Max Hofer
Musik rettet langen Abend.
Innsbrucks „Madama Butterfly“
in fragwürdiger Regie
Premierenbericht
Puccinis Madama Butterfly hatte am Samstagabend im Großen Haus des Tiroler Landestheaters in Innsbruck Premiere und erwies sich vor allem musikalisch als überzeugender Opernabend. Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović deutete die Tragödie um Cio-Cio-San als Geschichte kultureller Überformung, imperialer Macht und zerstörter Selbstaufgabe, fand dafür aber nicht durchgehend starke szenische Bilder. Was die Inszenierung in Teilen schuldig blieb, fingen Gesang, Orchester und mehrere markante Hauptpartien über weite Strecken auf.

Qiong Wu (La cugina), Bernarda Klinar (Suzuki), Elissophie Davli (La madre), Cristiana Oliveira (Cio-Cio-San), Adam Sánchez (B.F. Pinkerton), Jakob Nistler (Goro), Jacob Phillips (Sharpless) & Chor
Die Innsbrucker Produktion folgte jenem Zugang, der weniger ein historisierendes Japanbild als vielmehr eine künstliche, von westlichen Machtverhältnissen geprägte Welt zeigt, in der Cio-Cio-San Schritt für Schritt ihre eigene kulturelle Verankerung verliert.
Dieser Gedanke ist schlüssig und zeitgemäß, weil er Puccinis Oper nicht bloß als private Liebestragödie erzählt, sondern als Stück über Abhängigkeit, Projektion und kulturimperialistische Asymmetrien. Allerdings blieb dieser Zugriff szenisch unzureichend ausformuliert. Die zunehmende Entfremdung der Titelheldin von sich selbst und ihrer Herkunft wurde zwar behauptet, aber nicht in allen Phasen mit der wünschenswerten psychologischen Tiefenschärfe entwickelt.
Gerade dort, wo die Regie Cio-Cio-Sans Isolation ernst nahm und die Beziehungen der Figuren zueinander klar herausarbeitete, gewann der Abend an Kontur. Die Konstellation mit Suzuki als realitätsnaher, loyaler und zugleich warnender Begleiterin sowie Sharpless als moralisch sensibilisiertem, letztlich aber ohnmächtigem Beobachter trug das Drama verlässlich.
Weniger überzeugend geriet dagegen das szenische Umfeld. Das Bühnenbild wirkte in seiner stark artifiziellen, oft ausgesprochen pinken und stellenweise kitschig aufgeladenen Ästhetik eher wie eine Übertreibung denn als wirkliche Vertiefung der Tragödie. Vieles blieb Oberfläche, manches erschien dekorativ, wo man sich Fallhöhe und emotionale Verdichtung gewünscht hätte.

Cristiana Oliveira (Cio-Cio-San) & Adam Sánchez (B. F. Pinkerton)
Starke Stimmen im Zentrum
Wie schon so oft bei Puccini erwies sich auch in Innsbruck, dass am Ende die Musik und die Stimmen die eigentliche Wahrhaftigkeit des Abends herstellen. Im Zentrum stand eine starke Titelpartie: Cristiana Oliveira gestaltete Cio-Cio-San mit vokaler Durchschlagskraft, lyrischer Innigkeit und jener tragischen Haltung, die die Figur zwischen Hoffnung, Verblendung und innerem Zerbrechen glaubhaft macht. Sie fand zu einer Gestaltung, die den Abend emotional zusammenhielt.
Bernarda Klinar setzte als Suzuki einen der stärksten Akzente des Premierenabends. Sie sang und spielte die Dienerin mit Bodenhaftung, Wärme und dramatischem Instinkt und verlieh der Figur genau jene Realitätsschärfe, die die Inszenierung an anderer Stelle vermissen ließ.
Auch Jacob Phillips profilierte Sharpless mit Nachdruck und glaubhafter innerer Spannung; seine Figur wurde zum wichtigen Korrektiv in einem Geschehen, das von Anfang an auf die Katastrophe zuläuft. Adam Sánchez stattete den US-Marineoffizier B. F. Pinkerton zwar mit dem nötigen vokalen Material und Bühnenpräsenz aus, blieb in der Ausgestaltung der Figur aber etwas an der Oberfläche. Gerade jenes selbstverständliche Besitzdenken und jene emotionale Gedankenlosigkeit, die Pinkerton zu einer so unangenehmen wie interessanten Figur machen, hätten noch schärfer konturiert werden können.

Jacob Phillips (Sharpless), Bernarda Klinar (Suzuki) & Adam Sánchez (B. F. Pinkerton)
Das Orchester als verlässlicher Motor
Musikalisch erwies sich die Produktion dagegen als ausgesprochen belastbar. Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck verlieh Puccinis Partitur jene Farbigkeit, Spannung und dramatische Bewegung, die ein Werk wie Madama Butterfly auch dann trägt, wenn auf der Bühne nicht alles aufgeht. Die Musik federte Längen ab, verband Szenen und hielt die emotionale Temperatur des Abends hoch.
Gerade weil das Stück mit seinen wenigen eigentlichen Wendepunkten und seiner auf Warten, Hoffen und Verkennen beruhenden Dramaturgie leicht in Dehnung geraten kann, kam dem Orchester an diesem Premierenabend eine zentrale Rolle zu.
Puccinis Partitur entfaltete ihren Sog denn auch vor allem dort, wo die Inszenierung sich zurücknahm und ganz auf Musik, Stimme und Atmosphäre vertraute. In diesen Momenten entstand jene emotionale Dichte, die das Werk bis heute trägt.

Cristiana Oliveira (Cio-Cio-San)
Zugleich zeigte sich aber auch, dass ein fast dreistündiger Abend mit nur wenigen großen inhaltlichen Umschlägen szenisch besonders präzise geführt werden müsste, um nicht partiell zu ermüden. Diese Präzision war nicht in jeder Szene gegeben.
So blieb insgesamt der Eindruck einer durchaus gelungenen, musikalisch starken, szenisch jedoch nicht in allen Teilen zwingenden Premiere. Der Premierenabend endete in einem nahezu voll besetzten Haus mit großem Applaus für Ensemble und musikalische Leitung. Für das Regieteam und die Bühnenbildnerin gab es daneben auch einzelne Buh-Rufe – eine durchaus sprechende Reaktion auf einen Abend, der musikalisch deutlich geschlossener wirkte als in seiner visuellen und szenischen Umsetzung.
Fotorechte: Tiroler Landestheater / Cordula Treml
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