Literarische Korrespondenz
Helmut Schiestl an Alois Schöpf
Betrifft:
Der Journalismus als neue Priesterklasse
Lieber ein Publikumsrat statt Parteien
Hallo Alois,
ja da ist natürlich was dran, wenn man Demokratie ernst nimmt. Man hat aber gerade in Ungarn gesehen, wie schnell eine Partei mit absoluter Mehrheit daran geht, Medien auszuschalten, die ihr nicht gefallen.
In den USA wird jetzt unter Trump Ähnliches versucht, wobei natürlich die USA medienpolitisch anders aufgestellt sein mag als etwa das kleine Ungarn. Würde jetzt etwa die FPÖ regieren, würde sie natürlich den ORF ganz in ihrem Sinne führen, ihre Leute in die entscheidenden Gremien bringen und alles, was ihr nicht zu Gesicht steht, entfernen oder mundtot machen. Das ist die eine Seite.
Die andere besteht, und da gebe ich dir recht, in einem deutlichen linksliberalen und links-grünen Überhang von Journalistinnen und Journalisten bei den öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland und Österreich, die peinlich darauf achten, dass nur ja nicht einmal auch eine rechte oder konservative Stimme in einer ihrer Sendungen länger zu Wort kommt. Politiker und Politikerinnen der im Parlament vertretenen Parteien natürlich ausgenommen, wobei sich die FPÖ ja ihrerseits weigert, im ORF bei Interviews Position zu beziehen.
Im Kultursender Ö1, das intellektuelle Aushängeschild des ORF, wird man kaum einmal eine kritische Stimme zur Migration hören, auch keine zu sonstigen Zeitgeist-Erscheinungen wie Wokeness oder Queerness.
Die Sendung Gedanken etwa, die jeden Sonntag um 9:00 Uhr ausgestrahlt wird, und sicher eine große Reichweite hat, wird nicht nur meistens, sondern immer mit Leuten aus der linksliberalen Szene bespielt, genauso ist es mit der Sendung Im Gespräch jeden Donnerstagabend, anstelle eines interessanten Streitgesprächs meistens ein akustisches Selfie.
Und genauso ist es mit der Sendung Punkt eins, die einzige Sendung übrigens auf Ö1, wo Hörerinnen und Hörer sich direkt mit ihrer Meinung einbringen können. Da gab es zum Beispiel vor gut einem Monat eine Sendung zum Thema, wie weit sich die Arbeiter und Arbeiterinnen noch von der SPÖ vertreten fühlen. Interessanterweise wurde keine einzige Anruferin oder kein einziger Anrufer durchgeschaltet. Da ich das nicht glauben konnte, dass da niemand anruft, schickte ich dem Ö1-Service eine Mail dazu. Antwort bekam ich darauf bis heute keine.
Es wird so getan, als wäre jede andere Weltsicht als die linksgrüne oder linksliberale reines Gift und den Zuhörern und Zuhörerinnen nicht zumutbar oder würde ihre Urteilskraft völlig überfordern.
So könnte man noch genügend Beispiele anführen, die zeigen, wie einseitig unsere Medien, und vor allem auch im ORF, in dem übrigens auch die Kirche noch einen Platz einnimmt, der ihr bevölkerungsstatistisch schon seit längerem nicht mehr zusteht, geworden sind.
Der ORF ist schon lange kein Ort kritischer Diskussionen mehr. Ihn allerdings dann nur mit den Parteigänger/innen der jeweils herrschenden Regierungspartei auszustatten, würde mir zu kurz greifen und am Ende auch gefährlich sein.
Vielmehr würde mir ein durch einen von Hörern und Hörerinnen, Sehern und Seherinnen gewählter Publikumsrat, der von allen Bevölkerungsgruppen beschickt das gesamte Spektrum unserer Gesellschaft widerspiegelt und dann die ORF Spitze wählt, weitaus besser gefallen.
Herzliche Grüße Helmut Schiestl
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