Literarische Korrespondenz:
Christoph Schmarl an Reinhold Knoll
Betrifft:
Schadet technischer Fortschritt?
Zum Transhumanismus

Sehr geehrter Herr Professor Dr. Knoll!

Ihr Text hat mich stark beschäftigt. Er entwirft die These, dass Technik, Fortschritt und transhumanistische Ideen zwangsläufig zu einer Entmenschlichung führen könnten. Diese Sichtweise ist nachvollziehbar zugespitzt, wirkt in ihrer Konsequenz jedoch zu einlinig.

Im Zusammenhang mit Friedrich Nietzsche wird häufig auf den Übermenschen verwiesen. In Also sprach Zarathustra heißt es: Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Dieser Satz ist jedoch weniger als politische Programmatik zu verstehen, denn als philosophische Provokation. Er richtet sich gegen geistige Erstarrung und Selbstzufriedenheit – nicht gegen die Würde des Menschen. Eine direkte Linie von Nietzsche zu moderner Menschenverachtung erscheint daher verkürzt.

Ähnlich problematisch ist der Rückgriff auf den Sozialdarwinismus. Der Begriff survival of the fittest beschreibt bei Charles Darwin einen biologischen Anpassungsprozess, keine moralische oder gesellschaftliche Rangordnung. Der Übergang von naturwissenschaftlicher Beschreibung zu sozialer Ideologie ist kein notwendiger, sondern ein interpretativer Schritt.

Auch aktuelle Technikdebatten, etwa bei Yuval Noah Harari und seinem Werk Homo Deus, lassen sich differenzierter lesen. Die dort entworfenen Szenarien sind primär als Warnungen vor möglichen Entwicklungen zu verstehen – nicht als deren Befürwortung.

Demgegenüber bleibt für mich ein zentraler Gedanke der Aufklärung maßgeblich: Immanuel Kant formuliert, dass der Mensch Zweck an sich selbst ist. Dieser Grundsatz bildet bis heute eine tragende Säule moderner Menschenrechte. Technik bewegt sich somit nicht außerhalb moralischer Grenzen, sondern innerhalb eines normativen Rahmens, den Gesellschaften bewusst setzen und verteidigen müssen.

Technischer Fortschritt und neue Medien bringen aus meiner Sicht neben Risiken auch erhebliche Chancen mit sich. In der Medizin ermöglichen sie präzisere Diagnosen und individualisierte Therapien, in der Rehabilitation eröffnen moderne Prothesen neue Lebensqualität, und im Bildungsbereich erweitern digitale Werkzeuge den Zugang zu Wissen. Auch Assistenzsysteme und digitale Kommunikationsformen können Selbstständigkeit fördern und gesellschaftliche Teilhabe stärken.

Ein eindrucksvolles historisches Gegenbeispiel zur These einer zwangsläufigen Entmenschlichung ist Henri Dunant. Seine Erfahrungen auf dem Schlachtfeld von Solferino führten nicht zu Resignation, sondern zu einem humanitären Aufbruch – zur Gründung des Internationalen Roten Kreuzes und zu den Genfer Konventionen. Sein Wirken zeigt, dass gerade in Zeiten tiefgreifender Umbrüche Humanität, Verantwortung und Mitgefühl gestärkt werden können.

Aus pädagogischer Perspektive sehe ich zugleich reale Herausforderungen im Umgang mit digitalen Medien. Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer hat diese mit dem Begriff der digitalen Demenz zugespitzt. Diese These hat wichtige Impulse in der Debatte gesetzt, ist jedoch wissenschaftlich umstritten und wird von vielen Fachleuten als zu pauschal kritisiert. Unbestritten bleibt dennoch, dass Fragen der Konzentrationsfähigkeit, der kognitiven Entwicklung und der sozialen Interaktion im digitalen Kontext ernst genommen werden müssen.

Die Einführung von Unterrichtsfächern wie Digitale Kompetenz erscheint daher als ein notwendiger Schritt. Kinder und Jugendliche sollten lernen, bewusst, kritisch und reflektiert mit Medien und technischen Entwicklungen umzugehen – Chancen zu nutzen und Risiken zu erkennen.

Gleichzeitig sollten Schulen und Universitäten Orte der Begegnung bleiben: Räume des Denkens, der Kommunikation und des offenen Diskurses. Hier werden demokratische Grundwerte nicht nur vermittelt, sondern gelebt: Meinungsfreiheit, respektvoller Austausch und die Fähigkeit zum kritischen Denken. Gerade im digitalen Zeitalter ist differenzierte Kommunikationsfähigkeit zentral. Ebenso wichtig ist es, kulturelle, philosophische und historische Perspektiven im Bildungssystem zu bewahren.

Dann besteht die begründete Hoffnung, dass der Mensch seine Würde wahrt und seine Humanität bewahrt – und dass Technik nicht zum bestimmenden Faktor wird, sondern verantwortungsvoll gestaltet wird.

Für mich bleibt daher ein zentraler Gedanke: Nicht die Technik selbst entscheidet über Humanität oder Entmenschlichung, sondern die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, in denen sie eingesetzt wird. Zugespitzt formuliert: Technik verstärkt vor allem das, was wir als Gesellschaft aus ihr machen.

Ihr Text hat mich herausgefordert und zum intensiven Nachdenken angeregt. Gerade in seiner Zuspitzung zwingt er dazu, eigene Positionen zu klären – und genau darin liegt seine Stärke.

In diesem Zusammenhang erscheint mir auch ein Gedanke von Ludwig Wittgenstein bedeutsam: Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Und Karl Marx ergänzt aus einer stärker praxisorientierten Perspektive: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern.

Abschließend möchte ich meinen Respekt für Ihre langjährige wissenschaftliche Arbeit und Ihr Engagement ausdrücken. Ihre Ausführungen leisten – gerade in ihrer Zuspitzung – einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte.

Auch wenn Ihr Text eher warnend angelegt ist, sehe ich die Zukunft nicht ausschließlich pessimistisch. Vielmehr liegt im reflektierten Umgang mit Technik und im Festhalten an humanistischen Werten die Chance, Fortschritt und Menschlichkeit miteinander zu verbinden.

Mit freundlichen Grüßen
Christoph Schmarl

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Christoph Schmarl

Christoph Schmarl, geb. 1957, Volksschullehrer, Hauptschullehrer, Direktor der Praxishauptschule bzw. Praxis-Neuen Mittelschule an der Pädagogischen Hochschule Tirol in Innsbruck, Professor L1 ab 1995, Hochschullehrer für Fachdidaktik mit dem Schwerpunkt Primarstufe an der Pädagogischen Akademie und PHT, Praxisbetreuer und in schulischen Gremien tätig. Christoph Schmarl hat sich vor allem mit Themen wie Schulentwicklung, Schulpraxis, Bildung für Nachhaltigkeit, Schule als Ort der Begegnung, Schülerbeteiligung und Motivation im Unterricht beschäftigt.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Reinhold Knoll

    Sehr verehrter Herr Professor,
    vielen Dank für Ihre ausführliche Stellungnahme. Es ist ein gewaltiges Problem, geistesgeschichtliche Folgen vom Urheber oder aus dem Original zu trennen. Ich teile Ihre Position, dass in den beiden Fällen „anderes“ gemeint war, also bei Nietzsche oder Spencer, doch die Konsequenz müssen Sie leider mittragen. Ich stütze mich da auf die Klage von Talcott Parsons, der wiederholt bedauerte, dass wegen Spencers Konzept in den USA keine staatliche Krankenversicherung eingeführt werden kann.

    Das wiederholte Richard Sennet im „flexiblen Menschen“. Wir erinnern uns, wie wir dann diesen ersten neoliberalen Schwung ausgerechnet durch Franz Kreuzer über Popper-Interviews im ORF erhalten haben. Und es gab nicht wenige, die meinten, man sei verpflichtet – durch Spekulation (oder?) so viel an Kapital anzusparen, um aus den Zinsen den Lebensabend verbringen zu können. Da ist ja dann der Bitcoin zur rechten Zeit gekommen….

    Das Problem Technik ist außergewöhnlich mühsam. Shushana Zuboff hat im „Überwachungskapitalismus“ ein grauenhaftes Buch veröffentlicht, das sehr ernst zu nehmen ist.

    Skeptisch in mehrfacher und in sehr zu beherzigender Weise verfasste Nietzsche die Vorträge über den Niedergang der deutschen Bildungsanstalten. Die Beschreibung „kurranter Menschen“ trifft jetzt zu. Wir steigerten sogar das Dilemma mit der weiteren Schwächung basaler Kulturtechniken: Lesen, Schreiben, Rechnen. Ähnliche Bedenken äußerte Schumpeter in den Aufsätzen zur Soziologie im Verhältnis Bürokratie und Kapitalismus.

    In einer Position bin ich überhaupt nicht Ihrer Meinung: Die Ausbildung in moderner Kommunikationstechnologie führt nicht zum kritischen, skrupulösen, denkenden und prüfenden Lebewesen, sondern verschärft den Gegensatz zwischen prozessualem Verlauf der Gesellschaft und Spielmetaphorik.

    Das Lesen-Lernen hatte noch nie zum kritischen Geist geführt. Eher führte ein kritischer Geist als „Naturanlage“ zum Lesen-Lernen. Das ist jetzt kein Bonmot, sondern vielleicht zeigt die Umdrehung unsere Täuschung.

    Es erinnert mich, dass die Morgengespräche am Institut anfänglich (70er Jahre) sich vonehmlich um Sendungen im TV drehten, die ausschließlich informations- und Bildungscharakter hatten. Da log jeder wie gedruckt, da natürlich der Krimi angesehen wurde….Das Lügen dank Technik wäre ein großes Thema! Man muss ja nicht gleich wie Michael Moore die Meinung vertreten, niemand war am Mond….

    Harari halte ich für eine üble Erscheinung und sein Trick ist das Wechselspiel zwischen Vergottung des Menschen, dessen Absinken unters Tier, um ihn dann als technomorphe, biomorphe oder gar soziomorphe Gottheit wiederauferstehen zu lassen. Der Herr soll sich entscheiden. Man soll grundsätzlich nicht Positionen veröffentlichen, um in Time oder Spiegel- oder Zeit veröffentlicht zu werden. Ich finde mit dem schoepfblog das Auslangen und mehr geht eh nicht.

    Vielen Dank nochmals für die anerkennenden Sätze – die mich verpflichten, dieser Erwartung zu genügen.
    Liebe Grüße

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