Literarische Korrespondenz:
Dietger Lather an Reinhard Walcher
Betrifft:
Europa ade? Müssen wir uns fürchten?
Anzeigen, Tücher und Statistiken – eine Bitte um Erklärungen
Vorinformation zu den angesprochenen Artikeln:
https://schoepfblog.at/dietger-lather-religiose-kopftucher/
https://schoepfblog.at/literarische-korrespondenz-reinhard-walcher-an-dietger-lather/
Selten habe ich eine Replik auf meine Artikel gelesen, die weit über die von mir diskutierte Thematik hinaus reicht. Zwei Aussagen von Herrn Walcher bedürfen sicherlich der Korrektur.
Die erste betrifft seine Interpretation des von Frauen muslimischen Glaubens getragenen Kopftuches.
Dazu habe ich den Koran herangezogen. Es existieren viele Übersetzungen, aber keine allgemein gültige. In drei verschiedenen Ausgaben habe ich nachgeschlagen. In der Übersetzung über die Verhüllung bei Frauen unterscheiden sie sich. Es wird vom Tuch gesprochen, vom Schleier und vom Kopftuch. Zitiert habe ich aus der Koran-Übersetzung von Scheich Abdullah As-Samit (F. Bubenheim, Anm: sein deutscher Name) und Dr. Nadeem Elyas, die im Internet unter https://islam.de/quran gelesen werden kann.
Diese Übersetzung ist von Saudi Arabien gebilligt und wird vom Zentralrat der Muslime in Deutschland als Quelle empfohlen. Dort steht folgendes zu Scham und Verhüllung:
Koran Sura An-Nur (Sure das Licht),Vers 30 und 31
(30) Sag zu den gläubigen Männern, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten. Das ist lauterer für sie. Gewiß, Allah ist Kundig dessen, was sie machen.
(31) Und sag zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten, ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer dem, was (sonst) sichtbar ist. Und sie sollen ihre Kopftücher auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen und ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer ihren Ehegatten, ihren Vätern, den Vätern ihrer Ehegatten, ihren Söhnen, den Söhnen ihrer Ehegatten, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und den Söhnen ihrer Schwestern, ihren Frauen, denen, die ihre rechte Hand besitzt, den männlichen Gefolgsleuten, die keinen (Geschlechts)trieb (mehr) haben, den Kindern, die auf die Blöße der Frauen (noch) nicht aufmerksam geworden sind. Und sie sollen ihre Füße nicht aneinanderschlagen, damit (nicht) bekannt wird, was sie von ihrem Schmuck verborgen tragen. Wendet euch alle reumütig Allah zu, ihr Gläubigen, auf daß es euch wohl ergehen möge!
Wer im heißen Klima Saudi-Arabiens lebt, trägt zum Schutz gegen Verbrennungen der Kopfhaut oder eines Hitzschlages eine Kopfbedeckung. Männer wie Frauen, prinzipiell jeder Mensch. Das habe ich persönlich auch in Afghanistan erlebt. Fährt man durch die Türkei oder Albanien oder den Kosovo, so sieht man sehr viele Frauen muslimischen Glaubens, die kein Kopftuch tragen. Gleiches trifft für Österreich und Deutschland zu. Offensichtlich gibt es kein Gebot, ein Kopftuch zu tragen oder viele Frauen sind nicht gläubige Musliminnen?
Strenggläubige interpretieren obige Verse als Pflicht, ein Kopftuch zu tragen. Viele andere nicht. Dass in Saudi-Arabien in der von diesem Staat gebilligten Übersetzung vom Kopftuch gesprochen wird, ist angesichts der sehr konservativen Auslegung des Koran durch die Wahhabiten zu erwarten. Persönlich schließe ich mich der Auffassung an, aus dem Vers 31 sei kein Gebot zu erkennen, ein Kopftuch zu tragen. Das Gebot in diesem Vers richtet sich an die Frauen, Schmuck und Brüste zu verdecken und erlaubt das Zeigen ihrer Scham nur im persönlichen und sozialen Umfeld.
Leider fehlt in der Diskussion über das Kopftuch auf die Bedeutung der Scham hinzuweisen, die im Vers 30 auch von Männern gefordert wird. Die Bedeutung der Scham für das tägliche Leben müsste in einem eigenen Essay diskutiert werden, da es die kulturellen Bezüge zum Kopftuch, teilweise ohne religiösen Hintergrund, erläutern würde.
Herrn Walcher wäre ich sehr dankbar, wenn er die Quellen aufzeigen würde, warum das Kopftuch sichtbares Zeichen des Dschihad sei und ursprünglich (bedeutete, Anm), dass die unreine Frau nicht würdig ist, mittels ihres unbedeckten Hauptes in direkter Verbindung mit dem himmlischen Allah zu stehen. Ursprünglich bezieht sich auf den Koran. Dort kann ich diese Interpretation nicht entdecken.
Die von Herrn Walcher zitierten Zahlen über Messerangriffe bedürfen ebenfalls der Erläuterung. Die Zahlen beziehen sich auf die Anzahl der angezeigten Gewalttaten mit Stichwaffen in Österreich, also nicht auf die tatsächlichen Angriffe. Es sind sogar die Kontrollen der Polizei aufgenommen, wenn jemand angetroffen wurde, der ein Messer mitführt, aber weder damit gedroht oder gar zugestochen hat. Dies trifft besonders für Asylbewerber und Asylberechtigte zu, die keinerlei Waffen mitführen dürfen (§11a Waffengesetz).
Das Bundeskriminalamt stellt selbst fest, dass durch die erhöhten Kontrollen die Zahl der Anzeigen gestiegen ist. Es gibt aber in Österreich keine belastbare Aussage, wer Straftaten begangen hat und wie viele Straftaten mit Messern begangen wurden. Es existiert auch keine Statistik über die Urteile, denn nur die würden die Angriffe mit Messern aufschlüsseln. Mit anderen Worten, die reine Zahl besagt gar nichts, außer einen numerischen Anstieg.
Interessant ist aber die Zahl aus 2013, bevor 2015 die Flüchtlingswelle nach Österreich schwappte. 1300 zitiert Herr Walcher, 2014 waren es fast 2000. Daraus schließe ich, dass eine nicht unerhebliche Anzahl an Messerangriffen von Österreichern begangen wurde. Vielleicht ist auch deswegen damals kaum über die Straftaten mit Messern berichtet worden. Über 10 Jahre hinweg wird der Anstieg an Anzeigen in der Statistik des Bundeskriminalamtes auf 2600 konstatiert, 600 mehr. 2 509 000 Menschen mit Migrationshintergrund lebten 2024 in Österreich.
Selbst wenn alle Anzeigen gegen Menschen mit Migrationshintergrund gestellt worden wären, ergäbe sich statistisch folgendes Bild. 2600 Anzeigen entsprechen etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. De facto sind es weniger, da auch Österreicher zum Messer greifen. Zur Erinnerung, die Zahlen betreffen Anzeigen, nicht Straftaten.
Die tatsächlichen Straftaten bewegen sich daher sicherlich im hundertstel Bereich. Warum Herr Walcher von einer beängstigenden Realität spricht und von einer Unterwerfung unter Mohammedaner und einer Öffnung des Trojanischen Pferdes erschließt sich mir nicht.
Aus meiner zehnjährigen Arbeit als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer kann ich Herrn Walcher versichern, dass die überwiegende Mehrheit der Asylsuchenden Messerangriffe genauso verurteilt wie wir.
Verwundert war ich über Herrn Walchers Analyse meiner Person. Wäre es nicht schön, sich darüber mit mir bei einem Verlängerten im Café Central in Innsbruck zu unterhalten. Dazu lade ich ihn ein.
Dietger Lather
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