Literarische Korrespondenz:
Martin Leitner an Alois Schöpf
Alois Schöpf an Martin Leitner
Betrifft:
Kritische Anmerkungen zur
"Blasmusikfibel"

Sehr geehrter Herr Schöpf!

Ich habe vor kurzem Ihre Blasmusikfibel gelesen und kann Ihnen in vielen Ihrer Beiträge Recht geben und bedauere auch eine gewisse Fehlentwicklung in der ganzen österreichischen Blasmusikszene.

Jedoch kann ich einige Aspekte überhaupt nicht nachvollziehen. Sie kritisieren Sepp Tanzer und Sepp Thaler (später Ploner) als NS-Funktionärskomponisten und bezeichnen ihre Kompositionen als MACHWERKE, gleichzeitig verewigen Sie als verantwortlicher Kapellmeister die Märsche Bozner Bergsteigermarsch sowie Rechts schaut, beide von Sepp Tanzer, und den Marsch Schloß Leuchtenburg von Sepp Thaler auf Tonträger!

Ich sehe unter Ihrer Stabführung keine einzige Aufnahme eines hochkünstlerischen Werkes der Herren Hans Gal, Ernst Toch, Ernst Pepping oder Arnold Schönberg!

Wenn Sie die Interpretation der Musikstücke der Gidsen unter Yves Segers als mittelmäßig und unbefriedigend einstufen sowie als mühsamen Einheitsbrei betrachten, so ist das halt ihre fachmännische Meinung, die sicher keinen Rechtsanspruch auf Alleingültigkeit hat. Wenn beispielsweise 3 professionelle Musikkritiker ein Konzert bewerten, gibt es sicher 2 völlig entgegengesetzte Ansichten dazu!

Wenn Sie die übergewichtigen Musiker der Egerländer runtermachen, so möchte ich nur zu gerne wissen, was die Qualität eines Blasmusikers mit seinem Gewicht zu tun hat. Die Beschränkung des Repertoires auf Polka, Walzer, Marsch als langweilige und einfallslose Musik aus Böhmen zu bezeichnen, ist schon etwas seltsam, wenn Sie auf der anderen Seite die Alt Matreier Tanzmusik einladen, die ebenfalls ein ganzes Konzert mit diesem beschränkten Repertoire (vielleicht noch Landler dazu) und Besetzung (ebenfalls keine Klangvielfalt) spielten. Und das soll dann nicht langweilig sein?

Nachdem Sie bereits beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker eingeschlafen sind, dürften hoffentlich viele Ihr Schnarchen während der Alt Matreier mitbekommen haben.

Ihre Kritik an Landes- oder Bezirksblasorchestern kann ich nicht nachvollziehen. Ob es in Tirol nur zwecks Show für Funktionärsjunkies passiert, kann ich nicht beurteilen, aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es bestimmt viele Musiker/innen gibt, die begeistert sind, einmal eine Literatur zu spielen, die in den Heimatkapellen nicht durchführbar ist und die sie auch auf ihren Instrumenten fordern.

Ebenfalls eigenartig ist Ihre Lobhudelei der Blasmusik der Münchner Philharmoniker, obwohl laut Ihrer Besetzungsaufstellung immerhin 2 als Un-Instrumente bezeichnete Tenorhörner auch mit Melodieführung mitspielen!!

Auch ihre sagenhafte Hochachtung für Hansjörg Angerer ist für mich völlig unverständlich, da Sie sich ja als Fachmann outen. Diese Person hat eine Konzertreihe organisiert mit einem herausragenden Klangkörper und tatsächlich kluger Programmwahl mit einem genialen Arrangeur. Dafür gebührt ihm als Organisator aufrichtiger Dank.

Dieses Orchester könnte sich als wirkliches Aushängeschild Österreichs in der weltweiten Blasmusikszene präsentieren, ja wenn nicht dieser vor Selbstherrlichkeit nur so strotzende Herr an seiner Spitze stehen würde. Er hat es sogar geschafft im Dreikönigskonzert live im großen Festspielhaus einen Einsatz zu Beginn eines Musikteiles so zu verunstalten, sodass die Musiker keine Chance erhielten, gemeinsam zu musizieren und ein Abriss notwendig wurde, der vom Publikum mit peinlichem Gelächter quittiert wurde.

Sollte sich dieser Herr endlich besinnen, einen Profi-Blasmusikdirigenten (vielleicht auch im jährlich wechselnden Turnus) zu engagieren, wäre einem beschriebenen Aushängeschild mit Sicherheit der Erfolg beschieden.

Es wäre noch einiges zu diskutieren über Ihre Blasmusikfibel, wobei ich, wie gesagt, vielem Ihrer vielleicht manchmal überpointierten Überlegungen zustimme. Vielleicht können wir über diese Thematik einmal persönlich vor einem Promenadenkonzert entspannt plaudern.

Schöne Grüße aus dem Pinzgau
Leitner Martin

Sehr geehrter Herr Leitner!

Herzlichen Dank für die ausführliche Stellungnahme zu meinem Buch Blasmusikfibel. Da Sie in ihrer Kritik viele für die derzeitige Entwicklung der Blasmusik relevante Themen ansprechen, hielt ich es für sinnvoll, Sie um die Abdruckgenehmigungen ihres Mails zu bitten, sodass wir unsere Diskussion öffentlich durchführen und damit vielleicht einen kleinen Beitrag zur geistigen Belebung der Szene beitragen können.

Meine harsche Kritik an den Tiroler Blasmusikkomponisten Tanzer, Thaler und Ploner ergab sich aus der unsäglichen Aussage eines Südtiroler Landeskapellmeisters, wonach dem Tiroler die drei Herren das gleiche bedeuteten wie dem Österreicher Mozart, Beethoven und Schubert. Da es aus meiner Sicht nur gute oder schlechte Musik gibt, geblasen, gezupft oder gestrichen, ist es wohl nicht unbotmäßig, hier die Maßstäbe zurechtzurücken. Dies bedeutet zugleich nicht, dass Tanzer und Thaler nicht einige brauchbare Märsche geschrieben hätten, deren melodische Einfälle jedoch in der Regel auf alten Volksliedern beruhen.

Wenn von Machwerken die Rede ist, dann sind damit Werke wie Tirol 1809 von Tanzer oder Die Etsch von Thaler gemeint. Ersteres ist ein hilfloser Abklatsch der Ouverture Solennelle von Peter Iljitsch Tschaikowsky, das zweitere der misslungene Versuch, Die Moldau von Friedrich Smetana auf Tiroler Verhältnisse umzukopieren.

Es versteht sich, dass ich bei den 5 CD-Aufnahmen, die ich mit verschiedenen Musikkapellen machen konnte, vom Leistungsniveau der zur Verfügung stehenden Musikerinnen Musiker abhängig war, woraus sich klar ergab, dass Werke der von Ihnen angeführten Komponisten Toch, Gal, Pepping oder Schönberg viel zu schwer gewesen wären. Hinzu kommt, dass von den Genannten schon damals eine hervorragende Einspielung des Landesblasorchesters Baden-Württemberg existierte und unsere CDs auch darauf hin konzipiert waren, eventuell bei Platzkonzerten an die Gäste unseres Landes verkauft zu werden, woraus sich klare Programmvorgaben in Richtung Tirolerische Identität ergaben.

Ihre Behauptung, dass bei einem Konzert drei Musikkritiker zu drei verschiedenen Meinungen gelangen, ist schlicht und einfach falsch, wenn es um die Beurteilung geht, auf welchem Niveau der Interpretation ein Orchester spielt. In diesem Punkt wird sehr rasch eine einheitliche Meinung erzielt.

Ich habe bewusst auf das äußere Erscheinungsbild der Musiker der Egerländer Musikanten angespielt, weil sie einen Lebensstil repräsentieren, der nicht nur durch seinen Hang zu übermäßigem Konsum von Schweinsbraten und Bier ungesund ist, sondern auch ein erstklassiges Musizieren nach der Pause eines Konzerts verunmöglicht, da, mit ihren Egerländer Vorbildern im Kopf, immer noch zu viele Musiker auch heute noch nicht davon zu überzeugen sind, dass Alkoholkonsum ein sensibles Spiel besonders bei Amateuren ausschließt.

Die Egerländer Musikanten sind zu einer Geldverdienen-Maschine geworden, was man der Musik anhört. Die Altmatreier Tanzmusik ist immer eine authentische Volksmusik geblieben, die durch ihre unverwechselbare, ungeglättete Instrumentation und die Originalität ihrer Kompositionen Einschlafattacken verhindert. Zumindest bei mir.

Seit Jahren werfe ich auch den Wiener Philharmonikern vor, dass sie nicht für das Publikum, das im Saal sitzt, spielen, sondern die Gnade haben, die steuerzahlenden Österreicher bei der Produktion der nächsten CD beiwohnen zu lassen. Genau dieser Umstand der auf den Verkauf hin orientierten kommerziellen Prostitution führt zu einer künstlerischen Hohlheit, die wiederum Müdigkeit zur Folge hat.

Richtig eingesetzt sind Tenorhörner selbstverständlich keine Un-Instrumente. Wenn jedoch acht bis zehn davon nebeneinandersitzen und alles zu einem Klangbrei verunstalten, wird es problematisch. Und leider geschieht dies gar nicht so selten wie Sie meinen.

Ja, ich stehe dazu, Hansjörg Angerer hat nicht nur eines der besten Blasorchester der Welt aufgebaut, sondern er ist auch ein Dirigent, der durch seine leidenschaftliche Musikalität Aufnahmen präsentiert, wie sie in der Bläserszene sonst kaum zu finden sind.

Ich war bei dem Konzert anwesend, bei dem es aufgrund der verschiedenen Wiederholungszeichen und Da-Capo-Anweisungen im Rahmen einer Polka zu einem Missverständnis zwischen einigen Musikern und dem Dirigenten kam. Der Fehler war sehr rasch ausgebügelt und von einem Gelächter, lieber Herr Leitner, habe ich, mitten im Saal sitzend, nichts mitbekommen. Allerdings war mir sofort klar, dass dieses kleine Missgeschick zur Freude vieler blitzartig die Runde machen würde.

Ein Dirigent ist dann schlecht, wenn das Stück, das er dirigiert, langweilig und uninspiriert beim Publikum ankommt. Solches ist Hansjörg Angerer noch nie passiert. Und bitte verschonen Sie mich mit dem Ausdruck Profi-Blasmusikdirigent, da habe ich in meinem langen Leben als Blasmusikant und Veranstalter der Innsbrucker Promenadenkonzerte schon viel zu viele aufgeblasenen Langeweiler erlebt, die sich als Götter in der Blasmusik-Blase verehren lassen.

Auch ich würde mich freuen, wenn wir uns im nächsten Juli bei einem Promenadenkonzert bei schönem Wetter im Rahmen eines schönen Konzerts bei einem guten Glas Wein miteinander unterhalten könnten.

Bis dahin in musikalischer Verbundenheit
Alois Schöpf

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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