Literarische Korrespondenz:
Christoph Schmarl an Alois Schöpf
Betrifft: Hunde
Alois Schöpf an Christoph Schmarl
Betrifft: Entgegnung
Sehr geehrter Herr Schöpf,
Ihre Kolumne Wenn ein Hund den Osterspaziergang stört liest sich weniger wie eine Analyse als vielmehr wie eine Dramatisierung – literarisch untermauert durch einen Ausflug zu Goethe. Dass ausgerechnet dessen Pudel, ein Sinnbild für Täuschung, bei Ihnen als Beleg für die Gefährlichkeit von Hunden dient, ist dabei fast schon passend – wenn auch vermutlich anders als beabsichtigt.
Besonders eindrucksvoll wirken Ihre rund 4.000 Hundebisse pro Jahr – zumindest solange man auf Einordnung verzichtet. Bezogen auf die Bevölkerung entspricht das weniger als 0,05 % jährlich. Oder anders gesagt: Über 99,95 % der Menschen bleiben pro Jahr unbehelligt.
Noch aussagekräftiger wird diese Zahl allerdings, wenn man genauer hinsieht: Unter den rund 4.000 Hundebissen finden sich keineswegs nur gezielte Beißattacken, sondern in erheblichem Umfang auch harmlose Schnapper oder oberflächliche Kratzer. Eine Differenzierung nach Schwere oder tatsächlicher Gefährlichkeit bleibt dabei meist aus – die Zahl wirkt dadurch dramatischer, als sie ist.
Noch interessanter ist der Kontext, den Sie auslassen: Daten aus Deutschland und der Schweiz – also gut vergleichbaren Ländern – zeigen übereinstimmend, dass etwa 70–80 % der Hundebisse im privaten Umfeld passieren, also bei bekannten Hunden. Lediglich 20–30 % ereignen sich im öffentlichen Raum. Der von Ihnen gezeichnete gefährliche Spazierhund ist damit statistisch eher die Ausnahme als die Regel.
Ähnlich großzügig wirkt Ihr Umgang mit tödlichen Hundeattacken. Diese bewegen sich im Bereich von deutlich unter 0,0001 % pro Jahr – also seltene Einzelfälle. Regelmäßig ist dafür ein bemerkenswert dehnbarer Begriff.

Spätestens wenn Hunde zu biologischen Waffen erklärt werden, verlässt der Text den Bereich der Argumentation und betritt das Feld der Polemik. Differenzierung – etwa nach Haltung, Ausbildung oder konkreten Umständen – bleibt dabei konsequent außen vor.
Man muss kein Hundefreund sein, um festzustellen, dass diese Perspektive verkürzt ist. Hunde übernehmen heute in vielen Bereichen wichtige Aufgaben – als Therapie- und Assistenzhunde, bei Rettungsdiensten oder auch im jagdlichen Einsatz. Diese differenzierte Rolle vollständig auszublenden, während gleichzeitig ein einseitiges Bedrohungsszenario aufgebaut wird, greift zu kurz.
Die große Mehrheit der Hundebesitzer hält sich an alle Regeln, zahlt Hundesteuer und geht verantwortungsvoll mit ihren Tieren um. Dass es schwarze Schafe gibt, ist unbestritten – rechtfertigt aber keine pauschale Zuspitzung oder Angstbilder.
Dabei entspricht die Behauptung, jeder Hundebesitzer müsse künftig einen Sachkundenachweis erbringen, nicht der aktuellen Rechtslage in Österreich. Die Pflicht zum Sachkundenachweis gilt nur für bestimmte Hunderassen, für Hunde, die als gefährlich eingestuft werden, oder in speziellen Bundesländern, die zusätzliche Regelungen erlassen haben. Ein allgemeiner Sachkundenachweis für alle Hundehalter existiert nicht.
Statt Angst zu schüren, brauchen wir echte Lösungen:
1. Bildung in Schulen: Therapie- und Schulhunde können helfen, Kindern frühzeitig die Körpersprache von Hunden und den sicheren Umgang mit ihnen zu vermitteln. Dies fördert Respekt vor Hunden und reduziert das Risiko von Beißvorfällen.
2. Handelskontrolle und sachkundebasierte Maßnahmen: Der unkontrollierte Welpenhandel sollte stärker reguliert werden. Ergänzend sollten verpflichtende Schulungen und Trainings für Halter bestimmter Hunderassen gefördert werden, die in einigen Bundesländern Österreichs bereits vorgeschrieben sind. Pauschale Anforderungen für alle Hundehalter sind nicht erforderlich.
3. Wertschätzung: Die gesellschaftliche Bedeutung von Therapie- und Assistenzhunden verdient mehr Anerkennung, statt in einem verzerrten Gesamtbild unterzugehen. Gleichzeitig zeigt ein differenzierter Blick auf Hundehalter, dass verantwortungsbewusste Haltung und sachkundiges Verhalten wesentlich zur Sicherheit beitragen.
Man kann zuspitzen. Man kann auch pointieren. Aber wenn aus einer überwiegend häuslichen Problematik (70–80 %) eine gefühlte öffentliche Dauergefahr wird, dann ist das weniger Analyse als Inszenierung.
Oder, um bei Goethe zu bleiben: Hier wird nicht des Pudels Kern freigelegt – sondern vor allem ein recht belastbares Klischee gepflegt.
Mit freundlichen Grüßen
Christoph Schmarl
2. Mail:
Sehr geehrter Herr Schöpf,
Ihre Kolumne zeichnet ein Bild, das den Blick sehr stark auf mögliche Probleme im Umgang mit Hunden lenkt. Dadurch entsteht aus meiner Sicht eine Perspektive, in der andere, ebenso prägende Seiten des Zusammenlebens etwas in den Hintergrund treten.
Für viele Menschen sind Hunde weit mehr als nur potenzielle Risikofaktoren. Sie sind verlässliche Begleiter im Alltag und übernehmen darüber hinaus auch in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen wertvolle Aufgaben – sei es unterstützend, therapeutisch oder im Dienst anderer. Diese Facetten sind ein wesentlicher Teil des Gesamtbildes.
Gleichzeitig ist selbstverständlich, dass es auch problematische Situationen und verantwortungslose Halter gibt. Diese verdienen Aufmerksamkeit und entsprechende Maßnahmen. Gerade deshalb erscheint mir jedoch ein differenzierter Zugang wichtig, der nicht verallgemeinert, sondern beide Seiten mitdenkt.
Eine objektivere Darstellung könnte dazu beitragen, nicht nur Sorgen aufzugreifen, sondern auch den Blick auf Lösungen zu lenken, die ein respektvolles und sicheres Miteinander von Menschen und Hunden fördern.
Mit freundlichen Grüßen
Christoph Schmarl
Entgegnung:
Sehr geehrter Herr Schmarl!
Ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre beiden Mails, die offenbar von einem Hundefreund geschrieben wurden, sich einer sehr höflichen Diktion bedienen, jedoch Argumente und Behauptungen enthalten, die ich eindeutig zurückweisen muss.
Nur grotesk ist Ihre Argumentation, wenn Sie die jährlich 4000 Hundebisse vor dem Hintergrund der Gesamtbevölkerung Österreichs auf 0,05 % zurückrechnen und daraus den Schluss ziehen, ich möchte mich doch nicht in so übertriebener Weise über eine derartig geringe Anzahl von Betroffenen aufregen. Ihre Schlussfolgerung würde in etwa der Feststellung entsprechen, dass es im Jahre 2024 in Österreich 76 Morde gegeben hat, woraus folgt, dass bei einer Einwohnerschaft von gerundet 10 Millionen Österreichern der Prozentsatz der Ermordeten 0,000 76 % der Bevölkerung betrifft, woraus aus ihrer Sicht zu folgern wäre, dass Polizei, Mordkommissionen und Präventivmaßnahmen gegen Gewaltverbrechen angesichts der geringen Zahl der Betroffenen aus Polemik resultierende staatliche Fehlinvestitionen seien.
Wenn Sie in der Folge bemerken, dass von diesen 4000 Hundebissen lediglich 20-30 % im öffentlichen Raum und der Rest im privaten Bereich erfolgen, ändert dies absolut nichts an der Schwere der Delikte bzw. der Körperverletzungen.
Sie unterstellen mir Übertreibung, indem Sie behaupten, ich würde auch Kratzer und harmlose Schnapper, wie Sie sich auszudrücken belieben, unter die Verletzungen einreihen. Ich darf Sie schon bitten, meine Kolumne genauer zu lesen: darin ist unmissverständlich von in Krankenhäusern gemeldeten Verletzungen durch Hunde die Rede.
Das Herunterrechnen von tödlichen Hundeattacken auf 0,0001 % pro Jahr ist, erlauben Sie mir die Bezeichnung, nur noch zynisch und menschenverachtend.
Wenn ich Hunde als oftmals biologische Waffe bezeichnet habe, so betrifft dies nicht nur allfällige Körperverletzungen, sondern auch die Tatsache, dass sie durch ihr Erscheinen und ihr Gekläffe Angst und Schrecken verbreiten können, eine Belästigung, die bei jeglichem anderen vergleichbaren Verhalten durch einen Menschen zu Klagen aufgrund von gefährlicher Drohung führen könnten. Warum soll sich irgendjemand eine solche Behandlung von einem Hundsviech und dem inkompetent daneben stehenden Hundehalter gafallen lassen?
Mit geradezu jesuitischer Finesse fügen sie im Hinblick auf Schulungszwänge für Hundehalter das Wort derzeit ein, eine diesbezügliche Zeitfeststellung, die ich nie getroffen habe. Vielmehr steht in meinem Artikel eindeutig, dass ein Sachkundenachweis erst ab 1. Juli 2026 für alle Hundebesitzer, auch für Sie, vorgeschrieben ist.
Unbestritten ist, dass Hunde als Haustiere nicht nur viel Freude bereiten, Menschen treue Gefährten sind und in der Therapie erfolgreich eingesetzt werden können. Dem möchte ich hinzufügen, dass ich Hunde liebe, sofern ich keine Angst vor ihnen bzw. ihren unberechenbaren Besitzern haben muss.
Ich wurde schon zweimal gebissen und habe wahrscheinlich als Wirtshauskind, das immer wieder durch unter den Tischen hervorschießende Hunde erschreckt wurde, eine gewisse Sensibilität entwickelt. Ich bin mit ihr aber nicht allein, viele Leser, besonders wenn es mehrfach angefallene Jogger sind, haben meine Überlegungen in der Kolumne ausgesprochen begrüßt.
Mit besten Grüßen
Alois Schöpf
Illustration: KI-generiert
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Antwort auf die Entgegnung meines Kommentars vom 08.04.
Sehr geehrter Herr Schöpf,
zunächst möchte ich klarstellen, dass es mir fernliegt, Ihnen etwas zu unterstellen oder Ihre Erfahrungen in Frage zu stellen. Ich habe Ihre Ausführungen vielmehr aus der Perspektive eines pflichtbewussten Hundehalters gelesen und darauf aufbauend meine Gedanken formuliert.
Vielen Dank für Ihre ausführliche und engagierte Antwort. Ihre Schilderungen und persönlichen Erfahrungen sowie Ihre daraus resultierende Sensibilität im Umgang mit Hunden kann ich gut nachvollziehen. Sie machen deutlich, wie stark das Thema Hundehaltung mit individuellen Erlebnissen und Sicherheitsbedürfnissen verbunden ist. Der Wunsch, sich im öffentlichen Raum sicher und unbehelligt bewegen zu können, ist selbstverständlich und verdient volle Beachtung.
Gerade deshalb halte ich es für wichtig, die Diskussion sachlich und differenziert zu führen.
Ihr Vergleich zwischen Hundebissen und Mordfällen erscheint mir als zugespitzte Darstellung eines Standpunktes, führt aus meiner Sicht jedoch nicht zu einer sachgerechten Vergleichbarkeit, da beide Situationen in ihrer Art und Bewertung sehr unterschiedlich sind.
Unabhängig davon teile ich Ihre Auffassung, dass auch weniger schwere Vorfälle ernst genommen werden sollten. Entscheidend ist aus meiner Sicht, Lösungen zu finden, die sowohl das Sicherheitsbedürfnis der Menschen als auch ein verantwortungsvolles Miteinander berücksichtigen.
Dazu könnten beitragen:
• klare und verständliche Regeln im öffentlichen Raum,
• Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit durch Hundehalter, sowie ein respektvoller Umgang miteinander, auch in Situationen von Unsicherheit oder Angst.
Mir ist wichtig zu betonen, dass Ihr Anliegen nach mehr Sicherheit absolut berechtigt ist. Gleichzeitig halte ich eine differenzierte Betrachtung für hilfreich, um gezielt dort anzusetzen, wo tatsächlich Probleme entstehen.
„Das Problem sitzt am Ende der Leine – oft liegt die Ursache beim Menschen, nicht beim Hund. Deshalb sind Aufklärung bereits in Schulen und Kindergärten sowie ein frühzeitiger, verantwortungsbewusster Umgang mit Hunden wichtig – wie er bei mir von Kindesbeinen an durch das Aufwachsen mit Hunden geprägt wurde – ergänzt durch Training und Sachkunde für alle Halter.“
Ich danke Ihnen nochmals für Ihre offenen Worte und den konstruktiven Austausch.
Vielleicht treffen wir uns einmal zu einem „Maispaziergang“ und persönlichem Gedankenaustausch in Lans mit unseren Hunden und Enkeln.
Mit freundlichen Grüßen
Christoph Schmarl
Sehr geehrter Herr Schmarl!
Herzlichen Dank für Ihre freundliche Antwort.
Ich bin in allen Punkten mit Ihnen einverstanden.
Alois Schöpf
Eine Werteverschiebung
Die Gesellschaft durchdringt seit einiger Zeit eine z.T. absurde Werteverschiebung. Die Menschen verwechseln das Halten von Tieren mit einer angeblich erweiterten Lebensqualität. Seit Menschengedenken gibt es Nutzvieh, domestiziert und zur Nahrungskettenerweiterung gehalten. Soweit so gut.
Nun hat sich in den letzten Jahrzehnten die Perspektive „Tier“ völlig neu orientiert. Nutzvieh ist zur Massenware und Abfallanhäufung verkommen. Und sozusagen als „Ausgleich“ wird der Haustierbesitz/die Haustierhaltung wie eine Monstranz der Dekadenz vor sich her getragen. Exotisches Vieh aller Art, und in unseren Breitengraden werden vornehmlich Hunde und Katzen als die neuen „treuen Begleiter“ ausgerufen.
Der Homo Sapiens zur zwischenmenschlichen Wahrnehmung kaum mehr fähig, dafür als Dominator seines „Hausvieh“.
Ich bin am Land aufgewachsen und zur damaligen Zeit hatten höchstens einschichtig gelegene Bauernhöfe bzw. Jäger einen Hund als „Begleiter“. Im urbanen Raum bzw. Städten gab es de facto keine Hunde und wenn, dann sorgfältig gehalten.
Diese Zeit ist vorbei – nun gilt man ohne Hund schon fast als Außenseiter. In Österreich sind es offiziell um die knapp 700.000, mit der Dunkelziffer noch einige Tausend mehr. Einerseits ein gutes Geschäft für Züchter und Welpenhändler sowie „Fressnapfketten“, deren Parkplätze manchmal besser als jene von Supermärkten besucht sind. Dann noch die öffentliche Hand, die von der Hundesteuer profitiert, und dabei oftmals die wahren Kosten (Verschmutzung im öffentlichen Raum, Unfälle, Attacken etc.) übersieht. Ist ja eine nicht zu unterschätzende Wählergruppe.
Dass die meisten Hundehalter, vor allem in kleinräumigen Wohn- und Auslaufverhältnissen mit den „Viechern“ überfordert sind, wird dabei völlig übersehen.
Rettungshunde auf allen Ebenen sowie Begleithunde für Blinde etc. oder Spürhunde für die Polizei und die Jäger – o.k., aber das wärs dann schon.
Gerade kürzlich wurde ich (wieder einmal) von einem Hund, einem großen Hund, angegriffen. Absolut grundlose Attacke, aus dem Nichts heraus. Ich habe sie abwehren können, bevor was weiß ich geschehen hätte können.
Ich bin in Wien viel zu Fuß unterwegs, und was ich sehe ist, dass, übern Daumen gepeilt bei mehr als 90% der Mensch-Hunde-Paare, eindeutig der Hund der Chef ist. Was dann auch mit ein Grund für solch grundlose Attacken ist. Aber das will Mensch nicht verstehen.
Ich habe übrigens überhaupt nichts gegen Hunde, im Gegenteil (hatte auch selber welche), aber ziemlich viel gegen vom Hund unterworfene ahnungslose beratungsresistente Besitzer.