Nina Killian
Drei Wochen am
Lycée International Charles de Gaulle
Ein Blick auf das französische Schulsystem
Reportage
Drei Wochen sind zwar zu kurz, um ein Schulsystem vollständig zu verstehen, jedoch lang genug, um dessen Einfluss auf die Menschen zu erleben, die ihm täglich ausgesetzt sind.
Ich verbrachte den Monat März 2026 im Rahmen eines Austauschs von Erasmus+ in Dijon am Lycée International Charles de Gaulle und in dem zugehörigen Internat. So hatte ich die Gelegenheit, dem Unterricht und Schulalltag beizuwohnen.
Was mir zunächst auffiel, war die totale Strukturierung des Alltags. Der Unterricht beginnt früh und endet meistens erst um 17.00 Uhr. Dazwischen gibt es feste Essenszeiten und zwei große Pausen, die récrés, die meist draußen verbracht werden.
Im Vergleich zu den abwechselnden 5- und 15-minütigen Pausen in Österreich sind die Pausen zwischen den Unterrichtsstunden in Frankreich vernachlässigbar kurz und ermöglichen kaum Erholung. Von den Schülern wird beinahe acht Stunden lang ununterbrochene Konzentration gefordert und wenig Raum zum Atmen gelassen.
Hinzu kommen Hausübungen, Präsentationen und côntroles oder devoirs supervisés, vergleichbar mit schriftlichen Wiederholungen. Diese stellen einen festen Teil des Unterrichts dar und kaum ein Tag findet ohne mindestens einer dieser Wiederholungen statt.
Besonders in den Wochen vor den Ferien ist der Arbeitsaufwand extrem hoch: Die Schüler erzählten mir von 10 Wiederholungen in fünf Tagen – Schularbeiten exkludiert!
Nur Mittwoch stellt eine Ausnahme dar: Die Schule endet bereits um zwölf, den Nachmittag dürfen die Schüler frei verbringen. Viele nutzen diese Möglichkeit, um mit Freunden in die Stadt essen, einkaufen oder spazieren zu gehen, üben ihre Hobbies aus oder treffen ihre Familie. Während der Grund für den freien Nachmittag selbstverständlich die Erholung ist, kann man ihn auch im Nachsitzen verbringen – was in Österreich zum Glück längst abgeschafft ist.
Besonders deutlich werden die hohen Anforderungen im Abibac-Zweig. Das Abibac-Programm ermöglicht Schülern, die Schule sowohl mit dem französischen Baccalauréat als auch mit dem deutschen Abitur abzuschließen, wofür ein Deutsch-Niveau von B2+ nötig ist.
Erreicht wird dieses durch intensiven Deutschunterricht – 7 Stunden pro Woche – sowie durch diverse mündliche und schriftliche Überprüfungen, die wochenlange Vorbereitung benötigen.
Zusätzlich wird ein Sachgegenstand wie Geschichte oder Geographie auf Deutsch unterrichtet, um die Sprachkenntnisse zu fördern, womit insgesamt 10 Unterrichtsstunden pro Woche in deutscher Sprache stattfinden. Kombiniert mit dem ohnehin vollgepackten Stundenplan sorgt dies für noch höheren Leistungsdruck.
Was mich ebenfalls überraschte, war der Sportunterricht. In Österreich – zumindest bei den Mädchen – verläuft dieser ganz nach dem Motto Dabei sein ist alles, der Fokus liegt auf der Verbesserung der eigenen Leistung und aktiver Teilnahme unabhängig vom eigenen Können und die meisten Schülerinnen erhalten ein Sehr gut.
Diese positive Umgebung führt zu höherer Motivation und mehr Spaß am Sport. In Frankreich werden im Sportunterricht jedoch kaum hohe Noten vergeben und Leistungssteigerung wird durch Bloßstellung und Druck erreicht.
Sport gilt als eines der schwierigsten Fächer, ein Angstfach selbst bei körperlich fitten Schülern. Zentrales Element des Turnsaals ist eine große Tafel, an der die Namen aller Schüler in Leistungsklassen eingeteilt werden – auch mit zugehörigen (negativen) Noten.
Im März wurde Badminton gespielt. Nach kurzer Einführung begann eine Schülerliga, in der auf insgesamt acht halbierten Feldern zwei Schüler gegeneinander antraten. Der Gewinner durfte ins Feld rechts von ihm, der Verlierer musst nach links absteigen. Hierbei ist es wichtig zu erwähnen, dass der Sportunterricht nicht nach Geschlecht getrennt ist. Deswegen war es nicht verwunderlich, dass das oberste Drittel ausschließlich von Burschen und die letzten Plätze von Mädchen belegt waren.
Die Ergebnisse der Matches wurden am Ende der Stunde auf die Tafel geschrieben, sowie die Schüler in Klassen gemäß ihres technischen Könnens eingeteilt. Beides floss in die Benotung ein. Oft wurde ein Schüler gebeten, einen Schlag oder eine Technik vorzuzeigen, nur um ihn zu korrigieren und bloßzustellen.
Selbstverständlich entsetzt fragte ich meine Austauschschülerin, ob sie das Benotungssystem und die Bloßstellung nicht ungerecht findet. Doch sowohl der Sportunterricht als auch das Schulsystem wird von den französischen Schülern ohne viel Widerstand hingenommen, was auf mich wie erlernte Hilflosigkeit wirkte.
Auch die Eltern der Schüler sahen scheinbar keinen Verbesserungsbedarf im Schulsystem, sondern trugen maßgeblich zum Leistungsdruck bei. Es ist üblich, den Schülern am Wochenende Freizeit oder Privilegien wie ihr Handy oder das Treffen mit den Freunden zu entziehen, um sie zum Lernen zu bewegen.
Ich vermute, dass hierbei auch die Einstellung der Alten eine Rolle spielt. Sie haben selbstbestimmte Anforderungen bewältigt und deshalb sehen sie es auch für die kommenden Generationen als nötig an, sich diesem Leistungsdruck zu stellen. Es ist möglich, dass auch eine gewisse Missgunst dazu beiträgt, indem anderen eine leichtere Schullaufbahn nicht vergönnt wird, sondern stattdessen die Erwartungen gegenüber dem Schulsystem weitergegeben wird, wodurch jede Schüler-Generation vergleichbaren Belastungen ausgesetzt wird.
Besonders im Internat wurde mir die fehlende individuelle Selbstbestimmung innerhalb des Schulsystems deutlich. Um 6:45 bringt die kaum zu überhörende Schulglocke die Schüler zum Aufstehen, die meisten sind jedoch schon um 6:30 Uhr wach, um genügend Zeit zur Vorbereitung zu haben. Bis 7:15 Uhr muss das Internat mitsamt Schulsachen verlassen werden und ist den ganzen Tag über unzugänglich, weshalb die Schüler alle ihre Bücher bereits zum Essen mitnehmen, denn einen Spind gibt es nicht.
Nach dem Unterrichtsschluss, der üblicherweise um fünf Uhr ist, können die Schüler sich noch immer nicht entspannen – das Internatsgebäude wird erst um sechs Uhr aufgesperrt. Dieses Intervall soll vermutlich zum Lernen verwendet werden, jedoch sind die Schüler meistens zu erschöpft, um zu arbeiten, und verbringen die Zeit stattdessen mit ihren Freunden im Park oder im Einkaufszentrum.
Wenn die Zimmer um sechs Uhr endlich betreten werden dürfen, bleibt nicht viel Zeit zur Erholung, da das Internat bereits um 18:30 Uhr erneut zugesperrt wird und die Schüler in der Kantine zu Abend essen oder in die Stadt fahren, um dort zu essen. Kurz nach sieben verlassen alle die Kantine und müssen sich eine halbe Stunde im Hof aufhalten, bevor das Internat um 19:30 öffnet.
Von 20:00 bis 21:00 Uhr ist Lernstunde, die Schüler müssen auf ihren Zimmern bleiben und Hausübung machen, was durch Aufseher kontrolliert wird. Anschließend dürfen die Schüler ihren Abend frei bestimmen, bis sie um 22:00 schlafen gehen müssen.
Verwunderlich sind die “Duschzeiten”: Jeden Montag besteht am Abend die Möglichkeit, mit einer Laufgruppe des Lycées eine Runde zu joggen, an der ich teilnahm. Als ich kurz vor acht Uhr ins Internat zurückkehrte, wollte ich selbstverständlich duschen. Als ich die Dusche betreten wollte, wurde ich von einer Aufseherin aufgehalten, die mir erklärte, dass ich nicht duschen darf.
Selbstverständlich dachte ich zuerst, dass dies ein Spaß oder Missverständnis sei und erwiderte, dass ich gerade vom Laufen zurückgekehrt war, und doch nach dem Sport wohl duschen dürfe? Die Aufseherin klärte mich auf: Obwohl das Bad frei zugänglich ist, darf nur von 21:00 bis 21:50 Uhr geduscht werden – mit durchschnittlich sechs Schülern pro Bad beinahe unmöglich. Da es meine erste Woche am Internat war, konnte ich dem Nachsitzen glücklicherweise entgehen.
Meine Austauschschülerin durfte ich einmal die Woche zu ihrem Tanzkurs begleiten, doch die meisten Internatsschüler, mit denen ich gesprochen habe, haben kaum außerschulische Hobbies, oder üben diese nur am Wochenende aus.
Die Kombination von langen Schultagen, hohen Anforderungen und Arbeitslast und wenig Selbstbestimmung bleibt nicht folgenlos. Meine Austauschpartnerin erzählte mir, dass die Mehrheit der Schüler mit Zusammenbrüchen, Selbstzweifeln oder Depressionen kämpfen. Auch weinende Schüler während des Unterrichts sind leider nicht selten.
Umso wichtiger sind Schulkollegen und Freunde, die im Zentrum des Schulalltags stehen und die psychische Widerstandsfähigkeit der Resilienz gegen Leistungsdruck stärken.
Mir fiel sofort die enge Klassengemeinschaft auf, die weitaus besser zusammengewachsen war als meine Klasse in Wien. Alle Schüler sind miteinander vertraut und diskutieren miteinander. Manche sind natürlich etwas distanzierter, aber es ist niemand von der Klassengemeinschaft ausgeschlossen.
Die Jugendlichen sind offener, freundlicher und tendenziell extrovertierter als in Wien. Viele kamen direkt zu mir, um mit mir zu plaudern oder ihre Deutschkenntnisse zu zeigen. So fühlte ich mich sehr gut aufgenommen.
Freizeit wird gerne in großen Gruppen verbracht, auch wenn man nicht alle Anwesenden persönlich kennt. Ich musste mich daran gewöhnen, kaum Zeit allein zu verbringen, doch so konnte ich schneller den Anschluss finden und in kurzer Zeit viele neue Leute kennenlernen, die auch an mir interessiert waren. Meiner Ansicht nach waren die Jugendlichen, mit denen ich den Großteil meiner Zeit verbracht habe, wahrlich das Highlight meines Austauschs.
Insgesamt hinterließ mein Austausch einen ambivalenten Eindruck. Einerseits schockierten mich die hohen Anforderungen und der Leistungsdruck, andererseits beeindruckten mich die Gemeinschaft und der Zusammenhalt meiner Klasse und die Offenheit und das Interesse, die die Jugendlichen mir entgegenbrachten.
PS:
Die Autorin Nina Killian ist Schülerin der 6. Schulstufe einer Wiener AHS.
Wir danken Reinhold Knoll für die Vermittlung des Textes.
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dieser drill klingt wie aus dem anfang des letzten jahrhunderts. arg! keine ahnung, wie das die schülerInnen aushalten. echt vorgestrig! und was bringt das? sollen hier zukünftige ja-sager herangebildet werden? nur die harten kommen durch, so scheint die devise zu sein. – unmenschlich!