Max Hofer bespricht:
Wagner präzise
Brahms und Park unter Strom
Das 4. Symphoniekonzert des TSOI Innsbruck
im Saal Tirol des Congress Innsbruck

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck bot am 19. Februar im Congress Innsbruck (Saal Tirol) mit Wagner-Auszügen aus dem Ring und Brahms’ Zweitem Klavierkonzert einen Abend, der nicht überall die letzte Konsequenz erreichte – aber in der zweiten Hälfte durch den Pianisten Jaehong Park deutlich an Schärfe gewann. Chefdirigent Gerrit Prießnitz interpretierte die Wagner-Bilder kontrolliert, mitunter fast zu korrekt. Park hingegen spielte Brahms mit spürbarer Energie, Zug und einer Präsenz, die das Orchester zur klaren Antwort zwang.

Der Wagner-Block eröffnete mit dem Einzug der Götter in Walhall: klanglich solide, sauber balanciert, ohne grobe Reibungen – und gerade deshalb nicht durchgehend zwingend. Prießnitz entschied sich für eine eher glatte Linienführung, die das Orchester diszipliniert durch die Schichten führte. Das funktioniert, nimmt der Szene aber auch jenes gefährliche Flirren, das hinter der Pracht lauern muss. Die Blechbläser saßen, die Übergänge waren ordentlich gebaut – doch die Musik blieb über weite Strecken mehr Darstellung als Ereignis.

Deutlich besser geriet das Waldweben, da hier Präzision tatsächlich in Atmosphäre umschlug. Die Streicher zeichneten das Flirren kontrolliert, die Holzbläser setzten ihre Farben prägnant und ohne Überzuckerung. Prießnitz hielt die Textur transparent, ließ die Szene atmen und vermied jene süßliche Vernebelung, die dieser Nummer schnell das Profil nimmt. Trotzdem: Auch hier hätte man an manchen Stellen mehr Mut zu Kontrast und Risiko erwartet – Natur ist bei Wagner nicht nur Idylle, sondern ein nervöses, lauerndes System.

In Morgendämmerung und Siegfrieds Rheinfahrt fand das Orchester schließlich den überzeugendsten Zugriff: die Steigerungen waren klar disponiert, der Vorwärtsdrang war da, und erstmals stellte sich jener Sog ein, der diese Musik über das rein Bildhafte hinaushebt. Ein guter – aber sehr früher – Schluss des ersten Blocks, der aber zugleich die Frage offenließ, warum dieser Zugriff nicht früher und kompromissloser gesucht wurde.

Das Publikum war im ersten Teil des Konzerts unruhig in seinen Gewohnheiten – Applaus zwischen den Stücken, bis ein hörbares Shhhh die Saalordnung wieder herstellte. Im zweiten Teil wurde es konzentrierter, was dem Abend gut bekam: Gerade Brahms braucht diese Art von gespannter Stille.

Brahms’ Zweites Klavierkonzert wurde durch Jaehong Park zum Ereignis. Parks Spiel hatte von Beginn an Energie – nicht als hektische Motorik, sondern als gerichteter Zug. Er formte die Phrasen mit Nachdruck, setzte Akzente, die nicht dekorativ, sondern strukturell sind, und hielt die Spannung auch dort hoch, wo Brahms gern in komfortable Breite kippt. Diese Entschlossenheit tat dem Werk gut: Es klang weniger nach repräsentativer Klanglandschaft, mehr nach Argument.

Im ersten Satz zeigte Park, wie man Brahms groß denken kann, ohne ihn aufzublasen: klare Attacke, kontrollierte Dynamik, ein Klang, der sich durchsetzt, ohne zu hämmern. Entscheidend war dabei sein Timing – dieses präzise Vor und Nach, das dem Orchester keinen Autopilot erlaubt. Prießnitz reagierte darauf spürbar, das Orchester spielte aufmerksamer, wacher, dialogischer als zuvor.

Der zweite Satz wurde bei Park zum Kraftfeld: energisch, kantig, mit einer Virtuosität, die nicht geschniegelt wirken wollte. Hier war er am stärksten, weil er Konflikt nicht glättete, sondern ausspielte. Das Orchester hielt dagegen, manchmal noch etwas zu vorsichtig – als würde man den Solisten eher begleiten als ihm kontern. Aber Park erzwang die Replik ein: durch Präsenz, durch klare Artikulation, durch eine innere Unruhe, die diesen Satz trägt.

Am überzeugendsten wirkte die Spannung dann im dritten Satz, weil Park hier nicht weichzeichnete. Er nahm die lyrischen Passagen ernst, ohne sie zu parfümieren: die Ruhe hatte Substanz, nicht Süße. Und im Finale setzte er auf Beweglichkeit statt prunkvolles Ausstellen – ein kluger Zugang, der den Schluss als kontrolliertes Ausatmen erscheinen ließ, nicht als Pose.
Der Applaus am Ende war deutlich und verdient. Dirigent und Solist wirkten sichtbar zufrieden. Streng bilanziert bleibt: Im Wagner-Teil fehlte streckenweise jene letzte Konsequenz, die aus guter Arbeit zwingende Kunst macht. Brahms hingegen gewann durch Parks Energie, Fokus und Druck eine Schärfe, die dem Abend gut tat – und ihm am Ende doch noch ein klares Profil gab.

Das Konzert wird heute Abend, Freitag, wiederholt.

Fotorechte: WE FEEL


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Max Hofer

Max Hofer - geb. 1996 in Meran, Südtirol. Nach der Matura führte ihn sein hartnäckiges Interesse an Politik und Gesellschaft zum Bachelorstudium in Politik und Soziologie sowie zum Masterstudium in Medienwissenschaften nach Innsbruck. Seit 2025 arbeitet Max Hofer als freier Journalist und schreibt unter anderem für die APA, die Innsbrucker Magazine 6020 und top.tirol sowie das Südtiroler Wochenmagazin ff. Im Rahmen des Journalismusfest Innsbruck wurden mehrere seiner Texte im DER STANDARD veröffentlicht.

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