Max Hofer
Das Kulturjahr 2025 in Südtirol
Ein Blick über den Brenner und hinter die Kulissen
Im Gespräch mit dem Schauspieler
und Kulturaktivisten Peter Schorn
Hinter dem Brenner wirkt für Tirolerinnen und Tiroler vieles vertraut: die Berge, der Dialekt, sogar die Klagen über knappe Budgets und schwierige Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb. Und doch erzählt Südtirol auf seinen Bühnen und Leinwänden auffällig oft von Themen, die im Norden kaum verhandelt werden: Option, NS-Vergangenheit, Bombenjahre, Identität.
Das hat mit der eigenen Historie zu tun – aber auch mit der Struktur. In Südtirol gibt es nämlich drei Kulturämter – und damit drei Fördertöpfe für die ladinische, die italienische und die deutschsprachige Kultur. Das prägt logischerweise die entsprechenden Institutionen, Zuständigkeiten und Förderlogiken, betont der in Brixen geborene Peter Schorn. Der Schauspieler hat in Innsbruck studiert, arbeitet freischaffend an den Vereinigten Bühnen Bozen (VBB), in Innsbruck sowie im ganzen deutschsprachigen Raum und hat vor einigen Jahren PERFAS mitbegründet – eine Interessenvertretung für die Darstellenden Künste.
Den Brenner sieht Schorn jedenfalls als psychologische Hürde, die noch immer Publikums- und Themenwanderungen bremst. Gleichzeitig, sagt er, sind Nord- und Südtirol kulturell längst enger vernetzt, als es das Publikum manchmal ist: Irene Girkinger, heute Intendantin am Tiroler Landestheater, war zuvor künstlerische Leiterin an den VBB. Rudolf Frey, derzeitiger künstlerischer Leiter in Bozen, ist ebenfalls gut in der österreichischen Szene verankert. Auch in der freien Szene gebe es immer wieder Koproduktionen – etwa zwischen den Bühnen Dekadenz Brixen und praesent in Innsbruck, so Schorn. Mit der Fertigstellung des Brennerbasistunnels sowie einer reduzierten Fahrtzeit zwischen Innsbruck und Bozen von rund 45 Minuten werde dann ab 2032 hoffentlich auch das Publikum die Hürde Brenner häufiger überspringen.
Zwei Premieren, ein gemeinsamer Nerv
Schorn meint, die Südtiroler Geschichte habe viel Potenzial für kollektive Traumata und Identitätsfragen – und werde deshalb kulturell immer wieder aufgearbeitet. 2025 war das besonders sichtbar: Theater und Film griffen unterschiedliche Jahrzehnte auf, berührten aber ähnliche Fragen nach Zugehörigkeit, Verlust und Loyalität.
Ein Hund kam in die Küche: Kindheit, Option, Verlust
Am 3. Mai 2025 brachten die Vereinigten Bühnen Bozen Sepp Malls Roman Ein Hund kam in die Küche als Bühnenfassung (Regie: Peter Lorenz) auf die Bühne. Der Stoff ist nicht nur südtirolbezogen, sondern berührt auch Nordtirol unmittelbar: Ein zentraler Ort der Handlung ist Innsbruck, wo der beeinträchtigte Bruder des Erzählers nach der Einreise in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen wird. Die Familie zieht weiter – und der Einschnitt bleibt als Bruch bestehen.
Malls Roman, 2023 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis, erzählt die Option 1942 aus der Perspektive eines Kindes. Gerade diese Sicht macht den Text so eindringlich: Die kindliche Wahrnehmung legt frei, wie sehr Politik in Alltag, Sprache und Körper hineinwirkt. In unserer Familie gab es keine Wörter für den Abschied“, heißt es sinngemäß – eine Sprachlosigkeit, die den Kern des Romans trifft. Die Bühnenfassung verbindet Text, Musik und Bewegung. Sprache wird nicht nur gesprochen, sondern auch in Klang übersetzt.
Zweitland: Die Feuernacht als Familiengeschichte
Die zweite große Produktion war Zweitland, das Kinodebüt von Regisseur Michael Kofler. Der Film spielt 1961, in einer Phase separatistischer Bombenanschläge und eskalierender Repression. Im Zentrum stehen zwei Brüder. Anton kämpft kompromisslos für den Schutz der deutschsprachigen Minderheit, Paul will aus dem Dorf weg und Malerei studieren. Als Anton enttarnt wird und flieht, verschieben sich die Lasten. Paul bleibt zurück und muss Verantwortung übernehmen – für Hof, Familie und die Folgen eines politischen Konflikts, der private Leben überrollt.
Besonders stark ist die Figur der Anna, Antons Frau, die sich gegen patriarchale Strukturen ihres Umfelds zu wehren beginnt. Dadurch wird Zweitland mehr als nur historisches Kino. Der Film zeigt, wie politische Eskalation Familienordnungen verändert – und wie Loyalität, Schuld und Selbstbehauptung ineinander greifen.
Hinter den Kulissen: Wenn Kultur um ihre Zukunft ringt
Während auf der Bühne und Leinwand 2025 viel Vergangenheit verhandelt wurde, diskutierte die Szene im Hintergrund über ihre Gegenwart – und darüber, ob Kulturarbeit dauerhaft tragfähig sein kann. Schorn erzählt von Debatten über zu geringe Gagen, Rentenzuschüsse und veraltete Strukturen. Sein Befund ist nüchtern: Kultur ist überall prekär. 2025 sei trotzdem ein Jahr gewesen, in dem Verbesserungen angestoßen und wichtige Schritte gesetzt worden seien – was allerdings auch heißt: Vieles ist noch nicht eingelöst, sondern erst angekündigt oder angelegt.
PERFAS: Interessenvertretung für Darstellende Künste
PERFAS entstand 2021 aus einer Lücke heraus, erzählt Schorn. Während andere Kunstsparten in Südtirol schon länger organisiert waren, fehlte bis dahin eine Vertretung für die Darstellenden Künste – also für Schauspiel, Musik und Tanz, aber auch für viele Berufe hinter der Bühne. Die Organisation habe im vergangenen Jahr an verschiedenen Punkten Teilerfolge für die Kulturszene feiern dürfen, so Schorn.
Fair Pay: Maßstäbe statt Bauchgefühl
So wurde im September auf einer Pressekonferenz im Bozner Landhaus etwa das Fair Pay-Logo von Landesrat Philipp Achammer (SVP) präsentiert. Es soll als gemeinsames Zeichen für alle Partner der Initiative – neben dem Land Südtirol und der Künstlervereinigung PERFAS auch die Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung (SAAV) – dienen.
Für Schorn ist das Symbolische aber weniger wichtig als das Konkrete: Man habe sich an die Politik gewendet und signifikante Budgeterhöhungen für die Theater des Landes erreicht. Ein wichtiger erster Schritt, betont er, der aber nur für die deutschsprachige Szene gelte. Beim Fördertopf für italienische Kultur habe sich bisher hingegen nichts getan – keine Budget- und damit auch keine Gagenerhöhungen. Im Moment ist hier noch gar nichts passiert, betont Schorn und verweist auf ein wachsendes Ungleichgewicht.
Im Waaghaus Bozen organisierte PERFAS zudem ein Austauschtreffen, bei dem Fachleute aus Wien (IG Freie Theaterarbeit) Modelle und Entwicklungen aus Österreich vorstellten. Die Erkenntnisse wurden anschließend schriftlich an Politik und Verwaltung übermittelt. Der Fairness-Prozess gewinnt damit Kontur: weniger Debatte über das ob, mehr Arbeit am wie.
Der nächste Schritt, sagt Schorn, sei die Definition und schrittweise Umsetzung von Honoraruntergrenzen. In Österreich werde das von der IG Freie Theaterarbeit ohnehin bereits empfohlen. Es brauche jedenfalls einen Maßstab, der beziffert, was nötig ist, um von Kulturarbeit leben zu können – nicht als Ideal, sondern als Verhandlungsgrundlage.
Rentenzuschüsse: Kleine Beträge, große Wirkung
Unspektakulär, aber für viele in der Szene existenziell, waren die Anpassungen bei regionalen Zuschüssen zur Altersvorsorge. 2025 erhöhte der Regionalrat die jährlichen Beiträge von maximal 500 auf 1.000 Euro und hob die Einkommensgrenze als Zugangskriterium von 35.000 auf 40.000 Euro an.
Für manche ist das ein Signal: Die Politik erkenne zumindest an, dass Kulturarbeit nicht nur ein Beruf für die Jungen ist. Dennoch bleibt es für den Großteil ein Tropfen auf einen heißen Stein – weil sich Prekarität nicht über erhöhte Zuschüsse, sondern planbare Strukturen lösen lässt. Schorn verweist darauf, dass soziale Absicherung ja eigentlich eine staatliche Aufgabe sei und die Provinz hier bereits das Bestmögliche versucht. Er finde es jedenfalls lobenswert, dass das Land ausgleichend einwirkt, weil es ein staatliches Defizit gibt.
IDM Music Fund: Förderung als Standortpolitik
Ein weiteres zentrales Thema des vergangenen Jahres war der Start des IDM Music Fund Südtirol, den Schorn als Novum sowie als Pendant zum IDM Film Fund bezeichnet. Es handle sich dabei um eine Wirtschaftsförderung, die nicht nur an einzelnen Produktionsschritten ansetzt, sondern am gesamten Zyklus der Kreativwirtschaft: Produktion, Promotion, Vermarktung, Live-Auftritt.
Die Landesregierung übertrug diese Musikförderung an die Standortagentur IDM Südtirol, wodurch die Film & Music Commission neu aufgebaut wurde. Der erste Fördercall startete dann bereits im Oktober. Bewerben könne man sich indes aus ganz Europa, erklärt Schorn, das Geld muss dann aber in Südtirol bleiben. Antragstellerinnen und Antragsteller müssen nachweisen, dass mindestens 20 Prozent über die Fördersumme hinaus im Land ausgegeben werden.
Die Förderung wird als Standortpolitik verstanden – im Zentrum steht also nicht nur die Kunst, sondern auch die regionale Wertschöpfung. Das Ziel sei es Investitionen anzuziehen und entsprechende Infrastruktur im Land aufzubauen, erklärt Schorn. In Südtirol seien etwa aufgrund der Filmförderung in den vergangenen Jahren mehrere Studios entstanden, die zentrale Schritte in der Postproduktion von Filmen – etwa Color Grading – anbieten, und damit an der Professionalisierung der heimischen Szene mitwirken. Dasselbe erhoffe man sich nun für die Musik-Szene.
Kommentar:
Auch wenn mich dieses Konzept der Standortpolitik überzeugt, die Kulturförderung parallel dazu weiterläuft und ich mir gut vorstellen kann, dass die Förderung von Kreativwirtschaft in den kommenden Jahren sowohl wirtschaftliche als auch kulturelle Früchte tragen wird, beschleicht mich dennoch ein kritischer Gedanke: Adorno und Horkheimer hätten die Kopplung von Wirtschaftsförderung und Kunst oder den Begriff der Kreativwirtschaft vermutlich als Paradebeispiel jener Kulturindustrie gelesen, die Kultur nach Kriterien von Verwertung, Steuerbarkeit und Output organisiert.
Kunst wird in Förderlogiken gepresst, die messbar machen wollen, was sich eigentlich nicht ohne Weiteres messen lässt. Kunst und Kultur wird zur Ware. Es stellt sich damit eine Frage, die Kulturpolitik oft elegant umgeht: Fördert man hier vor allem künstlerische Ausdruckskraft? Oder eine Branche, die möglichst effizient Umsätze, Sichtbarkeit und Produkte erzeugen soll?
Max Hofer
Peter Schorn
Peter Schorn (geboren und aufgewachsen in Brixen, Südtirol) ist Schauspieler, Sprecher und Autor. Nach einem Psychologiestudium in Innsbruck absolvierte er seine Schauspielausbildung u. a. an der Neighborhood Playhouse School of the Theatre in New York. Seit 2004 arbeitet er freischaffend für Theater, Film und Fernsehen – mit Engagements an den Vereinigten Bühnen Bozen, in Südtirols Stadttheatern sowie bei Produktionen in Österreich, Deutschland und der Schweiz (z. B. Triebwerk7 Innsbruck, Kula Compagnie Berlin, Theater an der Effinger Straße Bern). Im TV war er in den ZDF-Serien Die Rosenheim-Cops und Mordkommission Königswinkel zu sehen, im Kino wirkte er etwa in Downhill mit. Für seine Hauptrolle im Film Michael Gaismayr (Regie: Wolfgang Moser) erhielt er 2023 mehrere internationale Auszeichnungen als bester Hauptdarsteller.
Neben der Schauspielarbeit ist Schorn vielseitig tätig: als Kabarettist, Moderator, Voice Artist, Drehbuch- und Theaterautor, Dramaturg, Dialog-Coach sowie in Formaten wie Impro- und Unternehmenstheater. Außerdem gibt er Workshops und Fortbildungen. Seit 2004 ist er Gründungsmitglied des Bozner Improtheaters Carambolage.
Kulturpolitisch engagiert er sich als Mitgründer und Präsident von PERFAS (Performing Arts Association South Tyrol), der Interessenvertretung für die darstellenden Künste in Südtirol – ausdrücklich auch für die vielen Berufe hinter der Bühne. Peter Schorn lebt mit seiner Familie in Brixen. Aktuell probt er an den Vereinigten Bühnen Bozen für Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Premiere 21.02.2026).
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