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Nicole Staudenherz
Naturzerstörung for future?
Warum sich die Zivilgesellschaft zu Recht
gegen ein geplantes Megaprojekt
im Kaunertal wehrt.
1. Teil
Analyse

Wo es ins Konzept passt, liebt Tirol seine Natur: Denn Gletscher, Schneerose und Steinbock lassen sich als Inbegriff der alpinen Ursprünglichkeit touristisch gut vermarkten. Stehen Landschaft, Flora und Fauna allerdings der menschlichen Infrastruktur im Weg, dann zählen sie recht schnell zu den Verlierern. 

Diesmal jedoch haben die Bauwütigen die Rechnung ohne die Zivilgesellschaft gemacht: Eine breite Koalition aus NGOs, Bürgerinitiativen und Interessensvertretungen setzt dem geplanten Ausbau des Kraftwerks Kaunertal ein lautstarkes Nein entgegen. Zu Recht! Denn was gewisse Betonköpfe da planen, hätte verheerende Folgen für Lebensräume und Lebensgrundlagen von Mensch, Tier und Natur in der betroffenen Region.

Konkret möchte Tirols größtes Energieunternehmen das bestehende Speicherkraftwerk im Kaunertal zu einem Kraftwerksnetz erweitern. Dieses Vorhaben würde massive Eingriffe in den Wasserhaushalt der gesamten Ötztaler Alpen mit sich bringen.

Zum einen sehen die Pläne vor, zwei ökologisch besonders wertvolle und sensible Flüsse – die Venter und Gurgler Ache – mit über 20 Meter hohen Staumauern zu verbauen und von dort bis zu 80% des Abflusses in den bestehenden Gepatschstausee überzuleiten. Dies hätte verheerende Auswirkungen auf die Wasserversorgung des Ötztales, das als inneralpines Trockental ohnehin nur spärliche Niederschlagsmengen abbekommt und allein schon durch die Klimaerhitzung seine Gletscher als Wasserspeicher verlieren wird.

Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, inkludiert das Megaprojekt auch noch die Zerstörung eines einzigartigen Naturjuwels: Im Platzertal, einem Hochtal westlich des Kaunertals auf über 2.000 Metern Seehöhe, ist eine 120 Meter hohe und etwa 450 Meter breite Staumauer geplant. Durch die Flutung des Tals würde der größte hochalpine Moor- und Feuchtgebiets-Komplex Österreichs mit einer Fläche von fast 20 Hektar unwiederbringlich zerstört.

Das Wasser aus dem Ötztal möchte man vom Gepatschstausee zum Inn hin abarbeiten und hier für zwei Kraftwerke nutzen. Zusätzlich soll es zwischen dem bestehenden Gepatschstausee und dem geplanten Stausee im Platzertal einen Pumpbetrieb geben.

Das Projekt in der oben geschilderten Ausführung könnte sechs wichtige Schutzgebiete der Region negativ beeinflussen, nämlich das Natura 2000 Gebiet Ötztaler Alpen, das Ruhegebiet Ötztaler Alpen, den Naturpark Ötztal, den Naturpark Kaunergrat sowie die Milser und Silzer Innauen.

Zwar hieß es kürzlich in einer Pressemitteilung des Energieversorgers, man werde von der Wasserableitung aus dem Ötztal vorerst absehen. Bei der Volksbefragung am 9. Juni stimmten 96% der Söldener Bevölkerung gegen die Wasserableitung. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und jetzt scheint der Fokus sogar noch stärker auf dem geplanten Speicher im Platzertal zu liegen. Dieses sei kein Schutzgebiet, so das Unternehmen, und man flute ja nur sieben Hektar Feuchtfläche. Außerdem schaffe man einen Ausgleich durch Wiedervernässung und werde den Baustellenverkehr minimieren. Wirklich?


Natur zerstören für ein Projekt, das wir nicht brauchen?

Pikantes Detail: Laut Einschätzung kritischer Fachleute außerhalb der Wasserkraft-Bubble ist der Neubau eines Pumpspeichers im Platzertal in der geplanten Form energiewirtschaftlich überflüssig. Eine detaillierte Analyse des WWF Österreich zeigt Planungsmängel und weitere Defizite auf. Unter anderem werden Naturgefahren wie Hangrutschungen oder Permafrost-Schmelze nicht ausreichend berücksichtigt.

WWF-Gewässerexpertin Bettina Urbanek findet klare Worte: Das Märchen, dass der Bau von naturzerstörerischen Pumpspeicherprojekten alternativlos sei, soll nur die veraltete Planung der TIWAG kaschieren. Die Wege aus der Krise sind klar: Speicher müssen heute naturverträglich sein, der tatsächliche Speicherbedarf muss ermittelt werden und der Ausbau der Stromnetze samt Verbrauchsmanagement muss vorangetrieben werden. Der geplante Pumpspeicher im Platzertal erfüllt all das nicht.


Wo kommt das Wasser her, wenn die Gletscher weg sind?

Auch das Abschmelzen der Gletscher wurde nicht ausreichend berücksichtigt. Wie der aktuelle Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins aufzeigt, gab es gerade in Tirol empfindliche Rückgänge. Neun der zehn Gletscher mit den höchsten Rückzugswerten im Berichtsjahr 2022/23 befinden sich in Tirol, vier davon in den Ötztaler Alpen.

WWF-Expertin Urbanek zum Thema Gletscher: Weder bei den Tiwag-Vorständen noch in ihren Plänen sind die Folgen der Klimakrise angekommen: Durch den Gletscherschwund wird die Ötztaler Ache schon in wenigen Jahren viel weniger Wasser führen. Auch der Wasserbedarf im Ötztal wurde falsch berechnet und es fehlen Notfallpläne für die Wasserversorgung.

Ein anderer Weg wäre möglich. Jürgen Neubarth, Energieexperte und Autor einer Studie über mögliche Alternativen, meint dazu: „Die TIWAG könnte grundsätzlich weitere Pumpspeicherkraftwerke zwischen den bestehenden Speicherseen Finstertal, Längental und dem in Bau befindlichen Speicher Kühtai errichten. So könnte man auf den geplanten Pumpspeicher im Platzertal verzichten und hat trotzdem zusätzliche Flexibilität in Tirol für den Ausgleich der Stromerzeugung aus Windkraft und Photovoltaik.

WWF-Gewässerschutzexperte Maximilian Frey betont die Vorteile einer Aufrüstung der Pumpspeicherkapazitäten in der bestehenden Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz: Das wäre nicht nur schneller und günstiger realisiert als der Kaunertal-Ausbau, sondern würde auch ohne zusätzliche Naturzerstörung auskommen. Daher sollte die Tiwag dieses Projekt endlich ernsthaft angehen, anstatt es ständig nur wegzuwischen.

Die Tiroler Umweltanwaltschaft steht einem weiteren Ausbau der Wasserkraft in Tirol insgesamt kritisch gegenüber:

Aus Sicht der Tiroler Umweltanwaltschaft ist […] mit Bezug zur erneuerbaren Stromproduktion und zum Stromverbrauch in Tirol aufgrund aktueller offizieller Daten eine unbedingte Notwendigkeit eines weiteren Ausbaues der Wasserkraft nicht erkennbar. Im Gegenteil, sowohl kurz- als auch langfristige Klimaziele für Tirol bzw. diesbezügliche EU-weite Vorgaben sind bereits mehr als erfüllt. Lediglich ein zukünftiger weiterer Ausbau von Pumpspeicherkraftwerken in Tirol könnte in Verbindung mit entsprechend großen Stromimporten aus nicht erneuerbarer Herkunft zu einer Nichterreichung der vorgegebenen bzw. selbst gesteckten Ziele führen.


Warum sind Moore wichtig?

Als Alleskönner unter den Ökosystemen sind Moore äußerst schützenswert. Sie bedecken nur mehr 3% der Erdoberfläche, speichern aber in ihren Torfschichten doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder des Planeten zusammen. Außerdem spielen sie eine wichtige Rolle bei der Filterung von Wasser.

Wir können die Klimakrise nur mit Hilfe der Natur und nicht durch ihre Zerstörung bekämpfen. Ein wertvolles Moor in Zeiten wie diesen zu opfern wäre völlig widersinnig, betont Moorforscher Harald Zechmeister von der Universität Wien.
Ist eine Moorfläche im Hochgebirge erst einmal zerstört, lässt sie sich durch andernorts ausgehobene Ausgleichs-Tümpel nicht einfach so ersetzen. Der emeritierte Professor Gert-Michael Steiner, Moorexperte der Universität Wien, hält in diesem Zusammenhang fest: Ein Moor wie dieses ist alleine schon wegen der geringen Biomasseproduktion im Hochgebirge in einem von Menschen übersehbaren Zeithorizont schlichtweg unersetzbar. Jegliche weitere Beeinträchtigungen müssen daher verhindert werden.“

Viktoria Auer, Klima- und Energiesprecherin der Umweltorganisation GLOBAL 2000, plädiert für eine umfassende Perspektive, die den Schutz der Moore miteinbezieht: Energiewende und Klimaschutz sollen endlich gemeinsam gedacht werden. Dazu müssen wir ausnahmslos alle intakten Moore, wie das im Platzertal, schützen, weil sie CO2 aus der Luft speichern. Wir fordern heute von der Tiroler Landesregierung und der TIWAG, endlich auf zukunftsfähige Lösungen zu setzen. Die Menschen in Tirol haben eine Energieversorgung verdient, die ihre Natur schont, klimafreundlich und leistbar ist.

Fortsetzung nächste Woche

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Nicole Staudenherz

Nicole Staudenherz, geb. 1976 in Innsbruck, verheiratet, Betreuerin autistischer Kinder, Pflegerin bei den Sozialen Diensten Innsbruck, Pflegehelferin bei Tirol Kliniken, Diplom. Gesundheits- und Krankenschwester Tirol Kliniken, LKH Natters und Hochzirl, inzwischen hauptberufliche Kampagnenleiterin des Vereins gegen Tierfabriken (VGT).

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Robert Muskat

    Ich hatte schon mehrfach das Vergnügen, das Platzer Tal zu durchwandern. Abgesehen von der einzigartigen Ruhe, die man dort vorfindet, genoss ich die Ruinen bzw. den Wiederaufbau der Anlagen eines der höchstgelegenen Bergwerke der Alpen. Nicht zu vergessen die einzigartige Natur dort. Darum habe ich mich extrem über die Ausbaupläne der TIWAG geärgert, die zwecks Gewinnmaximierung und Stromexport dort eine Riesen-Staumauer errichten will. Der Landesversorgung dient die Anlage nicht, sondern dem Verkauf von Spitzenstrom ins Ausland zu Höchstpreisen. Auch das ist in Betracht zu ziehen und spricht absolut gegen diese Verbauung.!

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