Literarische Korrespondenz:
Thomas Gasser an schoepfblog
Betrifft:
Tiroler Landestheater
Alles klingt gleich!

Die Intendanz Girkinger hat ihr zweites Jahr vollendet. Nach dem Leitspruch der ersten Saison Wir spielen für alle! nahm ich diesmal aus dem Theateroval die Botschaft Alles klingt gleich! mit nach Hause. Die jüngste Premiere im Großen Haus hat dies wieder eindrücklich gezeigt.

Die – außer in der Oper – nun am TLT allgegenwärtige akustische Verstärkung der Stimmen in Musical, Schauspiel und nun eben auch in der Operette Im Weißen Rössl vereinheitlicht den Klang und nimmt ihm die so wesentliche persönliche Note, die der Künstler der Rolle mit leidenschaftlichem Spiel und Gesang verleihen will. 

Die Stimmen der Akteure kommen, ungeachtet wo auf der Bühne sie gerade sind oder was die Regie ihnen abverlangt, in immer gleicher Lautstärke aus den unsichtbaren Lautsprechern. Die erwünschte Klangmischung wird von der Tontechnik genau geregelt, beim Schlussapplaus erweisen die SängerInnen neuerdings nicht nur dem Orchester und dem Dirigenten die Reverenz, nun wird auch der unsichtbar wirkenden Tonregie die Ehre gegeben. Was für ein Wandel!

Diese Neue Zeit am Theater erlaubt der Regie alle Freiheiten, das Stück in der gewünschten Weise zu verändern und die Handlung nach Belieben zu erweitern. 

Für einen der persönlichen Nähe bedürfenden Dialog müssen Schauspieler sich nicht mehr physisch nahe sein, wie auch die Nähe zum Publikum nicht mehr zwingend ist. Diese neuartige Umsetzung nimmt den Stücken aber häufig die ihnen vom Urheber verliehene natürliche Kraft, die sich eben nur in kostbaren Augenblicken auf der Bühne entfalten kann. 

Unterschiedliche Genres werden so vereinheitlicht und erscheinen fast austauschbar. Ich empfinde das als einen großen Verlust. Hang man früher an den Lippen eines Schauspielers, um das auf der Bühne gesprochene Wort nicht nur zu hören, sondern in seinem ganzen Sinn zu erfassen, ist man heute fast versucht, sich vor der oft dröhnenden Lautstärke des Bühnengeschehens zu schützen.

Beim Rössl fiel neben der Vereinheitlichung der Singstimmen in Intensität und Timbre vor allem auch die überbordende Lautstärke des Orchesters auf, die geübte Opernstimmen und singende Schauspieler leider allzu oft zudeckte. 

Die mit viel subtiler deutsch-österreichischer Komik rund um den eigentlichen Handlungsfaden, der Liebesgeschichte zwischen Zahlkellner Leopold und seiner Chefin Josefa, erzählte Geschichte ging in dem schrillen Umfeld fast verloren, da war nur mehr wenig Platz für Intimität. 

Dem so geprüften Publikum bleibt – wie dem alten Kaiser – nur zu sagen: Es war sehr schön, es hat mich nicht sehr gefreut.

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Gasser

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