Literarische Korrespondenz:
Sylvia Tschörner an Alois Schöpf
Betrifft:
Sparen bei den Universitäten

Deine Ideen, lieber Alois 

oder die Ideen Deines ungenannten Bekannten aus dem Führungsteam der Universität (der es eigentlich besser wissen müsste) – sind bereits umgesetzt oder sie perpetuieren bereits bestehende Probleme:


Numismatik und Assyriologie
 

Diese beiden Fächer kann man in Österreich nur in Wien studieren. In Innsbruck wurde bis vor einigen Jahren eine Numismatik-Vorlesung unter dem Titel Das kleine Münzvergnügen angeboten, und zwar ehrenamtlich (heißt es) von einem münzbegeisterten, mittlerweile leider pensionierten Dozenten.

Von dieser Lehrveranstaltung wird noch immer geschwärmt, nicht nur, weil der Vortragende ein lebendes Antike-Lexikon ist und zudem einen feinen, boshaften Humor besitzt, sondern auch, weil das Fach an der Historisch-Philosophischen Fakultät sonst nirgends gelehrt wird, und Münzen sehr wichtig für die Datierung archäologischer Schichten und auch interessant für Althistoriker und Altphilologen sind.

Die Selbstinszenierung des Herrschers auf dem Porträt verrät manchmal eine Menge über ihn und seine Zeit. Auch sonst werden Numismatiker gebraucht. Münzen sind ein beliebtes Geschenk und für viele eine Anlageform, weshalb im Fall von Erbschaften häufig eine Bestimmung notwendig wird.

Wenn man keine Ahnung von der Materie hat, helfen einem das Internet und Kataloge nur bedingt weiter. Ich habe vor Kurzem in dem Geldhäufchen, das wir als Kinder zum Kaufmann-Spielen bekamen, zwei Sesterzen gefunden, von denen ich nun dank des oben genannten Archäologen weiß, dass sie unter Constantius bzw. Gordian geprägt wurden, zwei Oströmischen Kaisern, von denen ich bis dahin noch nie gehört hatte, obwohl sie gar nicht so unwichtig sind.
Das freut mich, auch wenn Du es vielleicht für unnützes Wissen hältst. 

In seinem Essayband In Praise of Idleness erzählt Bertrand Russell, dass er Marillen noch lieber esse, seit er wisse, dass das Wort Aprikose von praecox kommt, weil diese Frucht vor den meisten anderen reif wird. Dieses Vergnügen kann ich nachvollziehen.

Zur Assyriologie, Alt-Assyrisch und Keilschrifttexten, Sumerisch, Akkadisch usw. gibt es in Innsbruck Lehrveranstaltungen im Rahmen der Studiengänge Classica et Orientalia (BA) und Antike Welten (MA). Sie sind unabdingbar für Leute, die im Nahen Osten graben oder in entsprechenden Museumsabteilungen oder Wissenschafts-Verlagen arbeiten wollen. Als Dein Kollege Schrott an seiner Gilgamesch-Übertragung arbeitete, die dann auch im Akademietheater aufgeführt wurde, hat er zweifelsohne auch mit Alt-Orientalisten zusammengearbeitet.


Altgriechisch

Ich selbst sollte Alt-Griechisch lernen, und das wird mich irgendwann ein Jahr kosten. Danach werde ich aber auch nur ein wenig Bibelgriechisch können, denn bei den Altphilologen gibt es keinen Anfänger-Kurs Griechisch mehr.
Griechisch-Kenntnisse fehlen mir im Übrigen nicht erst jetzt, wo ich Archäologie studiere (wofür es keine Voraussetzung mehr ist). Ich hätte es schon in der Vergangenheit des Öfteren für komparative Artikel und vor allem für eine Arbeit über Commedia dell’arte gebraucht, weil ich die meines Erachtens wichtigste Quelle zu deren Anfängen (eine Enzyklopädie aus dem 2. Jh. n. Chr.) nicht lesen konnte. Lebende Sprachen, die es heute in jedem Studium braucht, weil die Literatur selten deutsch ist, lassen sich mithilfe von Au pair-, Erasmus- oder Arbeitsaufenthalten im Ausland leichter erlernen als tote Sprachen. Das als Nachtrag zu Deinem Apropos über angeblich sinnloses Sprachenlernen.

Prognosen

Noch ein paar Worte zu Bedarfs-Prognosen, zu schaffenden Freiplätzen und Entlassungen im universitären Bereich.
Bedarfs-Prognosen werden in den meisten Fällen schon nach ein paar Jahren durch Erfindungen und Entwicklungen hinfällig. Wem würde man heute raten, Programmierer zu werden? Wer von meinen Schülern, die ich mit Telex-Sprache plagen musste, hat nach der Schule je ein Telex verfasst?

Wie kann man die Eignung eines 18-jährigen für Assyriologie feststellen und was befähigt einen zum Numismatiker? Ich hatte eine Freundin, die in der Schule Schwierigkeiten in Latein, Mathematik und etlichen anderen Fächern hatte und sich vor allem ekelte. Sie studierte Medizin und arbeitet immer noch als praktische Ärztin auf dem Land. Es war der richtige Beruf für sie, obwohl es zunächst aussah, als ob sie dafür gänzlich ungeeignet wäre.

Entlassungen von Angehörigen des universitären Mittelbaus, zu denen es nun vermehrt kommen soll, schließlich, sind schon seit Jahrzehnten das größte Problem im universitären System. Der Eindruck, den Du Anfang der 70er von ein paar Semestern eines – wie ich annehme – geisteswissenschaftlichen Studiums (Germanistik?), das vermutlich auf Studenten abzielte, die zu 90% keine Forscher, sondern Lehrer werden wollten, mitgenommen hast, hat nichts mit der Realität anderer Fächer und des heutigen Unibetriebs zu tun.

Tüchtige Leute bekommen befristete Anstellungen, damit sie ihre Diss oder Habil schreiben können. Während dieser Zeit schreiben sie Vorlesungen, für die sie viel recherchieren müssen, halten Seminare und Praktika, korrigieren, arbeiten rund um die Uhr für Institutsprojekte, publizieren in Fremdsprachen.

(Nein, DeepL und Chatgpt können das nicht für sie erledigen! Chatgpt scheitert bereits an einem 5-seitigen Pro-Seminar-Referat über ein bronzezeitliches Fürstengrab, zu dem es im Netz jede Menge Literatur gibt.)

Sie fahren zu Kongressen, stampfen EU- und andere Projekte aus dem Boden und versuchen sie durchzubringen, insbesondere, wenn sie zu Lasten eigener Einnahmen beschäftigt sind, und da diese Projekte lange nicht anlaufen können, weil die Zusage auf sich warten lässt, ist das Projekt normalerweise gerade so richtig angelaufen, wenn sie nach Ablauf der vier Jahre die Stelle verlieren. Niemand kann es übernehmen, denn niemand sonst ist genügend eingearbeitet.

Als satter Normalbürger redet man sich gern ein, dass jeder erntet, was er verdient. Aber in der Wissenschaft hat man sehr viel Glück, wenn man zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle war und wieder ein Projekt oder einen befristeten Job hat.

Du hast vielleicht von dem Innsbrucker Glaziologen gehört, der in der Antarktis geforscht und in Nature veröffentlicht hat, regelmäßig als Experte zu Radio- und TV-Diskussionen eingeladen wird, und für den es nun keine Verlängerung gibt.

Wir haben einen Urgeschichtler, der letzten Sommer wegen eines Fundes seiner Arbeitsgruppe aus dem Paläolithikum (eine Sensation! Neandertaler in Tirol!) in allen Zeitungen war. Der Mann ist ein Kapazunder, lustig und nett, und nähert sich dem Fünfziger. Wenn er nicht verlängert wird, ist das nicht nur ein schwerer Schlag für ihn und seine Familie in Deutschland, sondern der Fachwelt geht ein exzellenter Didaktiker und ein Schatz an Wissen und Erfahrung verloren. Wer wird das Fach in Hinkunft lehren und sein vielversprechendes Projekt betreuen? Ein Dissertant, der nur wenig mehr weiß als wir Studenten?

Noch ein Wort zum Ärztemangel, über den Du Dich lustig machst, obwohl Du ihn schwerlich leugnen kannst. Mein Mann und ich sind, wie Du sicher auch, in der privilegierten Situation, Wahlärzte aufsuchen zu können. Trotzdem haben wir nach der Pensionierung unseres Augenarztes 14 Monate lang immer wieder vergeblich versucht, irgendwo einen Termin für den jährlichen Check zu bekommen.

Auch als ich mir letzten Juli beim Graben, mit Mund- und Augenschutz bei 34 Grad, eine Herpes-Infektion am Auge zuzog (die zu Erblindung führen kann), fand ich keinen Arzt, der die Zeit aufbringen konnte, sich das anzuschauen.

An der Innsbrucker Klinik hat mein Mann letzte Woche wegen einer kleinen OP, die weder in der Igler Arztpraxis noch von der Fachärztin durchgeführt werden konnte, bestellter Weise, einmal von 8.30 bis 13.30 und einmal von 9.30 bis 12.00 gewartet.

Mit ein wenig gutem Willen könntest Du Dir vorstellen, dass sich die Situation nicht bessern wird, wenn die Quote an Studiums- und Turnusplätzen für Mediziner gleichbleibt und die Studenten während des Studiums durch zunehmenden Dozentenmangel noch mehr aufgehalten werden.

Bleib mir trotzdem gewogen,
Sylvia

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Sylvia Tschoerner

Sylvia Tschörner studierte englische, französische und italienische Philologie und Schauspiel. Sie publiziert in Sammelbänden, Fachzeitschriften und Theaterprogrammen. Ihre Stücke wurden in diversen Off-Theatern (Westbahntheater), im ORF Kulturhaus, Congress Innsbruck und im öffentlichen Raum (Schloss Ambras, Glyptothek der Universität), einige mit ihr selbst als Schauspielerin, aufgeführt. Sie übersetzt hauptsächlich für Theater- und Musikverlage sowie Theater- und Festspielproduktionen (u. a. Festwochen der Alten Musik, Theater an der Wien, Salzburger Festspiele).

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