, im so ziemlich einzigen geöffneten Gasthaus ein paniertes Hühnerschnitzel gegessen, schön tiefgefroren (aus polnischer Produktion?) in der Fritteuse zubereitet und mit vorgekochten, kugelrund ausgestanzten Kartöffelchen aus der plastikverschweißten Tüte versehen.
Kein Witz!
Falls Sie das trotzdem witzig finden – das winzig kleine Convenience-Mahl kostete € 20. Ich hatte meinen Zauberberg-Moment und den Spaß an der Sache.
Wir haben nicht nur XMAS vergessen, wir haben sogar vergessen, dass wir Weihnachten absichtlich umgehen wollten. Ist uns bravourös gelungen an diesen beiden Tagen.
Zu Hause im Bücherregal wartet schon David Schalkos Bad Regina, das ich vor vier Jahren nach zwölf Seiten weglegte, weil ich dieses aufgesetzte Figurenensemble aus Losern und Oberlosern nicht ertragen konnte. Jetzt ist er aber dran, der ganze Schalko!
Und als sei das nicht genug der Posse, sagt der Begleiter bei der Rückreise drei Kilometer vor Wien: Komm, lass uns zu Hause ein bisschen Weihnachten machen!
Fotorechte: Regina Hilber
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Trotz allen Unzulänglichkeiten in Bad Gastein weckt Hilbers Text die Intention, dorthin zu fahren. Sehr gelungen! Insbesondere der Vergleich mit „Der Zauberberg“ und dem „Sanatorium zur Sanduhr“.
auch ich verfiel vor ein paar jahren darauf, einen tagesausflug zu diesem skurrilen ort in den bergen zu machen, allerdings im sommer. trotz all der sünden, die man ihm angetan hat, oder dem sichtbaren verfall, fand ich bad gastein immer noch faszinierend. eine kur dort würde aber wahrscheinlich eine darauffolgende in einem auf depressionen spezialisierten ort nach sich ziehen. der zauberberg, abgewirtschaftet aber interessant, lässt grüßen! schade schade schade, der lack ist ab, aber immer noch sehenswert, wenn man morbides mag und nicht lange dort bleiben muss.
Mich hat dieser Ort sehr beeindruckt, als ich ihn vor ca. zehn Jahren mal besucht hatte. Mein Onkel war in den frühen sechziger Jahren dort öfters auf Kur gewesen und hat mir davon immer wieder Postkarten geschickt, also war ich schon damals über diese einzigartige Lage mit dem Wasserfall, der durch den Ort rauscht, im Bild gewesen. Da war es ja noch ein florierender Kurort gewesen!
Als ich ihn dann in den Nullerjahren mal für einen Tagesausflug besucht habe, war davon nicht mehr viel zu sehen, die meisten Hotels leer oder anderswie genützt, aber doch sehr imposante Bauwerke, auch Kurgäste sah man da keine mehr. Schön fand ich auch den damals gerade frisch renovierten Jugendstilbahnhof.
Interessant wäre wohl, wie es den Leuten dort geht mit dem ständig rauschenden Wasserfall. Immerhin war ja auch Franz Schubert dort und hat eine Klaviersonate geschrieben. Also muss ihn die Gegend doch sehr inspiriert haben. Wie der Ort ja auch schon für viele Filme als Kulisse gedient hat.
Auch für ein Remake von SHINING könnte ich ihn mir gut vorstellen! Wobei dieser Film so perfekt ist, dass man ihn eigentlich wohl nicht mehr neu zu verfilmen braucht.