Max Hofer
Der Weltbürger aus dem Grödnertal
Zum Neunzigsten des großen
Markus Vallazza
Portrait

Der Südtiroler Ausnahmekünstler Markus Vallazza wäre am 8. August 90 Jahre alt geworden. Der gebürtige Grödner Zeichner und Radierer gestaltete aus Oswald von Wolkenstein, Dante, Poe und Rimbaud eigensinnige Gegenwelten – und übergab Teile seines Nachlasses dem Innsbrucker Brenner-Archiv

In Lana bei Meran kuratiert seine ehemalige Lebensgefährtin Verena Kammerer eine dezentrale Veranstaltungsreihe zu seinen Ehren.

Markus Vallazza mit Verena Kammerer, seiner langjährigen Weg- und Lebensgefährtin. © Verena Kammerer

Der 1936 in St. Ulrich geborene und 2019 in Bozen verstorbene Künstler war vieles zugleich: Zeichner, Radierer, Maler, Dichter, Lehrer, Reisender und Rebell. Vor allem aber war er ein Bild-Denker, der Literatur nicht bebilderte, sondern in seine eigene, nervöse und oft abgründige Gegenwart übersetzte. Eine dezentrale Hommage in Lana bringt dieses Werk nun für einige Wochen in Museen, Ateliers, in ein Café, ein Seniorenwohnheim und unter freien Himmel.

Aus dem Grödnertal hinaus in die Welt

Vallazzas Weg war nicht vorgezeichnet. Auf Wunsch der Eltern kam er als Jugendlicher in das Priesterseminar in Dorf Tirol, verließ es aber nach zwei Jahren. Danach arbeitete er als Holzschnitzer und Zeichner für kirchliche Innenausstattungen – ein traditioneller Beruf im Grödnertal, der ihm handwerkliche Präzision vermittelte, aber nicht die Freiheit, nach der er suchte. 

Der Schritt nach Florenz, Paris und später in zahlreiche andere Länder war ein radikaler Bruch mit der Enge der Herkunft.

In Paris begegnete Vallazza Alberto Giacometti, in England Henry Moore. Alfred Hrdlicka ebnete ihm den Weg in die Wiener Secession. Entscheidend waren jedoch nicht nur die berühmten Namen, sondern die Netzwerke, die sich zwischen Südtirol, Wien, Salzburg und Innsbruck bildeten: der Kunstkritiker Kristian Sotriffer, der Museumsdirektor Otto Breicha, der Mäzen Peter Infeld, der Galerist Ernst Hilger, der Innsbrucker Verleger Michael Forcher und der Schriftsteller Karl Lubomirski. 

Vallazza lebte zeitweise in Salzburg, Berlin, Wien und Augsburg, kehrte aber immer wieder nach Südtirol zurück.

1. Bild: Markus Vallazza beim Zeichnen in Gröden, 2. Bild: drei eigenständige Stimmen der Südtiroler Kunst im Gespräch (Matthias Schönweger, Michael Höllrigl und Markus Vallazza, v.l.n.r.). © Verena Kammerer


Die Radierung als Denkmaschine

im Jahr 1966 entstanden in der Werkstatt Robert Scherers in Brixen Vallazzas erste Radierungen. Bald wurde die Druckgrafik zu seiner eigentlichen Sprache. 

Die Radiernadel zwingt zur Entscheidung: Jede Furche bleibt, jeder Strich muss sich gegen Metall und Widerstand behaupten. Gerade diese Verbindung aus Spontaneität und Präzision entsprach seinem Temperament. Seine Linien sind selten gefällig. Sie zittern, bohren, verwachsen, beschleunigen. Figuren kippen ins Groteske, Landschaften werden zu seelischen Räumen.

Vallazza arbeitete nicht wie ein Illustrator, der einen Text in Szenen zerlegt. Er las, widersprach, identifizierte sich und schob die literarischen Figuren in seine eigene Zeit. Deshalb wirken seine Blätter zugleich alt und gegenwärtig: Dante begegnet den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, Don Quijote kämpft nicht nur gegen Windmühlen, sondern gegen politische Ignoranz, und die Dolomitensagen werden zu Bildern über Verlust, Begehren und Gewalt.

Mit Oswald aus der Enge

Das frühe Schlüsselwerk ist die 1973 erschienene Mappe Oswald von Wolkenstein mit 25 Radierungen. Der spätmittelalterliche Sänger, Ritter, Diplomat und Selbstinszenierer war für Vallazza mehr als ein historischer Stoff. Beide stammten aus Südtirol, beide wollten hoch hinaus und doch nicht loslassen, beide machten aus Widersprüchen eine Identität. 

Der Kunstkritiker Kristian Sotriffer begleitete den mehrjährigen Arbeitsprozess und half, den Zyklus über die Zeitschrift Das Fenster einem größeren Publikum bekannt zu machen.

In einem der Blätter sitzt Vallazza selbst mit dem Wolkensteiner zusammen: Künstler und Barde, Arbeitstisch und Weinglas, Vergangenheit und Gegenwart. Das ist keine ehrfürchtige historische Rekonstruktion. Vallazza zieht Oswald in sein Atelier und macht ihn zum Komplizen. Gerade diese Nähe erklärt, weshalb der Zyklus als sein bedeutendstes Frühwerk gelten kann.


„Markus und der Wolkensteiner“ und weitere Blätter aus dem Zyklus Oswald von Wolkenstein, 1973. Das Motiv zeigt Vallazza bei der Arbeit und bei einem Glas Wein mit dem mittelalterlichen Dichter. © Markus Vallazza Archiv


Rimbauds Schiff, Poes Hofnarr und die Stimme des Horaz

In den 1970er-Jahren entstanden mehrere Mappenwerke, die Vallazzas Rang als literarischer Bildkünstler festigten. Le Bateau Ivre – das trunkene Schiff – greift Arthur Rimbauds berühmtes Gedicht auf. Das Schiff wird darin zum Bewusstsein, das sich von allen Ufern löst, überwältigende Bilder erlebt und an seiner grenzenlosen Freiheit beinahe zerbricht. Für Vallazza war das ein idealer Stoff: Bewegung, Ekstase, Gefahr und das Bedürfnis, die Welt durch das eigene Sehen neu zu erfinden.


Werke Vallazza’s zu Arthur Rimbauds berühmten Gedicht, Radierungen aus „Le Bateau Ivre“, 1974. © Markus Vallazza Archiv

Hop-Frog folgt Edgar Allan Poes Erzählung vom misshandelten Hofnarren, der seine Peiniger in einem grausamen Maskenspiel vernichtet. Vallazza interessierte nicht die Illustration eines Schockeffekts, sondern die Umkehr von Macht: Der körperlich Erniedrigte wird zum Regisseur, das Fest zur Falle, das Lachen zur Bedrohung. H. C. Artmann, den Vallazza in Salzburg kennenlernte und mit dem ihn eine lange Freundschaft verband, schrieb den Begleittext zur Mappe.


Werke Vallazza’s zu Edgar Allan Poes Erzählung, Radierungen aus „Hop-Frog“, 1976. © Markus Vallazza Archiv

Die Folge Zu Horaz wiederum zeigt eine andere Seite: antike Maßhaltung, Lust am Augenblick und Wissen um die Vergänglichkeit. Vallazza wählte Zitate aus den Oden und Epoden selbst aus. Auch hier entsteht kein antiquarischer Kommentar. Der römische Dichter wird zum Gesprächspartner eines Künstlers, der Genuss und Todesbewusstsein, Fest und Arbeit, Körper und Geist niemals sauber voneinander trennte.


Werke Vallazza’s Radierungen aus „Zu Horaz“, 1976. © Markus Vallazza Archiv


Zwei Bände, ein Kosmos

Wer Vallazzas Radierungen überblicken will, kommt an den beiden monumentalen Bänden des Werkverzeichnisses nicht vorbei. Beide mit einleitenden Worten von Peter Weiermair, der erst kürzlich aufgrund des abgesagten Ankaufes seines Nachlasses durch das Land Tirol in den Schlagzeilen landete. Weitere Texte lieferten Kollegen und Bekannte wie Kristian Sotriffer, Fortunato Bellonzi, H. C. Artmann (Band 1), Otto Breicha, Friederike Mayröcker, Kurt Leonhard und Siegfried de Rachewiltz (Band 2).

Band I versammelt die Jahre 1966 bis 1978 und damit die frühe Explosion der Mappenwerke: Oswald von Wolkenstein, Le Bateau Ivre, Daphne, Hop-Frog und Zu Horaz. Band II führt von 1979 bis 2006 – von Mein Apfelbaum über die Frauen aus Fanes bis zu Dantes Divina Commedia und Karl Kraus’ Letzten Tagen der Menschheit. Zusammen bilden die Bände weniger ein abgeschlossenes Archiv als eine Landkarte von mehr als vier Jahrzehnten Arbeit.

Die beiden Bände zeigen auch, wie konsequent Vallazza in Zyklen dachte. Eine einzelne Radierung war selten nur ein Einzelstück. Sie gehörte zu einer Folge, zu einem Dialog, zu einer langen gedanklichen Bewegung. Das erklärt seine enorme Arbeitsdisziplin. Verena Kammerer erinnert sich, dass er bei großen Projekten schon um vier oder fünf Uhr morgens begann. Gleichzeitig konnte er ausgiebig feiern. Auch darin war er eine Figur der Gegensätze: asketischer Arbeiter und lebenshungriger Erzähler.


Ausgewählte Werke aus dem Band 2. © Markus Vallazza Archiv


Die Kunst ging ihm über alles

Kammerer lernte Vallazza um 1990 kennen. Sie beschreibt ihn als tolerant, großzügig und völlig frei von Snobismus. Er nahm die Arbeiten junger Künstlerinnen und Künstler ernst, kaufte mitunter ein Blatt, um jemanden zu ermutigen, und maß Menschen nicht an Status oder Marktwert.

Markus war kaum korrumpierbar, sagt sie. Geld und Besitz spielten für ihn keine zentrale Rolle. Sein Maßstab waren Werke, nicht Karrieren. Diese Haltung klingt romantisch, war aber mit Härte verbunden: Kunst war für Vallazza keine Dekoration des Lebens, sondern dessen Prüfstein. Wer mit ihm arbeitete, musste sich auf Genauigkeit, Ernst und Widerspruch einstellen.


Olivenbäume: Abbildungen von Radierungen auf Zink, Verlag Hans Widrich, Salzburg 1991. © Markus Vallazza Archiv


Innsbruck und das Archiv mit Zeitschloss

Für Tirol ist Vallazza weit mehr als ein bedeutender Künstler aus dem Nachbarland. Er war mit Paul Flora befreundet, arbeitete mit dem Haymon-Verlag und dem Verleger Michael Forcher zusammen, stellte in Innsbruck aus und erhielt 1998 das Ehrenzeichen des Landes Tirol. 2017 ernannte ihn die Universität Innsbruck zum Ehrenbürger – für sein herausragendes Schaffen und für die Schenkung seiner Tage- und Skizzenbücher an das Forschungsinstitut Brenner-Archiv.

Dort liegen 151 Tage- und Skizzenbücher aus den Jahren 1956 bis 2015, dazu Korrespondenzen und der schriftstellerische Nachlass. Die Bücher dokumentieren, wie aus Lesen, Reisen, Beobachtungen und Vorzeichnungen ganze Werkzyklen entstanden. Doch Vallazza verfügte eine Sperre bis 2037. Das Archiv besitzt damit einen Schatz, den die Forschung bislang nur umranden kann. Erst dann wird sich die Entstehung vieler Arbeiten in ihrer ganzen Vielschichtigkeit rekonstruieren lassen.


Markus Vallazza und Paul Flora: Die beiden Zeichner waren nicht nur künstlerische Weggefährten, sondern engagierten sich auch gemeinsam für das Südtiroler Literaturleben (Norbert-C.-Kaser-Preis). © Bücherwürmer Lana


Lana wird für einige Wochen zur Galerie

Die Hommage in Lana, die am vergangenen Samstag eröffnet wurde, ist keine klassische Retrospektive. Das Dorf selbst wird zum Ausstellungsraum. Vallazzas Arbeiten tauchen in der Freiluftgalerie am Gries, im Südtiroler Obstbaumuseum, im Bildhaus, im Café Harmonie, im Studio Hannes Egger, im Atelier von Ernst Müller, am Außerpfefferlehenhof und im Seniorenwohnheim Lorenzerhof auf. An manchen Orten stehen sie allein, an anderen treten sie in Dialog mit zeitgenössischen Werken. Filme, eine Lesung von Gundi Feyrer und eine Vorführung der Radiertechnik mit Dietmar Gamper ergänzen das Programm.

Kammerer stammt aus der Gemeinde, Vallazza war mit den Kulturtagen sowie den Bücherwürmern verbunden und gehörte mit Paul Flora zu den Stiftern des Norbert-C.-Kaser-Preises. Auch seine Freundschaft mit dem Lanaer Bildhauer Michael Höllrigl wirkt in der Hommage nach.

Im Obstbaumuseum steht der Zyklus Mein Apfelbaum im Mittelpunkt. Vallazza schuf ihn in Innsbruck in einer schwierigen Lebensphase, nach Jahren in Berlin und Augsburg und auf dem Weg zurück nach Südtirol. Die konzentrierte Arbeit an einem einzelnen Baum habe etwas Stabilisierendes, beinahe Therapeutisches gehabt, erinnert sich Kammerer. In Lana erhält das Motiv eine zusätzliche Resonanz: Der Apfelbaum ist Wirtschaftszeichen, Landschaftsform und Symbol für Wachstum, Verletzung und Vergänglichkeit.


Was bleibt: ein Werk gegen die bequeme Eindeutigkeit

Markus Vallazza lässt sich nicht sauber als bildender Künstler oder Schriftsteller einordnen. Genau darin liegt seine Größe. Er zeichnete, weil Literatur ihm nicht genügte. Er schrieb, weil Bilder nicht alles sagen konnten. Seine Figuren sind zugleich Selbstporträts, Masken und historische Gegenüber. Seine Zyklen führen aus dem Grödental in die Welt und immer wieder zurück – nicht als Heimatidylle, sondern als Reibungsfläche.


Die Hommage in Lana kann das gewaltige Werk nicht zusammenfassen. Sie kann aber etwas leisten, das Vallazza vermutlich wichtiger gewesen wäre als feierliche Vollständigkeit: Sie bringt die Blätter wieder unter Menschen. Im Café, im Museum, im Atelier, im Wohnheim. Man begegnet ihnen beiläufig und bleibt vielleicht doch hängen – an einer Linie, einem grotesken Kopf, einem Apfelbaum oder einem jahrhundertealten Dichter, der plötzlich wie ein Zeitgenosse aussieht.

Der Text basiert u.a. auf Gesprächen mit Verena Kammerer und Ulrike Tanzer. Die Abbildungen kommen aus dem von Alma Vallazza verwahrten Nachlass (© Markus Vallazza Archiv).

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Max Hofer

Max Hofer - geb. 1996 in Meran, Südtirol. Nach der Matura führte ihn sein hartnäckiges Interesse an Politik und Gesellschaft zum Bachelorstudium in Politik und Soziologie sowie zum Masterstudium in Medienwissenschaften nach Innsbruck. Seit 2025 arbeitet Max Hofer als freier Journalist und schreibt unter anderem für die APA, die Innsbrucker Magazine 6020 und top.tirol sowie das Südtiroler Wochenmagazin ff. Im Rahmen des Journalismusfest Innsbruck wurden mehrere seiner Texte im DER STANDARD veröffentlicht.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Andrea Kühbacher

    Wunderbarer Text zu einem wunderbaren Künstler. Einfach „Danke“.

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